Deutschland: Hessen-Harakiri

3. November 2008, 18:16
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Gäbe es in Deutschland einen Preis für dramatisches politisches Scheitern zu verteilen, er ginge konkurrenzlos an Hessens SPD-Landeschefin Andrea Ypsilanti

Gäbe es in Deutschland einen Preis für dramatisches politisches Scheitern zu verteilen, er ginge konkurrenzlos an Hessens SPD-Landeschefin Andrea Ypsilanti. Wie eine Seifenblase ist ihr Traum, mithilfe einer linken Mehrheit Ministerpräsidentin werden, zerplatzt.

Sehr spät, aber doch kamen vier Abgeordnete drauf, dass sie lieber ihrem Gewissen folgen als Ypsilanti. Dass drei dieser vier so lange mit der Wahrheit hinter dem Berg gehalten haben, ist schon sehr hart - und trotzdem mutiger, als feige und unter dem Schutz eines anonymen Wahlzettels die Hand gegen Ypsilanti zu erheben.
Dennoch: Andrea "Dilettanti", wie sie in Hessen genannt wird, taugt nicht zur Märtyrerin. Nur vordergründig scheiterte sie an den Dissidenten, in Wirklichkeit aber an sich selbst. Zu groß war ihre Gier nach Macht, der alles andere untergeordnet wurde und die sie nicht mehr sehen ließ, dass viele ihrem Kurs nicht folgen wollten. Zuerst verteufelte sie die Linken, dann wurden sie von ihr umgarnt. Beim ersten Widerstand (Dagmar Metzger) wich Ypsilanti zurück, um dann doch wieder einen neuen Anlauf zu nehmen. Mit Konsequenz hatte dieser Zickzack-Kurs nichts zu tun.

Das Entsetzen der Bundes-SPD über Ypsilantis Hessen-Harakiri ist echt. Schließlich liegt ein roter Landesverband in Trümmern. Dennoch kann SPD-Chef Franz Müntefering aufatmen: Jetzt, wo in Hessen das von ihm ohnehin missbilligte linke Experiment nicht stattfindet, ist der Bundestagswahlkampf der SPD weniger belastet. Denn ohne ein linkes Bündnis in Hessen kann Müntefering im Wahlkampf deutlich glaubwürdiger versichern, dass die SPD im Bund 2009 nicht mit den Linken koalieren wird. (Birgit Baumann, DER STANDARD, Printausgabe. 4.11.2008)

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