Reportage: Day Time Drinking in Oklahoma

3. November 2008, 11:12
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Das Agrarland Oklahama ist ein erz­republik­anischer Staat mitten im "Biblebelt" der USA - Eine Reportage über Verlierer und Kämpfer an den Tresen des Alltags

Ohne Beschäftigung sitze ich im Flieger und denke darüber nach, warum ich mich unbedingt auf den weiten Weg nach Oklahoma machen wollte. Schließlich sind die bekannten Sehenswürdigkeiten der USA alle tausende Kilometer entfernt. Neben mir sitzt mein Kumpel aus Studientagen, Brad Driscol. Er wohnt jetzt in Washington DC und befindet sich auf dem Heimweg nach Tulsa, einer Stadt mit 350 000 Einwohnern im Osten Oklahomas.

Brads Mutter holt uns vom Flughafen ab und wir fahren durch den Norden Tulsas zu Wilson's Grill. Ich sehe Weiden und ein Pferd, vereinzelte Häuser. Verwundert frage ich, wann die Stadt denn anfängt. Mutter Driscol grinst und meint: "Sind schon lange da. Weißt du, in Tulsa ist alles weit auseinander." Beim Essen dann die Frage, auf die ich schon eine Weile gewartet hatte: "Sohn, weißt du schon wen du am 4. November wählen wirst?" Brad sagt nichts, lächelt und Mutter Driscol weiß, dass Brad schon immer ein Liberaler war. Gegenfrage und auch die Mutter lächelt wissend. Ich versuche, in ihrem Gesicht zu lesen, wen sie wählt und erfahre nichts.

McCain führt

Die Umfragewerte eine Woche vor der Wahl sagen einen eindeutigen Ausgang im Staat Oklahoma voraus, McCain führt zweistellig. Das Agrarland Oklahoma war immer schon republikanisch, so wie Niederösterreich oder Tirol Kernländer der ÖVP sind.

Nach Wilson's Grill geht die Fahrt weiter, langsam hören die innerstädtischen Weiden und Wiesen auf und die Vorstadt sieht aus, wie man sie aus Amerika kennt: Rasen und Holzhaus dahinter. Neben der Auffahrt stehen blauweißrote Schilder mit McCain&Palin und gar nicht so selten auch mit Obama&Biden.

"Okie From Muskogee"

Am nächsten Tag fahren wir nach Muskogee. Das schmucke Landstädtchen von ca 40.000 Einwohners inmitten von endlosen Rinderweiden und Feldern wurde bekannt durch einen antiliberalen Westernschlager aus dem Jahr 1969 von Merle Haggard "Okie From Muskogee".
Brad und ich wollen herausfinden, wie die Leute der Unterschicht auf dem Land, fernab des internationalen Geschehens, über die Präsidentenwahlen denken.

Um Punkt 12 Uhr Mittags beginnt unsere Recherche in der Roundhouse Bar unten beim Güterbahnhof. Zwischen fluoreszierenden Skeletten und künstlichen Spinnweben als Halloweendekoration bestellen wir uns ein Bier und fragen die Barkeeperin, ob sie denn schon wüsste, wem sie ihre Stimme geben wird. Die Antwort ist klar und eindeutig und gerade heraus: "Ich geh nicht wählen. Die interessieren mich nicht und sie sich für mich auch nicht." Mehr will sie nicht sagen und wir bestellen uns noch ein Bier.

Nichtwähler

Butch nickt, nippt an seiner Dose "Natural Light" und schaut vor sich auf den Tresen. Butch sieht aus, als ob er was sagen möchte. "Hey Butch, darf ich dich fragen, sag, gehst du wählen?." Butch schüttelt seinen Kopf: "Schau, ich war Zimmermann, jetzt bin ich in Pension und sitze hier in der Roundhouse Bar in Muskogee. Was glaubst du, was ändert sich für einen wie mich? Obama und McCain, ist doch einer wie der andere. Kann auch sein, dass sie Obama bald erschießen. Irgendwelche Rassisten." Wir fragen Butch ob Amerika seiner Meinung in der letzten Zeit stärker geworden ist oder schwächer. Butch sagt, das sei doch klar, schwächer. "Und was braucht es, damit es mit Amerika wieder aufwärts geht?" Butch, der Zimmermann aus Muskogee meint, das wichtigste wäre, dass "wir uns nicht in die Angelegenheiten anderer einmischen. Mehr sag ich nicht außer "Fragt doch den da hinten."

Bewegte Geschichte

"Der da hinten" ist ca 40 und spielt mit seinem Sohn gerade eine Runde Billard und ist der einzige im Roundhouse, der keinen Alkohol trinkt. Wir fragen Andy die selben Fragen: Auch er geht schon wählen. Obama, meint er, sei schon gut drauf, weil er es "geschafft" hat, ohne Vater. Andy schaut zu seinem Sohn: "Du bist dran, spiel die rote nach rechts oben." Andy ist Cherokee. Die Cherokee sind einer jener fünf indianischen Völker, die von der amerikanischen Bundesregierung unter Präsident Martin van Buren im Winter 1838/39 auf dem "Pfad der Tränen" aus dem Südosten der USA nach Oklahoma vertrieben wurden. Die anderen Völker sind die Muskogee (Creek), Seminoles, Chickasaw und Choctaw. Oklahoma wurde ihnen als Territorium zugewiesen. Zusammen mit den in Oklahoma bereits ansässigen indianischen Völkern machen sie noch heute gut 6 Prozent der Bevölkerung Oklahomas aus.

"Oklahoma Land Run"

Im Jahr 1885 führten Verhandlungen mit den Muskogee und den Seminolen dazu, dass am 22. April 1889 zwei Millionen Morgen Land für Siedler freigegeben wurden. Die Folge war der "Oklahoma Land Run", bei dem innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Siedler in das Land strömten.
Doch zurück zu Andy, dem Cherokee: Er arbeitet als Dachdecker, interessiert sich für Politik "eigentlich nicht", findet aber schon, dass es Amerika wieder besser ginge, wenn "wir uns nicht soviel einmischen und uns mehr um unsere eigenen Dinge kümmern".

Für Kennedy

Für Brad und mich ist es and der Zeit, einen Lokalwechsel durchzuführen. Um den Block lädt die Caboose Bar mit der üblichen Halloween-Deko zum Verweilen im "Dienstwagen" (=Caboose) ein. Drei Jungs trinken an der Bar vor sich hin, die üppige Kellnerin nennt sich Mama Jugs und gibt sich leutseelig: "Haha, über Politik wollt ihr reden? Hier im Caboose?" - "Mama Jugs, weißt du, wen du wählst?" Mama Jugs dreht sich weg, wäscht ein Glas aus um ein wenig Zeit zum Nachdenken zu finden. Dann stützt sie sich mit beiden Händen am Tresen auf, lehnt sich zu mir, schaut mir in die Augen und sagt: "Die Politiker haben die Religion aus den Schulen verbannt, die wähl ich nicht. Außerdem bescheißen sie uns sowieso wie es ihnen passt". Der Kerl neben mir sagt, Obama sei anders. "Aber das letzte Mal, asl ich gewählt habe, hab ich für Kennedy gestimmt."

"Daytime Drinkers"

Brad und ich treten vor die Tür des "Dienstwagens". Langsam wird es dunkel und es dämmert uns, dass die Frustration dieser Menschen auch von der besten Wahlkampfmaschinerie nicht aufgebrochen werden kann. Unsere Nachforschungen gehen noch zwei Bars lang und viele Dosen Natural Light weiter: Wir treffen Arnold, einen Republikaner, der früher LKW-Fahrer war und nach einem Herzinfarkt nun eine Poker-Bar mit Tresen und drei Tischen betreibt. Er geht wählen, meint auch, wie nicht wenige, dass Obama bald getötet wird, falls er gewinnt.

Brad und ich haben einen kleinen Ausschnitt der USA kennen gelernt, jenen der frustrierten Verlierer und der "Daytime Drinkers" weit weg vom Rest der Welt, denen die Härte des Lebens den Mut und viel von ihrer Lebensfreude genommen hat. Wir trafen in ihrer Mitte aber auch jene, die versuchen, ihr Glück in die eigenen Hände zu nehmen und sich nicht unterkriegen lassen, wie Andy der Cherokee und der erzrepublikanische Ex-Trucker Arnold. Danke, Oklahoma. (Philipp Ritter für derStandard.at, 3.11.2008)

  • Die Gäste im "Caboose" halten nichts von Politik.
    foto: philipp ritter

    Die Gäste im "Caboose" halten nichts von Politik.

  • Muskogeewurde bekannt durch den antiliberalen Westernschlager aus dem Jahr 1969 von Merle Haggard "Okie From Muskogee".
    foto: philipp ritter

    Muskogeewurde bekannt durch den antiliberalen Westernschlager aus dem Jahr 1969 von Merle Haggard "Okie From Muskogee".

  • Wilson's Grill in Tulsa.
    foto: philipp ritter

    Wilson's Grill in Tulsa.

  • Brad mit Mutter Driscol.
    foto: philipp ritter

    Brad mit Mutter Driscol.

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