Wirtschaft will mehr Zuwanderer

4. November 2008, 22:38
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Wirtschaftsexperten ermahnen die Regierungsverhandler: Österreich brauche bis zu 40.000 neue Zuwanderer - und endlich ein "gesteuertes" Einwanderungskonzept

Wien - Keinerlei Details kommen den rot-schwarzen Verhandlern derzeit zum Stand des Regierungsprogramms über die Lippen. Nur die Untergruppe "Sicherheit und Justiz" , die sich auch mit Reformen im Fremdenrecht beschäftigt, ließ unlängst ausrichten, man "kommt gut voran" . Eisern geschwiegen wird allerdings schon wieder dazu, ob SPÖ und ÖVP weitere Verschärfungen oder doch Lockerungen für Zuwanderer planen.

Dafür waren bei dem Thema am Dienstag zwei einflussreiche Arbeitgeber-Organisationen umso gesprächiger: Gemeinsam mit der International Organisation for Migration, kurz IOM genannt, stellten Industriellenvereinigung (IV) und Wirtschaftskammer (WK) im Wiener Museumsquartier ihr neues Konzept nach einem Punktesystem vor, das gezielte Einwanderung nach Österreich ermöglichen soll. Und zwar "bewusst jetzt, angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise" , wie Martin Gleitsmann von der WK betonte, denn: "Gerade in solchen Zeiten" benötige "die Wirtschaft gut ausgebildete Kräfte, um Wachstumsanreize zu setzen."

Konkret brauche das Land sogar "zwischen 20.000 und 40.000 Einwanderer pro Jahr" , rechnete Georg Kapsch von der Industriellenvereinigung vor - und das "gesteuert" , also anders, als die Zuwanderung derzeit vonstatten gehe. "Wir müssen endlich zur Kenntnis nehmen, dass Österreich ein Einwanderungsland ist" , mahnte Kapsch - und meinte damit auch die Koalitionsverhandler. Trotz der Wahlerfolge der rechtspopulistischen Parteien sei es an der neuen Regierung, dringend etwas gegen das "Klima der Angst" zu unternehmen, das die Themen Einwanderung und Asyl bei vielen auslöse.

Anschluss verloren

David Reisenzein von der IOM erklärte wiederum, dass dadurch viele Chancen ausgelassen werden: "Die qualifizierte Migration geht an dem Land vorbei." Übrigens nicht nur hier: Die gesamte EU habe den Anschluss beim Wettkampf um die Fachkräfte verloren, während in Amerika oder Asien schon seit Jahren die am besten Ausgebildeten angelockt würden.

Ob sich die künftige Regierung an diese Empfehlungen hält, wenn sie für die kommenden Jahre mit einer steigenden Arbeitslosenrate rechnen muss? Auch andere Migrationsexperten drängen seit langem auf ein durchdachtes Einwanderungskonzept. "Wenn es zu einer Depression kommt, dann wird es sowohl aus ökonomischen als auch aus politischen Gründen weniger Zuwanderung geben" , analysiert Rainer Bauböck, meint aber: "Am strukturellen Bedarf nach ausländischen Arbeitskräften ändert sich dadurch langfristig wenig. Für die steigende Zahl an Pflegekräften wird es auf absehbare Zeit kaum ein Angebot an inländischem Personal geben."

Anders als jetzt ließ zumindest die ÖVPim Wahlkampf mit einem Vorstoß zur Zuwanderungsfrage aufhorchen: Nämlich, dass Einwanderungswillige künftig bereits in ihren Heimatländern Deutschkenntnisse vorweisen müssen, bevor sie nach Österreich kommen dürfen. Fände sich der schwarze Vorschlag tatsächlich in einem Regierungsübereinkommen, hätte das unweigerlich "eine massive soziale Selektion" zur Folge, gibt Bernhard Perchinig von der Akademie der Wissenschaften zu bedenken, denn: Damit würde der klassische Familiennachzug für Migranten mit geringerer Bildung eingeschränkt, da nur jene Deutschkurse in ihren Herkunftsland absolvieren könnten, "die in Städten leben und wahrscheinlich über Internet-Zugang verfügen" .

Ähnliches prophezeit Bauböck, der auch auf Erfahrungen in Deutschland und in den Niederlanden verweist: Dort habe man gesehen, dass hochqualifizierte Kräfte "eine solche Auflage für den Nachzug von Partnern als Schikane betrachten - und dann lieber in andere Staaten ausweichen" . (Irene Brickner, Günther Oswald, Nina Weißensteiner/DER STANDARD Printausgabe, 5. November 2008)

Wissen: Qualifizierte gezielt gesucht

Mit ihrem Sechssäulenkonzept für ein "transparentes, zukunftsorientiertes Migrationsmodell" wollen Industriellenvereinigung (IV) und Wirtschaftskammer (WKÖ) die Einwanderung gut ausgebildeter und hochqualifizierter Menschen fördern, die auf dem heimischen Arbeitsmarkt fehlen.

Derzeit verfügen in Österreich nur 11,3 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund über akademische Ausbildung - in der OECD die niedrigste Rate.

Daher rückt das Modell "qualifizierte Migranten mit Arbeitsplatzangebot" (Säule 1) und "hochqualifizierte Zuwanderer" (Säule 2) in den Vordergrund. Für beide Gruppen werden Qualifikationskriterien definiert, die Bewerbern Punkte einbringen: Ausbildung und Bedarf am Arbeitsmarkt werden dabei besonders hoch bewertet. Auch eine "erforderliche Mindestpunkteanzahl" , bei deren Unterschreitung Einwanderung nach Österreich nicht möglich sein soll, wird angegeben.

Säule 3 gilt für den Anwendungsbereich der Blue Card, mit der die EU den Zuzug von Fachkräften aus Drittstaaten regeln will. Säule4 umfasst Studierende, die für die Studiendauer ihre Familie nachziehen lassen und hier arbeiten dürfen, Säule 5 die "niedrig qualifizierte Migration" , Säule 6 "sonstige Formen der Mobilität" . Die "niedrig Qualifizierten" sollen, wie derzeit Saisonniers, nur befristet Aufenthalt bekommen und ihre Familien nicht nachziehen lassen dürfen. Bedarf für solche Kräfte besteht laut Konzept etwa bei Heimhilfen. Für Asylwerber fordern IV und WKÖ abseits des Konzeptes Arbeitsbewilligungen drei Monate nach Stellen des Antrags. (bri/DER STANDARD Printausgabe, 5. November 2008)

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    Die Wirtschaft sucht ausländische Facharbeiter. Diese gehen aber wegen der Hürden lieber in andere Länder.

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