Europas Industrie legt Vollbremsung hin

3. November 2008, 17:03
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Der Einkaufsmanager-Barometer für die Euro-Zone ist im Oktober stärker gefallen als erwartet, die Nachfrage eingebrochen

Berlin - Die Industrie in der Euro-Zone hat im Oktober eine Vollbremsung hingelegt. Die Geschäfte in dem Sektor liefen so schlecht wie seit mindestens elf Jahren nicht und die Aufträge brachen kräftig ein, wie aus dem am Montag veröffentlichten Markit-Einkaufsmanager-Index hervorgeht. In Deutschland drosselten die Firmen ihre Produktion so stark wie nie zuvor in der zwölfeinhalbjährigen Geschichte der Umfrage. Experten sehen eine Erholung in weite Ferne gerückt.

Das Barometer für die Euro-Zone fiel etwas stärker als nach vorläufigen Berechnungen um knapp 4 auf 41,1 Punkte und markierte damit den tiefsten Stand seit Umfragebeginn im Juni 1997. Der Markit/BME-Einkaufsmanagerindex für Deutschland lag mit 42,9 Zählern ebenfalls deutlich unter der Schwelle von 50 Zählern, ab der ein Wachstum angezeigt wird. "Die Industrieunternehmen bewerten die aktuelle Lage als grottenschlecht", sagte Postbank-Experte Heinrich Bayer. "Bei diesen Umfragewerten ist an eine konjunkturelle Erholung vorläufig nicht zu denken."

Talfahrt

Die Daten deuteten auf einen Rückgang der Industrieproduktion mit einer aufs Jahr hochgerechneten Rate von sechs Prozent hin, sagte der Chefvolkswirt der britischen Marktforscher von Markit, Chris Williamson. Ein solche Talfahrt habe es seit 1993 nicht mehr gegeben. "Da die Fertigwarenlager wegen schwacher Umsätze in Rekordtempo steigen, dürfte es in den kommenden Monaten wahrscheinlich zu weiteren Rückgängen bei Produktion und Beschäftigung kommen." Die Industrie baute bereits im Oktober unterm Strich so kräftig Personal ab wie seit Anfang 2002 nicht mehr. Auch in Deutschland konnten sich die Betriebe nicht gegen den Trend stemmen und reduzierten ihre Belegschaft erstmals seit gut drei Jahren. Entlassen wurden zunächst vor allem Zeitarbeiter.

Zu schaffen machte den Unternehmen der Nachfrageeinbruch. Industriekunden verhielten sich bei der Auftragsvergabe an deutsche Firmen zunehmend vorsichtig, da ihre Liquidität bereits unter der rigideren Kreditvergabe der Banken leide, schrieben die Forscher. Betroffen waren vor allem die Investitionsgüterhersteller. Hier seien bereits Bestellungen storniert worden.

Leichte Entlastung spürten die Firmen dank des billigeren Öls immerhin auf der Kostenseite. Die Unternehmen konnten die höheren Preise zwar nur noch gebremst an ihre Kunden weiterreichen. Allerdings stiegen die Verkaufspreise erstmals seit fünf Jahren stärker als die Kosten.

Die Euro-Zone steht vor einer Rezession. In allen großen Ländern dürfte die Wirtschaft im Sommer kaum gewachsen oder sogar geschrumpft sein. Die EU-Kommission senkte ihre Wachstumsprognose kräftig. 2008 wird nur noch mit einem Plus von 1,2 Prozent gerechnet, im kommenden Jahr dürfte die Wirtschaft gerade noch 0,1 Prozent wachsen. (APA/Reuters)

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