Doppelbödige Frage des Lösegeldes

2. November 2008, 19:00
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Warum mit Entführern verhandelt wird, aber leise - und welche Rolle Medien spielen - von Irene Brickner

Die Freude darüber, dass sich Andrea Kloiber und Wolfgang Ebner nach 252 Tagen in der Gewalt islamistischer Entführer wieder in Österreich befinden, geht weit über die Kreise ihrer Verwandten und Freunde hinaus: so weit, wie Berichte nationaler und internationaler Medien über den Fall eben reichen. Doch in die Erleichterung über den glimpflichen Ausgang der Geiselnahme mischt sich ein kritischer Unterton, sobald es um die Frage geht, welchen Forderungen der Entführer die österreichische Verhandlerseite wohl entsprechen hat müssen, um die Freilassung möglich zu machen. Sprich: ob Lösegeld bezahlt worden ist.

Die Antwort der in den Fall involvierten heimischen Politiker ist einhellig. Nein, Lösegeld sei keines geflossen, beteuert man im Außenministerium. "Wir haben internationales Recht respektiert", fügt dem, indirekt und vielsagend, Anton Prohaska, der österreichische Sondergesandte in der Affäre, hinzu. Es scheint, als dürfe einfach nicht sein, wovon anonym bleibende Eingeweihte sprechen: dass Kloiber und Ebner nur nach dem Fließen einer größeren Summe freigelassen worden seien, die vielleicht indirekt über entwicklungspolitische Stiftungen, aber doch zum Zweck der Geiselfreilassung überwiesen worden sei. Sowie gegen andere Zugeständnisse lokalerer Natur: Die Rede ist von Wegerechten und Zugang zu Wasservorkommen für die Entführer im Norden von Mali selbst.

Mit diesen Widersprüchen steht der österreichische Entführungsfall nicht allein da. Offizielle Dementis, Lösegeld bezahlt zu haben, und hintergründige Einsprüche dagegen wurden zum Beispiel während der Entführung der inzwischen wieder freigelassenen Franko-Kolumbianerin Ingrid Betancourt laut. Oder - noch fallbezogener - nach dem Kidnapping von 16 deutschen Sahara-Touristen durch eine ebenfalls islamistisch-salafistische Terrorgruppe 2003 in Algerien. Sowie in vielen anderen Fällen auch.

Denn so unmissverständlich Regierungen reicher Länder im Fall von Menschenraub ihre Nicht-Erpressbarkeit auch betonen und so wichtig eine solche harte Position im Eintreten gegen Terrorismus jeder Provenienz ist: Hinter den Kulissen wird meist auf die eine oder andere Art in Verhandlung mit den Entführern getreten, um den gewaltsamen Tod eines Staatsbürgers in der Fremde zu verhindern - eine berechtigte, weil humane Lösung, die innenpolitisch vermittelbar ist, auch wenn sie außenpolitisch offen nicht zugegeben werden kann.

Natürlich bringt dieses diplomatische - man könnte auch sagen: doppelbödige - Vorgehen ein Risiko mit sich: Unter potenziellen Entführern könnte sich herumsprechen, dass im Fall des Entführungsfalles mit Verhandlungsbereitschaft der anderen Seite zu rechnen ist. Das erhöht die Gefahr weiterer Entführungen - und rückt das Thema des Risikos von Reisen in politisch instabile Gegenden in den Mittelpunkt (unter welche der Süden Tunesiens, wo Kloiber und Ebner entführt worden sind, bis zum Zeitpunkt ihres Verschwindens eindeutig nicht einzureihen war): Wer Abenteuer in abgelegenen Regionen sucht, muss sich der möglichen Gefahren bewusst sein. Dass reiche Staaten von Ex-Geiseln Anteile an den Kosten für Befreiungen zurückverlangen, scheint in diesem Zusammenhang berechtigt.

Zuletzt aber stellt sich auch die Frage des medialen Umgangs mit derlei Menschenraub, der längst zur Waffe in den international geführten Terror- und Guerillakriegen geworden sind. Je marktschreierischer nach einer geglückten Heimkehr die Berichte, umso breiter die Öffentlichkeit letztlich auch für die Entführer. In den kommenden Tagen und Wochen wird sich zeigen, wie es sich diesbezüglich im Fall Kloiber und Ebner verhält. (DER STANDARD, Printausgabe, 03.11.2008)

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