"Alles ist auf Warteposition"

4. November 2008, 17:47
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Jordaniens König im STANDARD-Interview: "Wahlen in den USA, Palästina und Israel haben eine Atmosphäre geschaffen, in der man erst einmal abwartet"

Der Nahe Osten wartet auf einen neuen US-Präsidenten. Gudrun Harrer sprach am Tag der US-Wahlen mit König Abdullah II. in Amman, wo Bundespräsident Heinz Fischer am Sonntag zum Staatsbesuch eintrifft.

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STANDARD: Was erwarten Sie vom neuen US-Präsidenten in Bezug auf den Nahen Osten, beziehungsweise was würden Sie ihm raten?

Abdullah: Ich denke nicht, dass sich die US-Außenpolitik sehr verändern wird, vielleicht in einigen Aspekten, aber nicht drastisch. In der Region wird die Hauptsache sein, sich auf die Kernfrage zu konzentrieren, und das ist der israelisch-palästinensische Friedensprozess. Beide Kandidaten haben mir - und der Öffentlichkeit - zugesagt, dass sie da dranbleiben werden. Unsere Aufgabe war es in den vergangenen Monaten, eine Dynamik zu erhalten, dass, wer auch immer Präsident wird, da anschließen kann.

STANDARD: Von dieser Dynamik hat man nicht allzu viel gemerkt.

Abdullah: Ja, die Erwartungen des Annapolis-Prozesses wurden nicht annähernd erfüllt. Der Friedensprozess ist in Gefahr, und das macht uns allen große Sorgen. Die nächsten Monate werden entscheiden, ob wir ihn retten können. All die verschiedenen bevorstehenden Wahlen - in den USA, in Palästina, in Israel - haben eine Atmosphäre geschaffen, in der man erst einmal abwartet. Alles ist auf Warteposition. Aber Jordanien und andere Länder haben versucht, wenigstens etwas aufrechtzuerhalten, damit es danach wieder weitergehen kann. Außenministerin Condoleezza Rice kommt am Freitag wieder in die Region.

STANDARD: Es gibt auch noch den innerpalästinensischen Konflikt.

Abdullah: Wir hoffen, dass das bevorstehende Treffen am 9. November in Kairo einen Fortschritt bringt. Davon hängt alles ab: Die Palästinenser müssen sich positionieren können, wenn im Jänner eine neue US-Regierung das Amt antritt.

STANDARD: Manche empfehlen bereits, bei einem Scheitern des Treffens die Palästinenser sich selbst zu überlassen.

Abdullah: Das fiele uns sehr schwer, denn der Friedensprozess muss ja weitergehen. Deshalb wird es immer wieder neue Bemühungen geben.

STANDARD: Sie haben vor einem Jahr die Konfliktherde in der Region nach der Brisanz so gereiht: Israel - Palästina, Libanon und Irak.

Abdullah: Als ich das damals sagte, war offen, wo der nächste taktische Konflikt stattfinden würde, und das war dann im Libanon. Heute ist der politische Horizont nicht sehr klar, nach den US-Wahlen werden wir jedoch bald sehen, wo die Akteure innerhalb und außerhalb der Region ihre Strategien vorantreiben werden. Dann werden wir auch sehen, wo die nächsten Ausbrüche sein könnten.
Aber allgemein ist Israel - Palästina der entscheidendste Punkt. Irak ist heute, würde ich sagen, an einer bequemen dritten Stelle, aber auch da werden wir im nächsten Jahr Wahlen haben, die darüber entscheiden, wie es intern weitergeht.
Heute ist die Zeit, dem Irak freundschaftlich die Hand zu reichen. Es gibt da eine neue Bewegung der arabischen Länder, und Jordanien steht ganz vorne. Wir sollten noch mehr tun. Sonst sollten wir uns nicht wundern, wenn sich der Irak isoliert fühlt. Jordanien hat gute Beziehungen zu Premierminister Nuri al-Maliki, dem Präsidenten und allen anderen Schlüsselfiguren. Wir haben eine gute, solide Kommunikation, auch über die Flüchtlingsproblematik.


STANDARD: Sehen Sie Fortschritte in der nationalen Versöhnung?

Abdullah: Wir unterstützen einen "inklusiveren" , alle Teile der Bevölkerung einschließenden Blick auf die Zukunft des Irak. Das sind heute die guten Neuigkeiten in der Region, dass die Iraker verstanden haben, dass es um ihre nationale Identität geht und dass sie zusammenarbeiten müssen. Die wichtigste Herausforderung für den Irak ist jetzt, mit den USA ein "Status of Forces Agreement" (Sicherheitsabkommen, das die Präsenz der US-Truppen im Irak regelt, Anm.) zu schließen. Ich hoffe, dass ein Modus gefunden wird, der beide Seiten befriedigt, je früher desto besser. Wenn sie das nicht schaffen, würde das große Probleme bringen. Niemand von uns kann da von außen direkte Hilfe leisten, aber wir hoffen auf eine baldige Regelung.

STANDARD: Welche Auswirkungen der internationalen Finanzkrise erwarten Sie in der Region?

Abdullah: Krisen sind normalerweise zumindest teilweise an Instabilität gebunden. Europa und die USA sollen sich bemühen, den Nahostkonflikt einer Lösung zuzuführen: Wenn die Temperatur in der Region abkühlt, so wird sich das positiv auf das Vertrauen in die Märkte auswirken.

STANDARD: Und die spezifische jordanische Situation?

Abdullah: Die ganze Welt steht vor enormen Herausforderungen und leidet an den hohen Preisen, und jedes Land tut dagegen, was es kann. In Jordanien sind wir dabei recht erfolgreich. Mir liegt die jordanische Mittelklasse sehr am Herzen, die in den letzten Jahren stärker geworden ist. Deshalb kommt für uns diese Krise sehr zur Unzeit. Die Zukunft einer modernen fähigen Nation ist rund um eine effektive und breite Mittelklasse gebaut, und in Jordanien muss sie noch stärker und breiter werden.
Die Financial Times schreibt, dass Jordanien im Stabilitätsranking inmitten der Krise auf Platz eins steht. Das ist beruhigend, aber es bleibt noch viel zu tun. Wir müssen die Investitionen in unsere Infrastrukturprojekte vorantreiben. Ich erwarte ein gutes Jahr 2009, wir werden gleich bleiben, wenn nicht sogar besser werden. Manche Teile der Wirtschaft können von der Konstellation sogar profitieren.

STANDARD: Aber wenn der ganzen Welt das Geld ausgeht ...

Abdullah: Es könnte sein, dass internationale Firmen, die jetzt am Golf angesiedelt sind, auf Jordanien schauen und einen beruhigenderen Platz finden. Ich will nicht sagen, dass das unsere Geheimwaffe ist, aber immer mehr wissen unsere Geschäfts- und Investitionssicherheit in Jordanien zu schätzen. Wenn man einen sicheren Platz sucht, um Geschäfte zu machen, dann kann Jordanien damit dienen und gleichzeitig selbst davon profitieren. Deshalb hoffe ich auf ein gleichbleibendes Wachstum.

STANDARD: Österreichs Präsident Heinz Fischer kommt am Sonntag, um Ihren Besuch im Frühjahr in Wien zu erwidern.

Abdullah: Von allen Ländern Europas hat meine Familie, vor allem mein verstorbener Vater, Österreich immer als das gastfreundlichste empfunden. Wir haben viel gemeinsam, und es gibt auch noch Raum für gemeinsame wirtschaftliche Entwicklung, etwa zwischen den Privatsektoren beider Länder.

STANDARD: Eine Gemeinsamkeit der beiden Länder ist auch ihr Engagement im interreligiösen Dialog.

Abdullah: Es gibt schon viele Initiativen auf akademischer Ebene, ich selbst werde nächste Woche in New York in der Generalversammlung eine neue Dialogschiene vorstellen. In Amman ist auch eine Initiative angesiedelt, die "Amman Message" (Botschaft von Amman, Anm.), in der höchste Rechtsgelehrte aller islamischen Rechtsschulen die Hände sowohl untereinander als auch nach außen ausstrecken. Was uns zu tun bleibt, ist weg von den Regierungen und den akademischen Zirkeln zu kommen und zu versuchen, die Öffentlichkeit zu erreichen, die Schulen, die normalen Leute zu Hause. Nur so kann verhindert werden, dass Extremisten Religion erfolgreich instrumentalisieren.(DER STANDARD, Printausgabe, 5.11.2008)

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    König Abdullah II. von Jordanien: Die nächsten Monate werden entscheiden, ob wir den Friedensprozess retten können.

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