Borissov für erzwungene Bulgarisierung

4. November 2008, 11:26
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Bürgermeister von Sofia verteidigt Schivkovs Politik

"Es sollte ein für alle Male klar werden, dass zu Bulgarien bulgarische Bürger gehören, wie zu der Türkei türkische und zu Serbien serbische. Deshalb gibt es ja Grenzen. Wer sich als Türke fühlt, gehört zurück in die Türkei" , postulierte der Bürgermeister von Sofia und Chef der einflussreichsten bulgarischen Partei "Bürger für eine europäische Entwicklung Bulgariens" (Gerb), Bojko Borissov, in einem TV-Interview. Darin rechtfertigte er auch die Zwangsbulgarisierung im ehemals kommunistischen Bulgarien. Von 1984 bis 1985 wurden die Namen von etwa 850.000 Menschen geändert. Als Reaktion wanderten 370.000 Türken im Sommer 1989 in die Türkei aus, nachdem die Grenze zum Nachbarland geöffnet worden war. Etwa 155.000 sind später zurückgekehrt.

Premier Sergej Stanischev warnte nun vor "gefährlicher Rhetorik" . Wenn Borissovs Idee umgesetzt würde, "werden die ethnischen Spannungen eskalieren" , so Stanischev. Präsident Georgi Parwanov bezeichnete die Aussagen Borissovs als großen Fehler.

Nicht die Zielsetzung der kommunistischen Partei, die Minderheiten der Türken, Roma, Pomaken und Tataren zu assimilieren, indem man ihnen statt ihren arabisch-türkischen Namen bulgarische Namen aufgezwungen hatte, sei verkehrt und kritikwürdig, sondern bloß die Methode, meinte Borissov. Eine "sanfte" Herangehensweise, bei der den Neugeborenen gleich bulgarische Vornamen gegeben würden, hätte der Causa besser genutzt, sagte der ehemalige Leibwächter des kommunistischen Staatsoberhaupts Todor Schivkov.

Borissov gilt als aussichtsreichster Kandidat für das Amt des Premiers.
Er war selbst als Kommandeur einer Feuerwehrabteilung während des Zwangsbulgarisierungsprozesses im Einsatz gewesen. 1985 ging er gegen Sabotageakte von aufgebrachten türkischen Landarbeitern vor. Zur selben Zeit verübte eine türkische terroristische Organisation Attentate in der Eisenbahn, acht Menschen starben, 51 Personen wurden verletzt.

Debatte um Türken-Partei

Auslöser der Bulgarisierungsdebatte war unter anderem ein Brief von Ahmed Emin, dem verstorbenen Kabinettsleiter des Chefs der Partei der türkischen Minderheit "Bewegung für Rechte und Freiheiten" (DPS) sein. In dem Brief weist Emin auf das Bestreben reaktionärer Kräfte in seiner Partei hin, die das Land angeblich in die Zeit vor der Wende zurückführen wollen. Der ungeklärte Tod des DPS-Politikers zeigt, wie dringend es wäre, die Korruptionsmechanismen in der DPS offenzulegen, die sich die vergangenen 17 Jahre an der Macht hielt. Viele politische Beobachter glauben, dass die Debatte über die ethnischen Minderheiten als Ablenkungsmanöver verwendet wird. Zusammen mit den slawisch-sprachigen muslimischen Pomaken macht die Volksgruppe der Türken 9,4 Prozent der bulgarischen Gesamtbevölkerung aus. (Diljana Lambreva aus Sofia/DER STANDARD, Printausgabe, 4.11.2008)

 

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