Endlich Andouillete: Harald Fidler probiert Gekröse an der Croisette. Und natürlich üppige Rohheiten von Auster bis Kaisergranat
Warum in Cannes, nur wenige Meter landeinwärts vom Meer, von der Croisette, ausgerechnet Gekröse? a) Weil ich schon seit Unzeiten der Andouillette nachgiere, aber immer nur davon lese, was wohl auch daran liegt, dass ich deutlich häufiger nach Italien als nach Frankreich essen fahre. Immerhin: Dort tröste ich mich mit Lampredotto, Tripe und Konsorten. b) Weil ich eine der gewaltigen Platten mit rohem Meeresgetier schon in meiner Mittagspause von der Fernsehmesse verputzt hatte, um kurz den Abermillionen Showideen und Programmstunden zu entgehen. c) Steuerten die p.t. Kollegen partout dasselbe Lokal an, das ich mir schon für den Mittagstisch ausgesucht hatte, ein Rohheitenvergleich kam also auch nicht infrage. d) Aber konnte ich gar nichts gegen das Rendez-Vous einwenden, war ja schon mittags sehr begeistert.
Guru-Guru!
Wie war die Wurst? Unförmig jedenfalls, optisch wie ein kupierter Hundeschwanz (mit Symmetrieschwächen), die man glücklicherweise immer seltener sieht. Auf Senfsauce, die Wurst, sonst nichts. Vielleicht ordern Auskenner eine Beilage dazu, hab ich verabsäumt. Also volle Konzentration auf die Wurst. Eigentlich ja eine grundvernünftige Idee, Magen und Darm in Darm zu füllen. Darm in Darm, das erinnert ein bisschen an den kulinarischen Asterix in Übersee, Guru-Guru gefüllt mit Guru-Guru. Guru-Guru riecht garantiert etwas weniger streng als die Andouillette. Aber: Wer Eingeweide mag, der mag die Wurst, behaupte ich jetzt einmal. Ich sowieso.
Freund der Schnecken
Die werten Kollegen holten einstweilen die Rohheiten nach, die ich mittags verputzt hatte. Ausufernde Platten von den winzigen Strandschnecken, mit denen ich schon im Le Salzgries eine innige Freundschaft aufgebaut habe, Garnelen in diversesten Größen und Farben, Austern (Fines de Claire und Cote Bleu), Mies- und sonstige Muscheln, die ich natürlich alle nicht benennen kann, Wellhornschnecken, Kaisergranat, Taschenkrebs (Krebs jedenfalls, die Tasche ist eine Mutmaßung), dessen fachgerechten Konsum mir schon der freundliche Ober mittags näher gebracht hat, als ich meine Ratlosigkeit zum Thema durchs Lokal funkeln ließ.
Die geschätzten Kollegen schwächelten glücklicherweise und kapitulierten rasch auf dem Weg zum Eiweißschock, was mir die Gelegenheit gab, mein Helfersyndrom auszupacken und nach der Eingeweidewurst die Proteinparty von mittags zu wiederholen. Mutmaßlich sparten die Herrschaften aber auch nur auf ein Dessert, das mir ohnehin gestohlen bleiben kann.
Belon, svp
Eigentlich hatten die Cannes-Auskenner in unserer kleinen Reisegruppe das Brun angesteuert, zwei, drei Lokale westwärts vom Rendez-Voux, dort aber brummte der Laden noch heftiger. Platz für sechs oder sieben? Keine Chance. Aber eine kleine Bestätigung für mein Nahrungsradar: Brun hatte ich schon im Alleingang am Vorabend erkundet. Wirkt bodenständiger, als die Rechnung klar macht, aber was muss ich auch ein Dutzend Belon bestellen? Waren eh die kleinste Kategorie dieser Austernsorte, die mein bisheriger Kenntnisstand als die beste identifiziert hat. Auch hier nicht übel. 44 Euro das Dutzend. Die größte Kategorie der Belons reichte weit in die 70-er Zone. Was geh ich auch in Cannes essen? Wobei: Die formidable Rohheiten-Platte im Rendez-Vous war mit 35 Euro durchaus ertragbar bepreist. Wenn ich mich recht erinnere, kriegt man darum fast drei Andouilllettes dort.
PS: Wer sich jetzt beschwert, dass ich dieses oder jenes beste Lokal von Cannes und Umgebung ignoriert hätte: Warum haben Sie sich nicht auf meine vor dem Trip in Schmecks annoncierte Bitte gemeldet? Egal: Her mit den Tipps, s'il vous plait, ich muss eh wieder hin.
Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald
Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und
Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute,
die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen
Vergnügen. Was nicht immer gelingt.