Linz: Harmonie in der Zappelphilipp-WG

3. November 2008, 19:02
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Ein spezielles Projekt des Diakonie-Zentrums Spattstraße hilft verhaltenssauffälligen Kindern und überforderten Eltern

Linz - "Ein Wahnsinn, wie die heute gepatzt haben." Dennis blickt sichtlich erstaunt auf das gelbe Abwischtuch in seinen Händen. Selbiges weist nach einem Wisch über den großen Esstisch orange Flecken auf - Kürbissuppe. "Echt lecker, die haben wir heute selbst gekocht", ist der Neunjährige sichtlich stolz. Während Dennis die kleinen Stühle auf den Tisch schlichtet, herrscht in der Küche reger Betrieb - auch dort gilt es die Spuren des gemeinsam zubereiteten Abendessens zu verwischen. Die Rollen sind klar verteilt: Abfall, Geschirr, Abtrocknen, Tischdienst - jeder hat hier seine Aufgabe, und alle scheinen ihre Bereiche ohne große Widerrede zu betreuen.

Fast alle. Marco gönnt sich an diesem Dienstagabend eine kurze "Auszeit". Er sitzt auf einem kleinen, grünen Plastikstuhl im Esszimmer, über ihm hängt ein großes Blatt aus Stoff. Zehn Minuten hat der Zwölfjährige im Beisein eines Sozialarbeiters "ausgefasst", die es jetzt ohne Murren abzusitzen gilt. Der "Auszeit" war ein verbaler Untergriff in Richtung eines WG-Kollegen vorausgegangen. Solche oder ähnliche Entgleisungen werden in der Heilpädagogischen Tagesklinik im Diakonie-Zentrum Spattstraße entsprechend geahndet. "Notwendig sind Strafen aber selten, viel öfter kommen die Belohnungspunkte zum Einsatz", erläutert Sozialarbeiter Christian Apfelthaller im STANDARD-Gespräch.

Betreut werden in zwei Heilpädagogischen Tageskliniken pro Gruppe maximal zehn verhaltensauffällige Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren. Drei Sozialarbeiter sorgen Montag bis Freitag von 12 bis 17.30 Uhr für einen reibungslosen Ablauf.

"Nicht von Grund auf böse"

Die Harmonie, die in dieser kleinen WG im Linzer Süden herrscht, lässt durchaus erstaunen. Man hat andere Erwartungen, wenn man eine Gruppe schwieriger Kinder besucht. Eher Lärm, Unruhe, mitunter Aggression - aber nicht Schulter an Schulter lieb Kürbis schneiden. "Unsere Kids, viele leiden unter einem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, sind auch meist nur hier so. In der Schule oder zu Hause sind sie oft schwer auffällig", rückt Apfelthaller das Bild der Harmonie ins rechte Licht.

Der Schlüssel zum Erfolg liege, neben den Therapien, in den klaren Regeln. "Viele Kinder werden auffällig, weil sie keine Grenzen und fixe Rituale kennen. Bei uns ist der Ablauf klar durchstrukturiert. Vom Hausübungmachen über das gemeinsamen Kochen bis hin zu Ferienlagern", so Apfelthaller.

"Kinder sind nie von Grund auf böse. Auffälliges Verhalten ist immer ein Symptom dafür, das Kinder aus einem System ausbrechen wollen", glaubt auch Gerhard Eisschill, Abteilungsleiter für den Bereich Wohnen und teilstationäre Angebote. Entsprechende Elternarbeit sei "unumgänglich".

Marco hat inzwischen den Auszeit-Sessel mit der gemütlichen Leseecke getauscht. Und ganz offensichtlich seine Lektion gelernt: "Das mit den schlimmen Wörtern spar ich mir jetzt. Obwohl zehn Minuten eh' noch gehen. Bei einer Rauferei sitzt man gleich eine Stunde". (Markus Rohrhofer/DER STANDARD-Printausgabe, 04.11.2008)

 

Link
www.spattstraße.at

 

Wissen: Auszeit aus Sicherheitsgründen
Die Suspendierung von einer Schule ist grundsätzlich keine Strafe oder Erziehungsmaßnahme, sondern "eine vorläufige sichernde Maßnahme bei Gefahr in Verzug". In Paragraf 49 Schulunterrichtsgesetz sind die Voraussetzungen für einen Schulausschluss vorgeschrieben: Lediglich "eine dauernde Gefährdung anderer Schüler hinsichtlich ihrer Sittlichkeit, körperlichen Sicherheit oder ihres Eigentums" wird als Grund angeführt.

Eine Suspendierung ist nicht zulässig, wenn nicht gleichzeitig Schritte wie "Anstaltstherapie oder Maßnahmen nach dem Jugendwohlfahrtsgesetz unternommen oder zumindest ernsthaft erwogen werden". Sie ist durch Bescheid der Schulbehörde erster Instanz (Bezirksschulrat) zu verfügen. Länger als vier Wochen darf aber kein betroffenes Kind von der Schule verwiesen werden. Hat die Suspendierung nichts bewirkt, kann ein Verfahren für einen "Schulbesuch bei sonderpädagogischem Förderbedarf" (Paragraf 8 Schulpflichtgesetz) eingeleitet werden. (ker/DER STANDARD-Printausgabe, 04.11.2008)

  • In der Krise gemeinsam stark: die Tagesklinik in der Spattstraße als soziales Auffangnetz für verhaltensauffällige Kinder.
    foto: markus rohrhofer

    In der Krise gemeinsam stark: die Tagesklinik in der Spattstraße als soziales Auffangnetz für verhaltensauffällige Kinder.

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