"Ein ganz anderer Kulturraum als der Rest"

4. November 2008, 18:57
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Mit einer Südarabien-Konferenz soll die österreichische Forschung auf diesem Gebiet wieder auf die Schiene gestellt werden - Stephan Procházka, einer der Initiatoren, im STANDARD-Interview

STANDARD: Der Untertitel der Südarabien-Konferenz von 6. bis 8. November in Wien lautet "A Great ‚Lost Corridor‘ of Mankind" , ein verlorener Korridor der Menschheit, was ist damit gemeint?

Procházka: Es gibt Forschungen - und Jeffrey I. Rose aus Oxford wird bei der Konferenz darüber sprechen -, dass die Menschheit aus Afrika nicht nur über den Sinai, sondern auch über Südarabien nach Asien gewandert ist. Wie ja Südarabien in der späteren Geschichte immer sehr mit dem heutigen Äthiopien verbunden war: ein ganz anderer Kulturraum als der Rest der arabischen Halbinsel, die einzige antike Hochkultur in Arabien, eine Schriftkultur.

STANDARD: Und zu Zeiten des Propheten Muhammad weitgehend christianisiert und judaisiert und vor der muslimischen Herrschaft unter äthiopischer und sassanidischer. Wobei ja ein Massaker des judaisierten Königs Dhu Nuwas an Christen 523 in Najran im heutigen südlichen Saudi-Arabien die christliche äthiopische Intervention hervorrief...

Procházka: Etwa ein halbes Jahrhundert stand das Gebiet unter äthiopischer Kontrolle. 570, im Geburtsjahr Muhammads, griffen die äthiopischen Aksumiten vom Süden aus Mekka an, mit Elefanten, eine Begebenheit, die wir sogar im Koran wiederfinden. Bald darauf wurden sie selbst von den persischen Sassaniden aus Südarabien verdrängt.

Aber auch nach der Islamisierung 628, nachdem der sassanidische Statthalter Badhan den Islam angenommen hatte, blickte Südarabien weiter nach Süden und Osten, man denke an die Verbindungen zwischen dem Oman und Afrika oder an die Islamisierung von Indonesien, die großteils von Südarabien ihren Ausgang nahm. Auf der Insel Sokotra vor der Spitze Somalias, die jedoch zum Jemen gehört, gab es überhaupt eine eigenständige Entwicklung, mit einem lange bestehenden Kryptochristentum.

STANDARD: Die Region war im Vergleich zum Inneren der Halbinsel auch klimatisch begünstigt.

Procházka: Ja, mit Passatwinden und zwei Regenzeiten pro Jahr. Es war das "antike Weihrauchland" , von dem aus die Karawanen mit Aromata nach Mesopotamien oder zu den Griechen und Römern zogen, Umschlaghafen war Gaza. Arabische Beduinen gab es in Südarabien als Söldner.

STANDARD: Wie ist die sprachliche Situation, was ist südarabisch?

Procházka: Altsüdarabisch, zum Beispiel Sabäisch und Minäisch, ist in Inschriften erhalten, in Stein, vor allem auf Tempeln und Dämmen. Neusüdarabische Sprachen wie Mehri, Jibali und andere gibt es im Ostjemen und im westlichen Oman und Sokotri auf Sokotra. Die Mutter von Sultan Qabus von Oman aus Salalah etwa war eine Jibali-Sprecherin.

Die neusüdarabischen Sprachen wurden von der österreichischen Südarabien-Expedition von 1898/1899 zum ersten Mal wissenschaftlich erfasst. Wobei jedoch die südarabische Schrift in Südarabien selbst ausgestorben ist, aber sie überlebt etwas modifiziert im Amharischen in Äthiopien.

STANDARD: In welcher Beziehung stehen die südarabischen Sprachen zum heutigen Arabischen?

Procházka: Da haben wir etwa 3000 Jahre einer getrennten Entwicklung, obwohl man natürlich sofort erkennt, dass die südarabischen Sprachen semitische sind. Aber nach einer anerkannten Einteilung sind das Arabische und das Hebräische in einer Gruppe, das Südarabische und Äthiopische in einer anderen. Keine Chance, einander zu verstehen.

Aber es gibt gemeinsame Wörter, zum Beispiel lachm. Im Semitischen ist es das Grundnahrungsmittel schlechthin: lachm ist Fleisch auf Arabisch, Brot (lechem) im Hebräischen, und im Südarabischen (lchaym) ist es typischerweise Fisch, etwa getrocknete Sardinen. Südarabien schaut aufs Meer, nicht auf die Wüste, wie die anderen Araber der Halbinsel.

STANDARD: Wie sieht es mit der Südarabien-Forschung in Südarabien selbst aus?

Procházka: Es gibt dort weltweit anerkannte Wissenschafter auf dem Gebiet, einige sind auch auf der Konferenz anwesend, etwa Yussuf Abdallah, der Leiter der jemenitischen Antikenverwaltung. Anders als sonst manchmal in arabischen Ländern besteht im Jemen und im Oman ein echtes Interesse an der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Vergangenheit, auch mit der vorislamischen Vergangenheit. Die Südarabisten können übrigens oft Deutsch, weil sie in Deutschland studiert haben.

STANDARD: Noch müssen Sie vor allem ausländische Wissenschafter herholen, und Sie sehen Ihre Konferenz als "Initialzündung" für die neue Südarabienforschung in Österreich. Auf der Konferenz wird auch eines jung verstorbenen österreichischen Südarabien-Forschers gedacht, der allerdings ebenfalls in Deutschland, in Marburg, studiert hat.

Procházka: Alexander Sima ist 2004 bei einem Autounfall im Jemen ums Leben gekommen, er war dort, um letzte Fragen für seine Habilitationsschrift zur Sprache Mehri zu klären. Die Stiftung von Roswitha G. Stiegner ist zu seinem Gedenken. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 05.11.2008)

Zur Person
Stephan Procházka (46) ist seit 2006 Professor für Arabistik am Institut für Orientalistik der Uni Wien, wo er auch studiert hat. Der gebürtige Dornbirner, der in Innsbruck aufgewachsen ist, hat den Schwerpunkt arabische Dialektologie. Innerhalb dieses Gebiets befasst er sich besonders mit komparatistischen Studien, den arabischen Minderheiten in der Türkei sowie mit den Dialekten Palästinas und Syriens.

  • Stephan Procházka, Universität Wien: Die Österreicher waren die ersten, die sich mit neusüd- arabischen Sprachen wissenschaftlich befasst haben.
    foto: standard/corn

    Stephan Procházka, Universität Wien: Die Österreicher waren die ersten, die sich mit neusüd- arabischen Sprachen wissenschaftlich befasst haben.

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