Die Zukunft der Internetregierung: Wohin steuert die ICANN?

3. November 2008, 22:19
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Wegweisend, umstritten und von Anfang an zwischen den Fronten der User, der New Economy und politischen Interessensvertretern

Die ICANN war seit ihrer Gründung im Jahr 1998 umstritten. Von Anfang an stand die Verwalterin des Internets zwischen den Interessen der Unternehmen – die mehr und mehr die wirtschaftliche Bedeutung des Internets erkannten –, den politischen Interessen der Regierungen sowie den Erwartungen der Nutzer, von denen sich viele das Ende aller Hierarchien durch das Internet erhofften. Besonders die Abhängigkeit von der US-Regierung ist einer der Hauptkritikpunkte an der gemeinnützigen Organisation. Daneben wird aber auch mehr Transparenz, vor allem in der Vergabepraxis von Top Level Domains (TLD) und der finanziellen Situation der Organisation gefordert.

Das Ende der Abhängigkeit

Das Memorandum of Understanding, mit dem die ICANN an das US-amerikanische Handelsministerium gebunden ist, sah von Anfang an eine Selbstständigkeit vor. Im Jahr 2000 sollte die ICANN vollständig privatisiert sein, so der Plan. Allerdings waren die Bedingungen, die mit einer Privatisierung verbunden waren, so weitreichend, dass sie bis heute unerfüllt bleiben mussten. Seit 2006 gibt es ernsthafte Bestrebungen, die ICANN in die Unabhängigkeit zu überführen. Im nächsten Jahr steht die nächste Verhandlungsrunde zwischen ICANN und Handelsministerium an. Roberto Gaetano vom Direktorenrat der ICANN zeigt sich in einem ORF-Interview zuversichtlich: „Wir werden zu einer Art der Regulierung finden, bei der die Verbindung mit der US-Regierung schwächer sein wird.“ Was allerdings nicht heißen muss, aus den USA wegzuziehen.

Die Alternativen zur ICANN seien begrenzt, darauf weist der Medien- und Informationswissenschaftler Wolfgang Kleinwächter hin, der sich im Global Internet Governance Academic Network (GigaNet) engagiert. Denkbar wäre es zum Beispiel, die Verwaltung des Internets einer Art UN-Internet-Sicherheitsrat zu unterstellen. In einem solchen Gremium würden allerdings die politischen und gesellschaftlichen Unterschiede der beteiligten Nationen einen Konsens verhindern – beispielsweise zum Thema Meinungsfreiheit. „Nein, die Internet-Aufsicht sollte bei den technischen Entwicklern, Anwendern und Anbietern von Internet-Diensten aus Privat- und Zivilgesellschaft bleiben – und die sind alle bei ICANN im Boot“, sagt Kleinwächter im Interview.

Auf dem Weg zu einem transparenten Vergabeverfahren

Eine Hauptforderung an die ICANN ist es, ein transparentes Registrierungsverfahren für neue Adressendungen zu schaffen. Im Juni entschied die ICANN, vom nächsten Jahr an, TLDs nach bestimmten Kriterien frei zu vergeben. Ende Oktober legte die Organisation den Entwurf einer Vergaberichtlinie vor und stellte diese zur öffentlichen Diskussion. Damit ist ein großer Schritt auf dem Weg zu mehr Offenheit getan. In der Richtlinie, die 97 Seiten umfasst, sind die Voraussetzungen und das Vergabeverfahren beschrieben, mit dem Unternehmen, Organisationen oder Regierungen neue TLDs registrieren können. Zwischen 200.000 und 300.000 US-Dollar kostet das Registrierungsverfahren. In dem Blog eines Webhosters wird zwar pointiert bemerkt, dass der Kauf einer TLD nichts Neues sei und auch heute schon praktiziert wird; der Unterschied liegt aber in dem definierten Prozess, der Entscheidungen nachvollziehbar macht.

Obwohl geschützte Markennamen ausgenommen sind und so genannte GeoTLDs – also Länder-, Regionen- oder Städtenamen – nur sehr schwierig zu erhalten sein werden, stehen die Unternehmen bereits in den Startlöchern. In Berlin beispielsweise haben sich zahlreiche Unternehmen in der dotBerlin-Gesellschaft zusammengeschlossen. Für die Vergabe einer TLD wie .berlin erwartet die ICANN – neben anderen Anforderungen wie der dokumentierten Sicherheit der technischen und wirtschaftlichen Infrastruktur auf einen längeren Zeitraum – auch die Zustimmung der zuständigen Gebietskörperschaft. Wie diese aussehen kann, ist derzeit noch nicht klar. dotBerlin hat überzeugende rechtliche, technische und wirtschaftliche Konzepte vorgelegt und schätzt die Chancen auf einen Erfolg als sehr gut ein, sagt der Pressesprecher Johannes Lenz-Hawliczek: „dotBerlin hat als Mitglied der ICANN-Community von Anfang aktiv an diesem Prozess mitgewirkt.“ Eine deutsche Zusammenfassung der wesentlichsten Voraussetzungen des neuen Vergabeverfahrens, findet sich auf der Internetseite des Unternehmens (PDF).

Das leidige Thema: Geld

12 Millionen US-Dollar Ausgaben budgetiert die ICANN für das Jahr 2009, um die neuen TLDs einzurichten (PDF). Das Gesamtvolumen für das kommende Jahr wird mit 61 Millionen Dollar angesetzt. Negative Kritik gibt es an den Treffen der ICANN, die im nächsten Jahr voraussichtlich 3,6 Millionen Dollar kosten werden. Die Tagungen finden weltweit statt, im Frühjahr und Sommer dieses Jahres beispielsweise in Dubai und Paris, bis zum 7. November trifft sich die ICANN in Kairo. Was oft als ungebremster Tagungstourismus angeprangert wird, verteidigt die Organisation als Möglichkeit der globalen Kontaktaufnahme und Kommunikation, die dem US-Zentrismus entgegenwirken soll.

Internationales Internet

Das Internet wird zwar gern als weltweites Netz bezeichnet, damit übersieht man aber, dass der ASCII-Zeichensatz, auf dem das Internet basiert, nur in einem Teil aller Sprachen der Welt verwendet wird. Kyrillische, arabische, japanische oder chinesische Schrift ist bisher nicht Internet-kompatibel. Ein Schwerpunkt der zukünftigen Arbeit der ICANN ist daher die Internationalisierung des Internets und der Abschied vom reinen ASCII-Netzwerk. Ein erster Schritt war die Einführung der so genannten Umlautdomains (Internationalized Domain Name, IDN) mit sprachabhängige Sonderzeichen – beispielsweise die deutschen Umlauten. Seit vergangenem Jahr läuft ein technischer Test mit Domains in 14 Sprachen mit nicht-ASCII-Zeichensätzen. Neben Russland ist es vor allem die chinesische Regierung, die auf die Einführung von Internetdomains in ihrer Sprache drängt. In China könnte sich – angesichts der stark steigenden Zahl von Internetnutzern – sogar ein zweites Internet mit eigenem Root und Root-Servern entwickeln. (Markus Drenckhan/ derStandard.at, 3. November 2008)

  • ICANN: Das Ende der Abhängigkeit...
    ap photo/armando franca

    ICANN: Das Ende der Abhängigkeit...

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