Mäzenatentum ist man hierzulande nicht gewohnt

4. November 2008, 18:58
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Der Wiederaufbruch der Südarabistik in Österreich ist einer privaten Spenderin zu verdanken

Gar nicht so leicht, einer österreichischen Universität etwas zu schenken, aber nach einem ersten bürokratischen Erschrecken gelang es doch, zum Nutzen des Instituts für Orientalistik der Uni Wien. Roswitha G. Stiegner wollte mit ihrer Spende die in Österreich einstmals so prominente Südarabien-Forschung wieder etablieren: Durch die Zinsen der von ihr gespendeten Summe plus einem Zuschuss der Universität sind, bei unangetastetem Kapital, erst einmal zwanzig Jahre Lehre und Forschung gesichert, inklusive Stipendien und Forschungsreisen. Die erste ist bereits für 2009 geplant, mit 25 Studenten auf die jemenitische Insel Sokotra.

Als Empfänger der Spende wäre auch die Akademie der Wissenschaften infrage gekommen, aber um eine erloschene Tradition wiederaufleben zu lassen, braucht es erst einmal eine neue Generation von Ausgebildeten. Wiener Studierende in den Masterstudien Alter Orient und Arabistik können sich in Zukunft in Kultur und Sprache Südarabiens spezialisieren. Gelehrt werden südarabische Sprachen, als wichtigste davon Sabäisch, aber auch Landes- und Kulturkunde, in einer Zusammenarbeit mit der Wiener Kultur- und Sozialanthropologie, allen voran mit dem Südarabien-Spezialisten Andre Gingrich. Für Seminare wird man auch Lehrpersonal aus Jena holen, der Hochburg der deutschen Südarabistik.

Auch als Österreich um die Wende zum 20. Jahrhundert auf diesem Gebiet weltweit führend war, war der Forschungsansatz interdisziplinär: von Sprache über Kultur bis zu Flora und Fauna. Die Berichte der österreichischen Südarabien-Expedition, die 1898 mit einem Schiff von Triest aufbrach, füllen mehrere Akademie-Bände, und das Tagebuch des großen Südarabien-Reisenden Eduard Glaser mit archäologischen, epigrafischen, linguistischen, ethnologischen u.a. Aufzeichnungen wurde unter der Ägide des Doyen der österreichischen Ethnologie und Jemen-Forschers Walter Dostal herausgegeben.

Ungehobene Schätze

In der Nationalbibliothek schlummern ungehobene Schätze: mehrere hundert jemenspezifische Manuskripte, viele nicht aufgearbeitet, darunter solche, die es außerhalb des Jemen sonst nicht gibt, wie dem - handgeschriebenen - Katalog zu entnehmen ist. Und auch das naturhistorische Museum hatte damals seinen Teil der "Beute" abbekommen: zum Beispiel von Sokotra mit seiner endemischen Flora. Die Österreicher brachten von dort 1899 als erste Material in den Westen.

Mäzenin Stiegner steht selbst in der österreichischen Südarabistik-Tradition. Sie studierte bei der Sabäistin Maria Höfner in Graz. Der dortige Lehrstuhl fiel der Universitätsreform der 1970er-Jahre zum Opfer, wobei aber damals - vergeblich - versprochen wurde, das Fach wieder am Wiener Institut für Orientalistik anzusiedeln. Einer der Gründer dieses Instituts, David Heinrich Müller, war auch Leiter der berühmten Südarabien-Expedition, gemeinsam mit dem schwedischen Grafen Carlo de Landberg: Ihr Dauerkonflikt - mit antisemitischen Tönen gegen Müller (dessen Sohn Stefan als Chefredakteur der Presse 1938 Selbstmord beging) - hat wohl auch der Forschung geschadet, die später nach Graz wechselte. (guha/DER STANDARD, Printausgabe, 05.11.2008)

  • Sabäische Inschrift in Marib, der Hauptstadt des antiken Reichs von Saba, im heutigen Jemen in der Nähe von Sanaa.

    Sabäische Inschrift in Marib, der Hauptstadt des antiken Reichs von Saba, im heutigen Jemen in der Nähe von Sanaa.

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