Lebensmensch

von Christoph Winder  |  04. November 2008, 13:01

Ein hinterfragenswertes Kompositum

Mit diesem zusammengesetzten Hauptwort, das es nach dem Ableben von Jörg Haider zu beträchtlicher öffentlicher Breitenwirkung gebracht hat, bin ich spät dran. Weil aber immer noch Anfragen mit der Bitte eintrudeln, ich möge ihm einen Eintrag widmen: Hier ist er, ganz nach dem Motto "Better late than never". Ich fürchte nur, dass er mehr Fragen enthält als wirklich bündige Antworten zu diesem schillernden Begriff, der in keinem der gängigen Lexika aufzufinden ist.

Im Standard-Archiv, das bis ins Jahr 1990 zurückreicht, taucht der Lebensmensch zum ersten Mal im Jahr 1995 auf, und zwar in einer kurzen Meldung über ein Fest für den Dichter Ernst Jandl: "Der Steirer Alfred Kolleritsch widmete ihm das ,Gedicht mit ou': souwiesou. Lebensmensch Friederike Mayröcker hörte interessiert zu." Dieser Lebensmensch bleibt allerdings vereinzelt, erst im Jahr 2000 scheint das Wort wieder auf, und auch von da an eher sporadisch denn regelmäßig: Lediglich karge 31 Mal kommt es im Standard-Archiv vor, wobei fast die Hälfte dieser Erwähnungen im Zusammenhang mit Stefan Petzners Haider-Charakterisierung steht ("Er war mein Lebensmensch, er war mein bester Freund").

Ich persönlich meine, das Wort Lebensmensch in den 1990er Jahren zum ersten Mal gehört zu haben - das würde sich zeitlich mit seinem ersten Auftauchen im Standard-Redaktionsarchiv decken. Auf etlichen Internet-Sites wird allerdings auch behauptet, das Wort sei schon früher von dem Schriftsteller Thomas Bernhard kreiert worden, was ich mangels einer eindeutigen Belegstelle nur ungeprüft und unkommentiert weitergeben kann.

Die wirklich relevanten Fragen zum "Lebensmensch" sind freilich, a) was damit eigentlich gemeint sei und b) ob es etwa in den vergangenen ein, zwei oder auch drei Jahrzehnten Änderungen in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen gegeben hat, die die Erfindung dieses Wortes nötig machten. Haben wir mit Freundin und Freund, Geliebter und Geliebtem, Ehefrau und Ehemann, Lebensabschnittspartnerin und Lebensabschnittspartner nicht genügend einschlägiges Vokabular zur Verfügung?

Ich gestehe meine Ratlosigkeit ein und kann den p.t. Lesern statt einer präzisen Begriffsbestimmung nur ein paar Fragen offerieren, die möglicherweise helfen, die Bedeutung des Lebensmenschen einzukreisen: Wenn der Lebensmensch zugleich Freund(in,) Geliebte(r), Ehefrau/mann oder Lebensabschnittspartner(in) ist, warum muss man ihn dann auch noch Lebensmensch nennen? Wenn er aber nichts vom Vorgenannten ist, was macht dann seinen speziellen Charakter aus? Ist es ausreichend für einen Lebensmenschen, im Leben eines anderen stets wiederkehrend aufzutauchen (Bürokollege, Bäcker, Hausarzt), um dadurch schon zum Lebensmenschen zu werden?

Oder ist eine außerordentliche "Wichtigkeit" seines Einflusses gefordert, und wenn ja, worin besteht diese Wichtigkeit? Tritt ein Lebensmensch nur im Singular auf, oder ist es auch möglich, über mehrere Lebensmenschen zu verfügen? Wäre es theoretisch möglich, einen Menschen, dem man leibhaftig nie begegnen wird (Shakespeare, Goethe, John Lennon) zu seinem Lebensmenschen zu ernennen? So viele Fragen - ich bitte um erhellende Antworten der p.t. Lesermenschen.

Von Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an christoph.winder@derStandard.at

druckenweitersagen:
posten
»Posting 1 bis 25 von 33
1 2
Bonebruiser
15.08.2009 01:07
Niki Lauda

hat mir diesen Begriff zum 1. mal präsentiert, in enem Interview, betreffend seine Beziehung zur Mutter seiner Söhne ("...ist mein Lebensmensch"), was nicht hinderlich war, von Jener getrennt andere Beziehungen zu leben. Also: jemand, der für mich sehr wichtig, aber vielleicht nicht immer Mittelpunkt meines Liebeslebens ist. Kann man so stehen lassen?

hadschibradschi
11.12.2008 15:38
Lebensmensch

Stefan Petzner machte es zum Wort des Jahres 2008.

SterzinOz  
06.11.2008 23:03
(zweiter Postingsversuch): Mir kam der Herr

mit dem solariumsorangen Teint eher immer wie ein Lebemensch vor.

Übrigens hat die englischsprachige Presse dank der Doppelbedeutung von engl. "man" dem Petzner-Zitat den letzten Rest von Subtilität geraubt, indem sie es als "He was the man of my life" übersetzt hat.

Querschneidführer
07.11.2008 13:45

(mein) Lebensmensch engl. companion (of my life)

bitte um treffende Übersetzung!

Gernot H
09.11.2008 01:37

ham die tabloids eh treffend übersetzt.
die vornehme Zurückhaltung haben sie halt in diesem Fall etwas zurückgenommen

Querschneidführer
09.11.2008 10:40

Danke für Ihre Antwort.

pinka_botanika
05.11.2008 19:28
Biomensch

Vollbiomensch

feldhase1
05.11.2008 17:44

also: nur weil man sie öfter sieht, sind bäcker und hausarzt noch keine lebensmenschen. auch die fusspflergerin nicht

mazau
05.11.2008 03:29
laut krone-tv-interview von petzner

war seine lebensmenschbeziehung zu haider nichts, "...woran die claudia haider etwas auszusetzen gehabt hätte". die frage ist jetzt, ab wann die frau haider was auszusetzen hat.

Mucosaprolaps
05.11.2008 12:52

Die hat sich gerüchteweise vor über 20 Jahren vom Jörg scheiden lassen, hat aber für ihre Rolle als Alibifrau ziemlich gut kassiert.

Dante Alighieri
04.11.2008 18:31

Schade dass nun sogar Thomas Bernhards Werk, das bisher von den immer stärker werdenden braunen Tendenzen verschont blieb, von diesen Widerlingen sprachlich besudelt wurde.

maxfax 
04.11.2008 16:09
Bevor der solariumsgebräunte...

...Karawankenötzi zur Inflation des Begriffs geführt hat war er in meiner Vorstellung mit dem Begriff des Mentors bzw. über diesen hinausgehend, verbunden - jemand, der das Leben eines anderen durch das unmittelbare Wirken und Sein seiner Person (und evtl. wie keine zweite Person) nachhaltig beeinflußt hat. Sexuelle oder beziehungstechnische Implikationen habe ich dabei eigentlich keine gesehen...bisher zumindest...

unterwegs
04.11.2008 15:15

Übrigens kommt mir vor, dass der Begriff Lebensabschnittspartner nur kurz modern war und sich nicht so recht durchgesetzt hat. Vielleicht wegen der gern verwendeten Abkürzung LAP, die dann doch zu sehr an Lapsus erinnert?

hadschibradschi
09.11.2008 19:55
Lebensabschnittspartner

wurde durch den Wochenabschnittspartner ersetzt.

Bonebruiser
15.08.2009 01:08
Aua ;-)

romanemperor   
10.11.2008 12:22
Abgekürzt Wapler

Liber_Latinus
09.11.2008 22:31
Apostel Paulus

"Es ist alles nur Flickwerk."

Gernot H
09.11.2008 01:39
eher an "LAndschaftsPlaner"

kann man an der Boku studieren und einen DiplIng dafür kassieren.
Die Studenten werden dann vornehm-umschreibend "Lappler" genannt

Owi l8 
04.11.2008 15:34

Mich wiederum erinnert LAP an ein tirolerisches Schimpfwort.

orso minore
04.11.2008 15:17

Ich hab sogar einmal die weibliche Form LAPin gelesen. Heisst passenderweise Hase auf frz.

Symlink
05.11.2008 02:14
Schoen:

Die CNN-Moderatorin gerade mit dem Namen "Nicole Lapin".

romanemperor   
04.11.2008 19:35
Eins A gegendert!

unterwegs
04.11.2008 15:21

Oh. Das gefällt mir jetzt wiederum :-)

romanemperor   
04.11.2008 19:34
Eine scharmante Lebensabschnittspartnerin: SCHLAP

A. Woswaasiwossewoin
05.11.2008 13:42
Eine scharmante Lebensabschnittspartnerin für mich:

Schlapfm

posten
»Posting 1 bis 25 von 33

Die Kommentare von User und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.