"Jedes System hat eine Geschichte"

4. November 2008, 18:57
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Eine neue Software soll helfen, Kanalsysteme für Städte zu entwickeln, die Überschwemmungen besser standhalten - ein STANDARD-Interview mit Umwelttechniker Robert Sitzenfrei

STANDARD: Das Team, in dem Sie arbeiten, entwickelt Computersoftware, mit der man Städte samt Infrastruktur generieren kann. Handelt es sich dabei um virtuelle oder um real existierende Städte?

Sitzenfrei: Beides ist angedacht. An virtuellen Städten können wir verschiedene Ausbauvarianten der Leitungsnetze, verschiedene Klimaszenarien und Ähnliches untersuchen und deren Auswirkungen auf Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung abschätzen.

STANDARD: Warum hat der Klimawandel eine Bedeutung für solche Systeme?

Sitzenfrei: Viele Klimaszenarien prognostizieren ein häufigeres Auftreten von Starkregenereignissen. Dabei fließen in kurzer Zeit sehr große Wassermengen ins Kanalisationssystem. Kanäle sind dafür ausgelegt, eine gewisse Wassermenge aufzunehmen. Bei großen Regenmengen fließt dann eventuell ein Teil des nur vorgereinigten Wassers nicht in die Kläranlage, sondern in Bäche und Flüsse. Man will dies auf ein tolerierbares Maß reduzieren. Es besteht aber die Möglichkeit, bestehende Speichervolumen im Kanalnetz zu nutzen, um einen Teil des Wassers für einige Zeit zurückzuhalten, bis der Kanalstrang zur Kläranlage nicht mehr überlastet ist.

STANDARD: Warum braucht man nun eine Software, welche die Kanalisation oder die Wasserzufuhr einer ganzen Stadt simuliert?

Sitzenfrei: Jede Stadt, jedes Leitungssystem hat spezielle Eigenschaften, eine eigene Geschichte. Wir haben also nicht allzu viel Vergleichsmaterial. Unsere Software kann helfen, viele hundert mögliche Systeme oder Ausbauvarianten eines Systems zu vergleichen.

STANDARD: Nicht nur beim Kanalsystem, auch bei der Versorgung einer Stadt mit Trinkwasser gibt es wohl Herausforderungen. Welche?

Sitzenfrei: Es muss in den Haushalten immer genug Wasser mit einer minimalen Verweildauer im Netz und mit einem entsprechendem Wasserdruck vorhanden sein. Außerdem sollte beim Ausfall eines Rohres eine andere Rohrleitung nach Möglichkeit dessen Aufgabe übernehmen. Die Wasserversorgung ist im Gegensatz zu Kanalnetzen daher meist nicht baumartig angelegt, sodass also genau eine Leitung zu jedem Abnehmer führt, sondern es gibt Ringleitungen, die mehr Versorgungssicherheit bieten, wenn eine Leitung etwa durch Bauarbeiten beschädigt wird. (Gerhard Hertenberger/DER STANDARD, Printausgabe, 05.11.2008)

Zur Person
Der Umwelttechniker Robert Sitzenfrei (28) arbeitet am Institut für Infrastruktur der Universität Innsbruck an der Entwicklung virtueller Infrastruktursimulationen.

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