Rebellenführer droht mit Marsch auf Kinshasa

6. November 2008, 08:37
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Nkunda: Aufkündigung des Waffenstillstands möglich, falls Präsident Kabila Verhandlungsangebot nicht annimmt - Ban macht Kongo zur Chefsache

Der UN-Generalsekretär will in den Kongo und nach Ruanda reisen, um in der Krise zu vermitteln. Die Rebellen drohen mit einem Marsch auf die Hauptstadt Kinshasa, sollte die Regierung weiter nicht mit ihnen verhandeln.

Die Flüchtlingslager, in denen vor etwas mehr als einer Woche noch zehntausende Vertriebene aus dem Osten Kongos Unterschlupf gefunden haben, liegen verlassen dar. Mindestens 50.000 Menschen, so schätzt das UN-Flüchtlingshilfswerk, sind vor den marodierenden Truppen des abtrünnigen Rebellengenerals Laurent Nkunda in den Busch oder die entlegenen Berge geflohen; wohin, weiß niemand. "Die Zelte sind zerstört, hier steht nichts mehr" , sagte am Dienstag Francis Nakwafio Kasai, der Teil der Mission ist, mit der die UN den Bedarf an Hilfe in den von Rebellen besetzten Gebieten abschätzen wollen. Im Laufe des Mittwochs soll der Konvoi nach Goma zurückkehren, wo dann die nächsten Schritte geplant werden.

Doch solange die Flüchtlinge sich nicht zeigen, so der Sprecher des Welternährungsprogramms (WFP) in Nairobi, Marcus Prior, kann nicht geholfen werden. "Wir hoffen zumindest, das einige ihre Notrationen mitnehmen konnten, die wir noch vor anderthalb Wochen in der Region verteilt haben."

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon teilte mit, die Krise im Kongo zur Chefsache zu machen. "Der Konflikt entlang der Grenze zwischen Kongo und Ruanda hat katastrophale Folgen und muss endlich ein Ende haben" , erklärte Ban in der Nacht auf Mittwoch.

Vermutlich am Wochenende will er persönlich in die Region reisen, um mit Kongos Präsident Joseph Kabila und Ruandas Regierungschef Paul Kagame Gespräche zu führen. Ban ernannte zudem den ehemaligen Präsidenten Nigerias, Olusegun Obasanjo, zu seinem Sonderbeauftragten für den Kongo. In der kommenden Woche soll ein Krisengipfel in Kenia stattfinden, bei dem womöglich Kabila und Kagame zusammentreffen werden. Verhandlungen mit Rebellenführer Nkunda lehnt die kongolesische Regierung jedoch nach wie vor ab.

Die Rebellen warnten vor diesem Hintergrund vor neuen Gefechten. Der kongolesische Rebellengeneral Nkunda drohte, er werde die Hauptstadt Kinshasa angreifen, sollte die Regierung keine Verhandlungen mit ihm aufnehmen. Nkunda gehört der Volksgruppe der Tutsi an. Mit seiner Rebellion will er nach eigenen Angaben Hutu-Extremisten verfolgen, die für den Völkermord an Tutsi und moderaten Hutu in Ruanda 1994 verantwortlich sind und sich im Ostkongo verstecken.

Vorwürfe gegen Ruanda

Zwar weist Ruandas Regierung Vorwürfe zurück, dass sie Nkundas Rebellion unterstützt. Doch eine Sprecherin von Unicef im Kongo griff Kagames Regierung am Dienstag frontal an: "Wir haben gesehen, wie ruandische Truppen vergangene Woche über die Grenze hinweg auf kongolesische Soldaten geschossen haben" , so Sylvie van den Wildenberg. "Wir haben es genau beobachtet." Bislang hatten die UN sich stets mit Äußerungen zur Rolle Ruandas zurückgehalten.

In Goma selbst war es am Dienstag unterdessen ruhig. Kongolesische Soldaten, die in der vergangenen Woche Häuser geplündert und bis zu vierzig Menschen erschossen haben sollen, waren nicht mehr auf den Straßen unterwegs. Auch Hilfsgüter für die auf 135.000 geschätzten Vertriebenen, die in und um die Stadt wohnen, gebe es derzeit noch genügend, so WFP-Sprecher Prior. In den sechs größten Lagern werde am Mittwoch die Verteilung von Lebensmitteln anlaufen. "Wir hoffen, dass dadurch auch die sehr stark angestiegenen Lebensmittelpreise in Goma wieder fallen." Viele Bewohner hatten sich selbst Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten können, weil durch die Flüchtlingsströme die Nachfrage stark gestiegen war. (Marc Engelhardt aus Nairobi7DER STANDARD, Pritnausgabe, 5.11.2008)

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    Laurent Nkunda, Rebellenführer

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