Presse: Weltmeister mit "Obama-Faktor"

3. November 2008, 12:05
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Während britische Medien sportliches Drama neu definiert sehen, fragt man sich in Brasilien, ob Gott nicht gar ein Engländer sein könnte - Pressestimmen zu Hamiltons WM-Titel

Sao Paulo - Mehr als 5.480 Kilometer hatten die Piloten in 18 Rennen der Formel-1-WM 2008 zurückgelegt. Die Entscheidung fiel auf dem allerletzten davon. Lewis Hamilton hatte sich im Regen mit einem Überholmanöver gegen den Deutschen Timo Glock Platz fünf im Grand Prix von Brasilien und damit auf dramatische Manier seinen ersten WM-Titel gesichert. Stunden danach war der 23-jährige Engländer noch immer nicht zu bremsen. "Mein Herz rast immer noch", gestand der McLaren-Mercedes-Pilot.

Kurze Zeit hatte Felipe Massa wie der neue Weltmeister ausgesehen, am Ende musste sich der Brasilianer mit dem elften Grand-Prix-Sieg seiner Karriere trösten - ohne Zweifel seinem bittersten. Doch der Ferrari-Pilot bewies auch in seiner schmerzhaftesten Stunde Größe. "Das war wirklich ein sehr emotionaler Tag. Ich hoffe, ich komme eines Tages hierher mit dem Titel zurück. Ich verlasse den Kurs erhobenen Hauptes", sagte Massa, der auf dem Siegespodest in seiner Heimatstadt Sao Paulo vergeblich versucht hatte, die Tränen zurückzuhalten.

Tränen gab es auch bei Hamilton - jene der Erleichterung in den Armen seines Vaters Anthony, der ihn so viele Jahre aufopferungsvoll unterstützt hatte. "Nach all den Entbehrungen, die wir auf uns genommen haben, bin ich begeistert, das für uns alle geschafft zu haben", erklärte der Weltmeister. Großbritannien huldigte seinem neuen Superstar, dem ersten britischen Weltmeister seit Damon Hill 1996. "Endlich im Schoß der Götter: Lewis holt den Titel in einem nervenaufreibenden Finale", schrieb etwa die "Daily Mail".

"Hamilton definiert sportliches Drama neu - diesem Burschen fällt nichts in den Schoß", ergänzte der "Daily Telegraph". Die brasilianischen Medien haderten naturgemäß mit dem Schicksal, hatte das ganze Land doch auf seinen ersten Weltmeister seit dem legendären Ayrton Senna 1991 gehofft. "Ist Gott Engländer?", fragte die Zeitung "O Globo". Sollte sie den Wettergott gemeint haben, hatte sie aber vergessen, dass Hamilton vor Einbruch des Regens in der Schlussphase auf dem sicheren vierten Platz gelegen war.

Grausamer Sport

"Sport kann manchmal sehr grausam sein", meinte Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali, der der Konkurrenz von McLaren-Mercedes gratulieren musste. Der neuerliche Triumph in der Konstrukteurs-WM nach jenem am Grünen Tisch aufgrund der Spionage-Affäre im Vorjahr war aber nur ein schwacher Trost für die Roten. Dabei habe "der Ferrari 2008 auch diesmal aufs Neue bewiesen, das weltweit beste Auto zu sein", meinte die "Gazzetta dello Sport". Hamilton setzte sich allerdings die Krone als bester Fahrer auf.

"Ich bin einfach überwältigt. Das war das intensivste Rennen meines Lebens", sagte Hamilton. Sich ausgerechnet in der Heimat seines Idols Senna zu krönen, sei "etwas ganz Besonderes" gewesen. Dabei hatte der Brite im Vorjahr in Sao Paulo die WM noch um einen Punkt an Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen verloren. "Wenn wieder ein Zähler gefehlt hätte, wäre das schon sehr bitter gewesen", betonte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug.

Diesmal gratulierte sogar Fernando Alonso, der Weltmeister von 2005 und 2006, der sich mit Hamilton im Vorjahr ein beinhartes Stallduell geliefert hatte. Der spanische Renault-Star sprang über seinen Schatten, um in der von ihm so ungeliebten McLaren-Box den Hut vor Hamilton zu ziehen. An Verschwörungstheorien, Toyota-Pilot Glock habe Hamilton vorbei gelassen, wollte sich im Fahrerlager niemand beteiligen. Sie sind auch völlig unbegründet: Der Deutsche war im verregneten Finish auf Trockenreifen chancenlos.(APA)

Internationale Pressestimmen vom Montag im Überblick:

GROSSBRITANNIEN:

"The Sun": "Puh, Lewis! - Lewis zeigt perfektes Timing. Vor genau 50 Jahren feierte Großbritannien den ersten Formel-1-Weltmeister mit, als Mike Hawthorn Stirling Moss im Titelrennen schlug. Ein halbes Jahrhundert später hat sich Lewis Hamilton in die erlauchte Liste der größten Motorsport-Talente eingetragen."

"Daily Mail": "Endlich im Schoß der Götter: Lewis holt den Titel in nervenaufreibendem Finale. Er holte sich die höchste Krone des Motorsports, allerdings erst in einer die Nerven strapazierenden letzten Runde bei einem unvergesslichen Grand Prix von Brasilien."

"Daily Express": "Nach Drama in der letzten Runde schnappt sich Hamilton den Titel - Lewis Hamilton wurde jüngster Weltmeister und weinte erleichtert in den Armen seines Vaters nach dem größten Finish in einem Formel-1-Rennen."

"Daily Telegraph": "Lewis Hamilton behält kühlen Kopf und wird jüngster Weltmeister im regnerischen Brasilien. Hamilton definiert sportliches Drama neu - diesem Burschen fällt nichts in den Schoß. Hamilton war Sekunden vom Herzschmerz entfernt, auf dem Parcours, wo er vergangenes Jahr in seinem Rookie-Jahr die Weltmeisterschaft um einen Punkt verpasst hatte."

"The Times": "Lewis Hamiltons göttliche Runde - es war schmerzlich mitanzusehen, und nicht sicher bis zum allerletzten Moment in einem dramatischen Grand Prix von Brasilien. Aber Lewis Hamilton schaffte es mit knapper Not."

"The Guardian": "Lewis Hamilton erfüllte sich gestern seinen Traum, der ihn als Sechsjähriger mit einem ferngesteuerten Auto ergriffen hatte, an dem Ort, wo sein Idol Ayrton Senna einst verehrt wurde. Nach zwei Jahren, in denen er eine seltene Mischung aus Bewunderung und Groll hervorrief, führte Hamilton seine Karriere zum ersten von vielleicht vielen Höhepunkten."

BRASILIEN:

"O Globo": "Ist Gott Engländer? Massa verliert den Titel wegen 500 Metern. Der Brasilianer hat gewonnen, aber Hamilton ist der Meister dank eines dramatischen Überholmanövers."

"Estado de Sao Paulo": "Ein unglaublicher Titel. Hamilton schnappt Massa den Titel im spannendsten Rennen der Geschichte der Formel 1 in der letzten Kurve weg."

"Folha de Sao Paulo": "Fast. Felipe Massa gewann ein unglaubliches Rennen, aber er verlor den Titel an Lewis Hamilton in der letzten Kurve. Brasilien hat 17 Jahre lang gewartet. Und gestern hat das Land zwei Minuten und 26 Sekunden lang Massa als Weltmeister der Formel 1 gesehen."

"Jornal do Brasil": "Das Glück war auf der Seite des Meisters. Auf nasser Rennstrecke verlor Glock viel an Geschwindigkeit. Er wurde wenige Sekunden vor dem Ende von Hamilton und Vettel überholt und frustrierte die bereits feiernden Fans. Die Party stieg wieder bei den Engländern."

 

ITALIEN:

"La Gazzetta dello Sport": "Massa - der bitterste Sieg. Lewis Weltmeister. Felipe Massa hat den Grand Prix von Brasilien gewonnen, Lewis Hamilton, Fünfter, ist Weltmeister 2008. Aber hinter alldem steht ein Rennen, das vielleicht als das unvergesslichste und bewegendste der Geschichte der Formel 1 gelten kann. Massa hat die beste Saison seines Lebens bestritten, hat sechs Grand Prix' gewonnen, einen mehr als sein Rivale. Der Ferrari 2008 hat auch diesmal aufs Neue bewiesen, das weltweit beste Auto zu sein. Dennoch, der Meister ist Hamilton. Und daher Hut ab vor diesem 23-jährigen Engländer. Kompliment, Lewis."

"La Repubblica": "Hamilton, König der letzten Kurve. Er ist der erste schwarze Pilot, der den Formel-1-Weltmeistertitel gewinnt. Massa macht das Rennen unter Tränen. So sollte man einen Moment innehalten, um den historischen Augenblick zu feiern: jetzt, wo Hamilton - Sohn eines aus Trinidad nach England eingewanderten Eisenbahners - nicht nur der erste schwarze Pilot einer der 'weißesten' Sportarten des Planeten ist, sondern auch noch Weltmeister. Wie Tiger Woods im Golf hat er zu verstehen gegeben: Es reicht ein gut austarierter Schlag, ein meisterhaft ausgeführtes Überholmanöver, um in einfachster und direkter Manier klarzustellen, dass der Sieg keine Rasse kennt. Dass das Leben keine Rasse hat."

"La Stampa": "Atemberaubender Grand Prix von Brasilien. Massa gewinnt, aber es reicht nicht. Der erste Schwarze am Ziel. Hamilton Sieger dank des Deutschen von Toyota."

"Corriere della Sera": "In der letzten Kurve. Hamilton Weltmeister in einem verrückten Endspiel - Massa an der Nase herumgeführt."

SPANIEN:

"El Mundo": "Hamilton stand kurz davor, das Fiasko von 2007 zu wiederholen. Aber er wachte noch gerade rechtzeitig aus seinem Alptraum auf."

"El Periodico de Catalunya": "Ruhm und Niederlage, Himmel und Hölle lagen nur 20 Sekunden auseinander."

"Marca": "Nach 5.488 Kilometern entschied sich die Weltmeisterschaft auf den letzten 850 Metern."

"As": "Hamilton gewinnt die Weltmeisterschaft um Haaresbreite. Der Einbruch von Glock in der letzten Runde war unglaublich. Wir werden nie erfahren, ob es Absicht war, ob Glock sich zu einem Freund von Hamilton machen wollte oder ob noch Schlimmeres dahinter steckte."

"Sport": "Timo Glock wurde unfreiwillig zu einem Hauptdarsteller in Interlagos. Warum verlor der Deutsche in der letzten Runde plötzlich seinen Vorsprung auf Hamilton? Ließ er sich absichtlich überholen? Es zirkulieren Unmengen an Spekulationen. Aber die Erklärung dürfte darin liegen, dass Glock keine Regenreifen aufgezogen hatte."

FRANKREICH:

"Le Parisien": "Gestern ist der kleine Lewis zu Hamilton dem Großen geworden."

"Liberation": "Voila, ein Champion seiner Zeit: egoistisch, egozentrisch, gelegentlich hinterhältig und bereit alles dafür zu tun, seine Ziele zu erreichen."

"Le Figaro": "Hamilton Weltmeister der Spannung. Zwischen Grau und Rot, Glück und Unglück, die Entscheidung über die Weltmeisterschaft zauderte wie eine Roulettekugel auf ihrer letzten Runde."

DEUTSCHLAND:

"Bild": "Schwarzer Schumi Weltmeister! Hamilton Silbergeil! Er sitzt endlich auf dem Thron! Aber was war das für ein Drama... Ferrari jubelte und weinte wie Schalke. Das dramatischste und spektakulärste Formel-1-Finale aller Zeiten! Sie dachten 38,9 Sekunden lang, Massa wäre Weltmeister. Es war so dramatisch, so chaotisch, dass am Ende fast alle den Überblick verloren. 38,9 Sekunden glaubte Ferrari sogar, Weltmeister zu sein! Keiner hatte bemerkt, dass Hamilton in der drittletzten Kurve an Timo Glock vorbei von Platz 6 (so wäre er nur Zweiter geworden) auf Platz 5 gerast war."

"Stuttgarter Nachrichten": "Glock sei Dank: Hamilton zittert sich zum Titel. Das Saisonfinale der Formel 1 war nichts für Menschen mit schwachen Herzen: Silberpfeil-Fahrer Lewis Hamilton hatte den Titel zwei Runden vor Schluss so gut wie verloren, ehe ein Ausrutscher von Timo Glock ihm doch noch die WM-Krone bescherte. Felipe Massa nützte der Sieg beim Heimspiel nichts. Vom Himmel in die Hölle und wieder zurück. Reisebüro McLaren-Mercedes hat es für Lewis Hamilton möglich gemacht, diese Reise innerhalb von nur knapp drei Minuten mit all ihren Facetten zu absolvieren."

"Stuttgarter Zeitung": "Hamilton - Weltmeister auf den letzten Drücker. Spannender geht es nicht mehr. Auf den letzten 300 Metern hat Lewis Hamilton gestern die Formel-1-Weltmeisterschaft 2008 gewonnen. Felipe Massa fühlte sich schon für kurze Zeit als Titelträger - doch dann gab es bei ihm nur noch Tränen."

"Süddeutsche Zeitung": "Die Szenerie passte. Als für Felipe Massa am Sonntagabend die brasilianische Nationalhymne gespielt wurde in Interlagos, hatte sich eine bedrohliche Dunkelheit über das Autodromo Jose Carlos Pace gesenkt. Düstere Regenwolken waren aufgezogen. Sie luden ihre schwere Fracht ab und tauchten neben Massa auch Fernando Alonso im Renault-Overall und Kimi Räikkönen im Ferrari-Dress in ein schwermütiges Licht. Selten hat sich ein Formel-1-Sieger weniger gefreut. Selten floss weniger Champagner. Trotz seines Erfolges beim Heimspiel hat Felipe Massa das Titelrennen verloren. Denkbar knapp. In der letzten Kurve des letzten Rennens. In der überholte McLaren-Mercedes-Pilot Lewis Hamilton Toyota-Fahrer Timo Glock. Das brachte dem Briten den fünften Platz, den er benötigte, um zum ersten Mal Weltmeister zu werden."

"Tagesspiegel": "Felipe Massa hatte die Linie überquert, Lewis Hamilton ebenfalls, und für ein paar Sekunden brach in der sonst so durchorganisierten Welt der Formel 1 Chaos aus. Jubel brandete auf in der Ferrari-Box, in der McLaren-Garage fielen sich die Menschen taumelnd in die Arme - aber wer war denn jetzt Weltmeister 2008? Nach ein paar Sekunden konnte man es an Luiz Antonio Massas Gesicht ablesen. Der Vater des Ferrari-Piloten hatte die Nachricht erhalten, und seine Freude wich blankem Entsetzen: In der letzten Kurve der Saison hatte sich der McLaren-Mercedes-Fahrer Lewis Hamilton doch noch auf den fünften Platz vorgeschoben und sich damit den Weltmeistertitel gesichert - als jüngster Pilot aller Zeiten."

SCHWEIZ:

"Blick": "Das Massa-Drama. Was für ein Thriller, was für ein Ende, was für ein Drama! Felipe Massa (28) fuhr nach 94 Minuten und 11 Sekunden in Sao Paulo als Sieger und Weltmeister über die Ziellinie. Als der Brasilianer sich auf der Ehrenrunde von 90.000 Fans feiern ließ, wurde er von Lewis Hamilton (McLaren-Mercedes) mit 98:97 Punkten wieder entthront! Zeitungen suchen nach diesem GP von Brasilien, diesem Hitchcock-Thriller, die richtigen Schlagzeilen. Es gibt sie wohl nicht."

"Neue Zürcher Zeitung": "Verrücktes Ende einer verrückten Saison. Was die kleinen und großen Dramen angeht, überbietet sich die Formel 1 immer wieder selber. Der Showdown in Brasilien hat es unterstrichen. Lewis Hamilton ist nichts geschenkt worden. Und nicht nur die Hautfarbe legt den Vergleich nah: Der Brite besitzt den Obama-Faktor, den unabdingbaren Willen zur Veränderung. Auch im zweiten Anlauf ist sein Titelgewinn noch eine Sensation. In der kurzen Zeit, die der McLaren-Mercedes-Fahrer an der Spitze mitmischt, hat er viel durcheinandergewirbelt. Das zieht die größte Bewunderung, aber auch größere Kritik nach sich. Vom Typus her, von seiner Besessenheit für den Rennsport, kann Hamilton gar nicht anders. Er hat Kanten bekommen, auch ein Profil. Den ersehnten Titel hat der Brite jetzt, die Polarisierung geht weiter. Er hat das Zeug dazu, eine eigene Ära zu starten."

"Berner Zeitung": "Was mit sieben Punkten Vorsprung komfortabel ausgesehen hatte, ist für Lewis Hamilton zur höchst anspruchsvollen Arbeit geworden. Dass der 23-jährige Brite mit Wurzeln in der Karibik in Brasilien doch noch Formel-1-Weltmeister geworden ist, hat er nicht nur seinem Können, sondern auch einer großen Portion Glück zu verdanken. Kurze Wolkenbrüche vor dem Start und fünf Runden vor Schluss haben den McLaren-Mercedes-Fahrer zweimal vom richtigen Weg abgebracht. Anders als im Vorjahr ist diesmal alles noch gut gegangen. Hamilton kam wie verlangt als Fünfter ins Ziel und setzte sich im WM-Schlussklassement einen Punkt vor den vor eigenem Publikum souverän siegenden und dennoch bitter enttäuschten Felipe Massa."

"Tagesanzeiger": "Das bisher dramatischste Formel-1-Finale wurde beim GP von Brasilien auf dem letzten Kilometer zugunsten von Lewis Hamilton entschieden."

 

  • Britische Medien sind von Lewis Hamilton ebenso entzückt wie...

    Britische Medien sind von Lewis Hamilton ebenso entzückt wie...

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    ...McLaren-Boss Ron Dennis und...

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    ...Lebensabschnittpartnerin Nicole Scherzinger.

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