Die grüne Null im Tourismus

5. November 2008, 16:20
23 Postings

Das weltweit erste Stadthotel mit Null-Energie-Bilanz steht bald in Wien - Die Chefin des Hotels Stadthalle setzt auf Solarenergie, Windräder und Lavendelfelder

Ein 200 Quadratmeter großes Lavendelfeld, Toilettenspülung mit Regenwasser, Stromerzeugung durch Windräder: Hier handelt es sich nicht um den Charme eines Landhauses im Grünen, sondern um ein Hotel im Herzen von Wien. Das Hotel Stadthalle im 15. Wiener Gemeindebezirk befindet sich in der verkehrsreichen Gegend rund um den Westbahnhof und setzt auf nachhaltige Energie. Hotelchefin Michaela Reitterer erweitert ihr Hotel nun um einen Zubau mit 38 Zimmern. Das 4,5-Millionen-Euro-Projekt hat ein Energiegewinnungskonzept, das in Zukunft den Jahresbedarf beider Hotelteile decken kann.

Schon bisher war das Hotel eine Oase inmitten des weniger begrünten Teils der Stadt. Die Fassade des Innenhofs wird von wucherndem wildem Wein überzogen, der Innenhof ist großzügig begrünt. Auch beim bestehenden Hotel wurde schon auf Umweltschutz Wert gelegt: Die 44 Zimmer werden mit Warmwasser aus der 130 Quadratmeter großen Solaranlage versorgt. Dafür gab es das Umweltzeichen der Republik Österreich und der Europäischen Union. "Es war völlig normal für mich, in diese Richtung zu gehen, um mir auch damit in Zukunft Energie zu sparen. Außerdem fand ich es interessant, ob so etwas in der Stadt überhaupt umsetzbar ist", sagt Reitterer gegenüber derStandard.at.

Wettbewerbsvorteil Umweltschutz

Die Hotelchefin handelt nach eigener Angabe nach dem Motto "Sei selbst die Veränderung, die du dir von dieser Welt wünscht". Doch das "Null-Energie-Hotel" bietet nicht nur ökologische Vorzüge, sondern auch einen Wettbewerbsvorteil. Reitterer glaubt, damit eine Marktnische entdeckt zu haben: "Immer mehr Gäste geben an, dass sie auch nach 'sustainable hotels' suchen." Die Idee des Umweltschutzes wird konsequent durchgezogen: Kunden, die mit Rad oder in Zukunft mit dem Zug anreisen, erhalten zehn Prozent Ermäßigung bei der Übernachtung. Der Erfolg scheint Michaela Reitterer Recht zu geben, ihr Hotel hat eine Jahresauslastung von 83 Prozent.

"Passivhotel"

Das Haus wird in Passivbauweise gebaut. Der Unterschied zu Passivhäusern ist, dass in Einfamilienhäusern Zirkulation herrscht. "Bei uns hat jedes Zimmer ein eigenes System, da jeder Gast die Möglichkeit haben soll, das Klima den eigenen Bedürfnissen anzupassen", sagt die Hotelchefin.

Reitterer beschreibt die unterschiedlichen Systeme, die im Hotel genutzt werden: "Mit Hilfe von Wärmepumpen entnehmen wir dem Grundwasser Energie. Damit wärmen wir das Wasser und im Winter wird damit geheizt." Das eiskalte Wasser, das übrig bleibt, wird in der Betonkernaktivierung verwendet. Das ist eine Klimatechnik, die die Baumasse zur Temperaturregulierung nutzt. "Durch den Boden laufen Röhren, durch die das kalte Wasser läuft. Damit werden im Sommer die Räume gekühlt", erklärt Reitterer.

Weiters wird die bestehende Solaranlage durch den Anbau vergrößert. "Den Strom, den wir damit gewinnen, und nicht verwenden können, speisen wir ins Ökostromsystem ein. Immer Sommer haben wir meist einen Überschuss, und im Winter, wenn die Nebelsuppe über Wien hängt, können wir die gleiche Menge wieder entnehmen", sagt Reitterer. Zusätzlich wird Strom durch zwei Windräder und eine 77 Quadratmeter große Photovoltaik-Anlage gewonnen. Am Dach des alten Hauses befindet sich ein 200 Quadratmeter großes Lavendelfeld. Mit Hilfe der Bauweise der Lavendeldächer können die Räume ebenfalls ohne Klimaanlage im Sommer kühl gehalten werden. Die Toiletten werden mit Regenwasser gespeist.

Investitionen amortisieren sich in acht Jahren

In Zukunft wird auf Screens im Hotel und auf der Homepage sichtbar gemacht, wie viel Energie die Gäste verbrauchen und wie viel vom Hotel Stadthalle produziert werden kann. Denn die Bilanz kann, abhängig von den Jahreszeiten, schwanken. Auf das gesamte Jahr gerechnet beträgt der Energiebedarf Null. Insgesamt dürften sich die Investitionen innerhalb von acht Jahren amortisieren, schätzt Reitterer: "Wenn die Energiepreise weiterhin so steigen, dann früher."

Trotz des Erfolgs setzt sich das Thema im Tourismus nur langsam durch: In der eng verbauten Stadt gibt es bislang - zumindest keine bekannten - Anbieter, informiert Reitterer: "Wir haben intensiv recherchiert und noch nichts Gegenteiliges erfahren: Wir werden das erste Stadthotel mit Null-Energie-Bilanz der Welt sein." (Julia Schilly, derStandard.at, 5. November 2008)

Informationen

Kurhotel Stadthalle

Hintergrund

Seit 1999 ist das Hotel Stadthalle Partner des Öko-Business-Plans der Stadt Wien. Dabei handelt es sich um ein Umwelt-Service-Paket, das 1998 von der Wiener Umweltschutzabteilung MA 22 für Wiener Unternehmen gegründet wurde.

Durch richtiges Öko-Business konnten bisher mehr als 600 Unternehmen ihre Kosten um insgesamt 41,6 Millionen Euro senken. Diese freiwilligen Maßnahmen verbessern die Wettbewerbsfähigkeit, die Öko-Effizienz und das Image der beteiligten Betriebe.

  • Das Lavendeldach und der begrünte Innenhof...
    foto: hotel stadthalle

    Das Lavendeldach und der begrünte Innenhof...

  • ... sorgen für gute Luft in der Stadt
    foto: hotel stadthalle

    ... sorgen für gute Luft in der Stadt

Share if you care.