Auch Roboter tanzen Bolero

4. November 2008, 16:55
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Die Technoproduzenten Carl Craig und Moritz von Oswald führen auf "Recomposed" Herbert von Karajans Einspielungen von Ravel und Mussorgsky in die Clubs

Wien - Maurice Ravels Bolero, seine Rapsodie espagnole und Modest Mussorgskys - von Ravel orchestrierte - Bilder einer Ausstellung zählen zu den grausamsten Erinnerungen, die man dank eines sogenannten fortschrittlichen Musikunterrichts der frühen 1980er-Jahre mit ins spätere Leben tragen kann. Daran kann auch nicht Bo Dereks 1979 im Hollywoodfilm 10 - Die Traumfrau mit Zöpfchenfrisur vollzogener und generationsprägender, vom Bolero begleiteter Beischlaf mit Dudley Moore an einem mexikanischen Traumstrand etwas ändern.

Wegen dieses sonst eher vernachlässigbaren Films schnellte Ravels 1928 entstandene Komposition zwar bis heute zum meistgekauften Stück klassischer Musik aller Zeiten empor - gestattet sei die schleppende Allegorie "Von null auf hundert in neun Minuten". Gerade auch der im Folgenden eine zentrale Rolle spielende Herbert von Karajan hatte bei seiner 1985 mit den Berliner Philharmonikern unternommenen Sichtung des Bolero im Gegensatz zu Leonard Bernsteins besagter zünftiger Referenzdeutung eher einen bedächtigen, langsamen Aufbau als schnelle Exekution im Sinn. Ganz im Gegensatz zum ursprünglichen Willen von Ravel, der leider auf eine Tempovorgabe vergaß. Karajan benötigte für seinen altersmilden Bolero immerhin fast die doppelte Zeit, 16 Minuten.

Trotzdem oder gerade deswegen trat die altehrwürdige Deutsche Grammophon Gesellschaft nun ausgerechnet mit dieser Deutung Karajans sowie dessen Sichtung der Bilder einer Ausstellung, die schon 1971 von der britischen Progressive-Rock-Truppe Emerson, Lake & Palmer zu Tode genudelt wurden, zwecks Neubearbeitung an den Berliner Technoproduzenten Moritz von Oswald heran. Von Oswald ist der Urenkel Otto von Bismarcks und klassisch geschulter Schlagwerker. Seit Anfang der 80er-Jahre gilt er zuerst mit den legendären Palais Schaumburg und bald als Techno- und Dub-Innovator mit dem Label Basic Channel und unter dem Signet "Rhythm & Sound" als zentrale Figur modernistischer Klangforschung zwischen Labor und Dancefloor.

Roboter tanzen Bolero

Von Oswald lud für die um junge Hörerschichten mit der CD-Reihe Recomposed bemühte Deutsche Grammophon, die zuvor auch schon Matthias Arfmann oder Jimi Tenor für elektronische Bearbeitungen ihres Klassikkatalogs ins Studio lockte, spontan einen Freund ins transkontinentale Filesharing-Studio: die aus Detroit stammende DJ- und Produzentenlegende Carl Craig. Und er bekam auch Zugang zu den Originalstudiobändern Karajans.

Das US-deutsche Produzentenduo konnte deshalb auch für acht amtlich pulsierende, schwelgerisch-wabernde wie dringlich knarzende Elektroniktracks aus dem Sampler den Bolero sowohl von seiner Patina als auch von dessen melodischem Leitmotiv befreien. Man konzentriert sich ganz auf Repetition und Steigerung der Rhythmus-Patterns. Wie sich über die folgenden 64 Minuten herausstellen soll: eine weise Entscheidung. Der bloßen Möglichkeit elektronischer Verfremdung halten von Oswald/Craig mit alten Analogsynthesizern und von Techno-Altvorderen wie Kraftwerk entlehnten flächenwirksam schwelgerischen, dennoch entpersonifizierten Keyboard-Motiven entgegen. Auch Roboter tanzen ja möglicherweise Bolero.

Sie führen Improvisation und funktionale House-Strenge im zentralen Track Movement 4 mit dringlichen Bläserschnipseln aus Mussorgskys Bilder einer Ausstellung-Satz Samuel Goldenberg und Schmuyle zusammen. Sie frisieren die Beats eingedenk des Entstehungsjahrs von Bolero 1928 auf 128 Beats pro Minute hoch. Und das Duo taucht mit beigestellten Computerbässen und zischenden HiHat-Sounds schließlich tief ins kollektive Gedächtnis der Dancefloor-Geschichte.

Das Ergebnis: ein hypnotischer Tauchgang, der von Oswalds Vorliebe für futuristischen jamaikanischen Dub ebenso berücksichtigt wie Craigs nach all den Jahren in den Clubs verständliche Sehnsucht, von tribalistischem Perkussionsgeknüppel zwischendurch in "ereignislose" Ambient- und Drone-Sounds abzuschweifen.

Nach den bisher durchwachsenen Arbeiten für die Recomposed-Reihe muss man zwar weiterhin gewisse Irritationsmomente beim Hören verzeichnen. Dennoch interessant, wie gut man zu Missverständnissen tanzen kann. (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 05.11.2008)

  • Techno trifft Klassik: Die Genre-Größen Carl Craig aus Detroit (links)
und Moritz von Oswald aus Berlin interpretieren auf "Recomposed"
Maurice Ravel und Modest Mussorgsky neu.
    foto: erik weiss

    Techno trifft Klassik: Die Genre-Größen Carl Craig aus Detroit (links) und Moritz von Oswald aus Berlin interpretieren auf "Recomposed" Maurice Ravel und Modest Mussorgsky neu.

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