Mit diesem zusammengesetzten Hauptwort, das es nach dem Ableben von Jörg Haider zu beträchtlicher öffentlicher Breitenwirkung gebracht hat, bin ich spät dran. Weil aber immer noch Anfragen mit der Bitte eintrudeln, ich möge ihm einen Eintrag widmen: Hier ist er, ganz nach dem Motto "Better late than never". Ich fürchte nur, dass er mehr Fragen enthält als wirklich bündige Antworten zu diesem schillernden Begriff, der in keinem der gängigen Lexika aufzufinden ist.
Im Standard-Archiv, das bis ins Jahr 1990 zurückreicht, taucht der Lebensmensch zum ersten Mal im Jahr 1995 auf, und zwar in einer kurzen Meldung über ein Fest für den Dichter Ernst Jandl: "Der Steirer Alfred Kolleritsch widmete ihm das ,Gedicht mit ou': souwiesou. Lebensmensch Friederike Mayröcker hörte interessiert zu." Dieser Lebensmensch bleibt allerdings vereinzelt, erst im Jahr 2000 scheint das Wort wieder auf, und auch von da an eher sporadisch denn regelmäßig: Lediglich karge 31 Mal kommt es im Standard-Archiv vor, wobei fast die Hälfte dieser Erwähnungen im Zusammenhang mit Stefan Petzners Haider-Charakterisierung steht ("Er war mein Lebensmensch, er war mein bester Freund").
Ich persönlich meine, das Wort Lebensmensch in den 1990er Jahren zum ersten Mal gehört zu haben - das würde sich zeitlich mit seinem ersten Auftauchen im Standard-Redaktionsarchiv decken. Auf etlichen Internet-Sites wird allerdings auch behauptet, das Wort sei schon früher von dem Schriftsteller Thomas Bernhard kreiert worden, was ich mangels einer eindeutigen Belegstelle nur ungeprüft und unkommentiert weitergeben kann.
Die wirklich relevanten Fragen zum "Lebensmensch" sind freilich, a) was damit eigentlich gemeint sei und b) ob es etwa in den vergangenen ein, zwei oder auch drei Jahrzehnten Änderungen in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen gegeben hat, die die Erfindung dieses Wortes nötig machten. Haben wir mit Freundin und Freund, Geliebter und Geliebtem, Ehefrau und Ehemann, Lebensabschnittspartnerin und Lebensabschnittspartner nicht genügend einschlägiges Vokabular zur Verfügung?
Ich gestehe meine Ratlosigkeit ein und kann den p.t. Lesern statt einer präzisen Begriffsbestimmung nur ein paar Fragen offerieren, die möglicherweise helfen, die Bedeutung des Lebensmenschen einzukreisen: Wenn der Lebensmensch zugleich Freund(in,) Geliebte(r), Ehefrau/mann oder Lebensabschnittspartner(in) ist, warum muss man ihn dann auch noch Lebensmensch nennen? Wenn er aber nichts vom Vorgenannten ist, was macht dann seinen speziellen Charakter aus? Ist es ausreichend für einen Lebensmenschen, im Leben eines anderen stets wiederkehrend aufzutauchen (Bürokollege, Bäcker, Hausarzt), um dadurch schon zum Lebensmenschen zu werden?
Oder ist eine außerordentliche "Wichtigkeit" seines Einflusses gefordert, und wenn ja, worin besteht diese Wichtigkeit? Tritt ein Lebensmensch nur im Singular auf, oder ist es auch möglich, über mehrere Lebensmenschen zu verfügen? Wäre es theoretisch möglich, einen Menschen, dem man leibhaftig nie begegnen wird (Shakespeare, Goethe, John Lennon) zu seinem Lebensmenschen zu ernennen? So viele Fragen - ich bitte um erhellende Antworten der p.t. Lesermenschen.
Von Christoph Winder
Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
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hat mir diesen Begriff zum 1. mal präsentiert, in enem Interview, betreffend seine Beziehung zur Mutter seiner Söhne ("...ist mein Lebensmensch"), was nicht hinderlich war, von Jener getrennt andere Beziehungen zu leben. Also: jemand, der für mich sehr wichtig, aber vielleicht nicht immer Mittelpunkt meines Liebeslebens ist. Kann man so stehen lassen?
mit dem solariumsorangen Teint eher immer wie ein Lebemensch vor.
Übrigens hat die englischsprachige Presse dank der Doppelbedeutung von engl. "man" dem Petzner-Zitat den letzten Rest von Subtilität geraubt, indem sie es als "He was the man of my life" übersetzt hat.
...Karawankenötzi zur Inflation des Begriffs geführt hat war er in meiner Vorstellung mit dem Begriff des Mentors bzw. über diesen hinausgehend, verbunden - jemand, der das Leben eines anderen durch das unmittelbare Wirken und Sein seiner Person (und evtl. wie keine zweite Person) nachhaltig beeinflußt hat. Sexuelle oder beziehungstechnische Implikationen habe ich dabei eigentlich keine gesehen...bisher zumindest...
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