Pathologisches Sammeln erforschen

4. November 2008, 15:47
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Therapeutin: "Sie sind Schauspieler draußen - und drinnen in der Wohnung bricht das Chaos aus" - Messie-Tagung in Wien widmet sich Forschung und Behandlung

Wien - Zeitungsberge, leere Milchpackerl und Joghurtbecher stapeln sich in den Zimmern. Einzelne Räume sind nicht begehbar. Messies leben einen Alltag, der nur schwer vorstellbar ist. Eine Tagung an der Wiener Sigmund Freud Privatuni (SFU) widmet sich kommenden Freitag und Samstag zum dritten Mal dem krankhaften Syndrom, das mit verschiedenen therapeutischen Behandlungen zwar bekämpft, aber nicht wegtherapiert werden kann. Ausgehend von Zahlen für Deutschland gehen Mediziner davon aus, dass in Österreich rund 30.000 Menschen von dem Syndrom betroffen sind. Im englischen und amerikanischen Raum wird es auch als Hoarding bezeichnet.

Kranke schauspielern

"Sie sind Schauspieler draußen - und drinnen in der Wohnung bricht das Chaos aus", erklärt Therapeutin Elisabeth Vykoukal. Die meisten hätten eine unauffälligen Beruf, seien sehr freundlich, durchaus auf körperliche Hygiene bedacht und sensibel. Vor allem Männer und zwischen 40- und 60-Jährige würden Hilfe suchen. Die Gier nach dem Wunsch "Es muss alles zur Verfügung stehen!" beherrsche Messies. Viele könnten ihre Erinnerungen nicht gut wahrnehmen und würden daher versuchen die Vergangenheit durch Gegenständen - Fotos und Zeitungen - festzuhalten.

Vermüllen als Begleiterscheinung

"Das Messie-Syndrom ist an und für sich eine Störung, die es schon sehr lange gibt", betonte Uni-Rektor Alfred Pritz. In der Literatur existiere der "pathologische Sammler" schon seit Jahrzehnten - auch in anderen Ländern wie China, in Städten aber auch am Land in Bauernhäusern gebe es Messies. "Wir vermuten das es überall vorkommt", so Pritz. Genauere Aussagen über die "junge" Erkrankung traut sich der Rektor allerdings nicht zu, viel zu wenig erforscht sei die Störung. Weltweit gebe es nur zwei wissenschaftliche Zentren - jenes in Wien sowie eines in den USA.  Häufig sei das Vermüllen der eigenen Wohnung eine Begleiterscheinung von Depression oder Demenz.

Messie House Index zur Orientierung

Feststellen, wer davon betroffen oder einfach nur ein Privat-Archivar ist, lässt sich allerdings relativ einfach. Beim Betrachten von Räumen kann ein sogenannter Messie House Index (MHI) erstellt werden, der widerspiegelt wie viele Quadratmeter der Wohnfläche benützbar sind und ob essenzielle Einrichtungen - wie Klo, Bett oder Herd - erreichbar sind. Zusätzlich sei der Leidensdruck ein wichtiger Faktor, erklärte Vykoukal.

Ist das Leben in den vollgeräumten Zimmern eine Qual, der Gedanke ans Entrümpeln gleichzeitig aber eine Horrorvorstellung, sei dies typisch für die ambivalente Situation eines Messies. Betroffene würden sogar mehrere Lagerabteile oder Wohnungen mieten, um keinen ihrer "Schätze" vernichten zu müssen. Erstrecken würde sich die Sammelleidenschaft auch auf virtuelle Sphären - das Horten von SMS oder E-Mails.

Bei der Tagung in Wien sollen bisherige Forschungserkenntnisse vorgestellt werden. Der Kino-Film "Sieben Mulden und eine Leiche", die Vorstellung des Buches "Das Messie-Syndrom" aber vor allem Vorträge über Behandlungsmöglichkeiten stehen auf dem Programm. Ganz wegtherapieren könne man die Erkrankung allerdings nicht, so Vykoukal. Vielmehr gehe es darum, einen Weg zu finden, den Alltag erträglich zu gestalten. (APA/red)

Links

Sigmund Freud Privatuniversität Wien

Messies Selbsthilfegruppe an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien

Buchtipp

Das Messie-Syndrom
Phänomen, Diagnostik, Therapie und Kulturgeschichte des pathologischen Sammelns
Pritz, A.; Vykoukal, E.; Reboly, K.; Agdari-Moghadam, N. (Hrsg.)
2009, 324 S.
ISBN: 978-3-211-76519-7
Ladenpreis 39,95

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    Messies horten zwanghaft Dinge in ihrer Wohnung - Tausende Menschen sind nach Schätzungen in Österreich betroffen

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