Semmeln und Biere

4. November 2008, 17:00
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Da haben die Herrn von Gilera doch wirklich einen Roller um zwei italienische Biergläser herum gebaut - Das haut den glu fast vom Polsterl

Für die magischen Worte „una birra media“ bekommt man in Italien 0,4 Liter Bier. 400 Kubik, wie man bei uns sagt. Und bei Gilera in Italien haben s’gleich zwei dieser Brauereigebinde genommen, mit 839 Kubik gupfert angefüllt, 75 PS reingestopft und das ganze, no na, flüssigkeitsgekühlt zusammengebastelt.

Jetzt hätte jeder normale Mensch das Motorwerk in eine Bierkutsche gestopft. Ein verdrehter Veterinär hätte vielleicht noch versucht, das alles in ein abgehalftertes Brauereiross zu stecken, um daraus einen Pferrari zu machen. Aber in der Natione Motociclismo baut man natürlich einen Roller drum herum. 235 Kilogramm Roller sogar. Gilera nennt ihn GP 800 und gibt ihm einen gewaltigen Radstand von 1593 Millimetern.

Wer jetzt glaubt, dass man mit dem Radstand besser geradeaus fährt als der Zug zwischen Wien und Salzburg, der irrt. Da muss sich der Gilera den ÖBB geschlagen geben. Während die Taurus nämlich seelenruhig mit über 200 km/h schnurgerade fahren kann, wird der Gilera ab 180 km/h schon ein bisserl wacklig. Das liegt an den kleinen Rädern. Nein, nicht dass er über 180 km/h geht liegt an den Rädern, sondern dass er bei dem Tempo ein wenig zittrig wird. (Bei 180 km/h wirst du aber auch schon ein wenig zittrig… mfgux ;-) Aber auch zittrig bleibt der GP 800 ganz leicht fahrbar.

Ein bisserl Druck braucht der Gilera allerdings, wenn man langsam fahrend einen Haken schlagen will. Nicht, dass man das Lenkerende anschieben müsste wie einen Rapid-Fan vor der Bücherei. Man merkt aber schon, dass man zwei Meter Moped dabiegen muss. Aber die Hakenschlagerei ist mit dem GP 800 eh nicht an der Tagesordnung. Wie man ein Haus nicht so leicht aus dem Fenster schmeißt, kriegt man den Gilera nämlich nicht so leicht durch dicht gedrängte Autokolonnen in der Rush Hour.

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Also, sagen wir so: Man kommt schon durch. An Leistung fehlt es dem GP ja nicht. Man muss halt nur die Knie ordentlich einziehen, und schauen, dass man nur mit dem Roller die Autos auf Wadlhöhe aufreißt. Der Doppelrohrauspuff bietet sich da an, ordentliche Kratzer zu hinterlassen.

Was der Auspuff noch kann, ist röhren, dass Sirenen vor Neid blass werden und nur mehr Schleifpapier frühstücken. Wenn man den Gilera anstartet, schaut man zuerst einmal, wer denn da ein Motorrad anwirft. Der satte Zweizylinder-Sound ist so ehrlich, dass man ihn nie einem Roller zutrauen würde, selbst wenn der schon so groß dasteht wie eine Limousine.

Ob einen grad mehrere Limousinen anschieben fragt man sich eh, wenn man das Gas in Rollermanier digital aufklescht. Bei spätherbstlichen Verhältnissen und nasskalten Straßen reißt es einem das Hinterradl ohne Vorwarnung durch. Ja, man vergisst auf einem Roller leicht, dass 75 stattliche Pferde in den Hinterreifen treten, wenn man vorne am Zügel dreht. Und ob des Automatikgetriebes gibt es auch keinen Begrenzer, der einem das Leben retten würde. Der Lebensretter ist auf der Sitzbank verbaut.

Das ist nämlich der Polster, der so gebaut ist, dass er verhindert, dass man beim Gasaufmachen unkontrolliert nach hinten rutscht und so lange am offenen Gas hängt, bis einem ein entrüsteter Hausbesitzer die Wand auf den Scheinwerfer klescht. Das ist ein bisschen ungemütlich. Gemütlich ist der GP 800 nur beim Sitzen, nicht beim Beschleunigen.

Einziges echtes Manko des Gilera: Unterm Sitzbankl ist kein Platz für einen Helm. Ein paar Semmeln, einen Leberkäs’ und von mir aus ein Packerl Ketchup kriegt man rein. Einen Helm nicht. Weil da unterm Sitzerl halt schon sehr viel Kubik Hubraum sind. Und Hubraum ist wichtiger als Stauraum. Der Hubraum unterm Stauraum ist auch der Grund, aus dem man kein „birra media“ mitführen sollte. Weil das tät am Weg heim kochert werden, bei der 800-ccm-Niederflur-Heizung.

Aber wer braucht um die Jahreszeit schon Bier? Glühwein vielleicht. Oder handwarme Semmeln. Dafür ist der Gilera-Stauraum perfekt geeignet. Bei dem geringen Spritverbrauch ist die kleine Garküche unterm Sitzerl ein Feature, das die Italiener komplett übersehen haben.

(Text: Guido Gluschitsch; Maler: Wolf-Dieter „Graf Foto“ Grabner)

Technische Daten:
Marke: Gilera; Typenbezeichnung: GP 800; Baujahr: 2008; Motor: Viertakt-Zweizylinder-Motor; Kühlung: Flüssiggekühlt; Hubraum: 839; Nennleistung: 75 PS (55 kW); Getriebe: Automatik; Radstand: 1593 mm;
Sitzhöhe: 790 mm; Trockengewicht: 235 kg; Tankinhalt: 16 Liter; Spitze: 188 km/h; Preis: 10999.- Euro

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Gilera

  • Mit Mundschutz unterwegs, damit die Lippen nicht einfrieren und am Bierglas hängen bleiben! So testet der glu die neue Gilera GP 800. Lesen Sie mehr...
    bild: derstandard/grabner

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