Experten fordern Opferschutz in den Medien

3. November 2008, 15:44
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Veröffentlichung von weiteren Details über das Leid könnte Opfern schaden - Mückstein: "Selbstdisziplin und Menschlichkeit an den Tag legen" - Jesionek für "mediale Selbstzensur"

Nach der umfassenden Veröffentlichung des psychiatrischen Gutachtens im Fall Josef F. haben am Montag der Opferhilfe-Verein Weißer Ring und der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) davor gewarnt, weitere Details über das Leid der Opfer des 73-Jährigen zu publizieren. Ansonsten sei "mit einer Brandmarkung wie im Mittelalter" zu rechnen, was für die Betroffenen "kaum auszuhalten" sei und "bis zu ihrer persönlichen Vernichtung" führen könne, wie ÖBVP-Präsidentin Eva Mückstein feststellte.

Mückstein bezeichnet das unmittelbar bevorstehende Einbringen der Anklageschrift im Inzest-Fall von Amstetten als "ganz kritischen Zeitpunkt". Selbst wenn damit nur ein Bruchteil der bisher unter Verschluss gehaltenen grauenhaften Details in den Medien landen sollte, käme das einer "Stigmatisierung sondergleichen" gleich, die für die Opfer "unzumutbar" sei, meinte sie.

Sie appelliert daher an die Medien, "Selbstdisziplin und Menschlichkeit" an den Tag zu legen: "Im Grunde entscheiden in diesem Fall die Medien, ob die Reintegration der Opfer in die Gesellschaft gelingt." Diese sollten ökonomische Interessen und allfälligen "Emotionsvoyeurismus" hintan stellen und die Kinder bzw. Enkelkinder von Josef F. mit ihrer Berichterstattung nicht bloßstellen oder öffentlich beschämen.

Jesionek: "Mediale Selbstzensur"

Udo Jesionek, der Präsident des Weißen Rings, sprach sich für mediale "Selbstzensur" aus: Es könne in niemandes Interesse sein, in diesem Fall die Opfer "weiter schwer zu traumatisieren", gab Jesionek zu bedenken.

Auf Vermittlung des Weißen Rings werden die Tochter von Josef F., die dieser 24 Jahre lang in ein Verlies gesperrt und regelmäßig sexuell missbraucht haben soll, und die in dieser erzwungenen "Beziehung" gezeugten sechs Kinder juristisch und psychologisch betreut. Ein mediales "Breittreten" bisher nicht bekannter Einzelheiten würde es diesen erschweren, das Erlebte in Ruhe aufzuarbeiten und in ein "normales" Leben zurückzufinden, meinte Jesionek.

Auf Seiten der Opfer wird befürchtet, dass nicht nur die Anklageschrift, sondern vor allem die Hauptverhandlung gegen Josef F. ein Forum bieten könnte, Dinge ins mediale Blickfeld zu zerren, die aus Rücksicht auf die Kinder bzw. Enkelkinder des 73-Jährigen bisher nicht öffentlich erörtert worden sind.

Kirchbacher: "Kein Nichtigkeitsgrund"

Diesen Befürchtungen tritt Kurt Kirchbacher, Honorarprofessor für Strafrecht und Hofrat am Obersten Gerichtshof (OGH), entgegen. Es sei im Sinne des § 229 Strafprozessordnung (StPO) zulässig, sogar während des Vortrags der Anklage die Öffentlichkeit auszuschließen, um Umstände aus der Privatsphäre von am Verfahren Beteiligten nicht vor Publikum darlegen zu müssen. "Nichtigkeitsgrund wäre damit sicher keiner geben", stellte Kirchbacher am Montag klar. Lediglich die Urteilsverkündung müsse öffentlich erfolgen.

Die ÖBVP-Präsidentin verlangt vom Landesgericht St. Pölten, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. Vom Verlauf der Verhandlung gegen Josef F. sollten zum Schutz der Opfer keinerlei Informationen an die Öffentlichkeit dringen. "Auch ein Plaudern am Gang ist zu unterbinden", stellte Mückstein fest. Ansonsten sei davon auszugehen, dass das Leid der Familie des 73-Jährigen nicht nur in breiter Form medial aufbereitet, sondern auch über Tage und Wochen hinweg bewertet wird.

Grundsätzlich tritt Mückstein dafür ein, in Strafprozessen zukünftig die Öffentlichkeit zwingend auszuschließen, sofern die Privatsphäre von Opfern sexueller Gewalt berührt wird. Verstöße dagegen sollten auch sanktioniert werden: "In Österreich ist man sich noch viel zu wenig bewusst, was man Opfern antut, wenn man sie öffentlich vorführt. Der Gesetzgeber sollte daran gehen, die Würde der Opfer mitzuberücksichtigen." (APA)

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