Befreiung über die "Umweltschiene"

2. November 2008, 18:41
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Bei der Geiselbefreiung spielten lokale Stämme, die die Entführer nicht mehr auf "ihrem" Territorium dulden wollten, eine Rolle

Was nach mehr als acht Monaten den Durchbruch zur Freilassung von Andrea Kloiber und Wolfgang Ebner gebracht hat, ist nach österreichischer Darstellung das, was der Sondergesandte Anton Prohaska "die Umweltschiene" nennt. Soll heißen: Die lokalen Stämme im Norden Malis in jener Region, in der die Österreicher festgehalten wurden, sollten dazu gebracht werden, die Geiselnehmer nicht länger in ihrer Gegend zu dulden.

Letzteres war, nach den Worten Prohaskas, durchaus der Fall: Die Geiselnehmer konnten sich Treibstoff und Lebensmittel besorgen, sich in der Region bewegen. Schließlich, betont der österreichische Sondergesandte, hatte die Entführergruppe - die sich zur "Al-Kaida im Islamischen Maghreb" zählt - in Mali nie Gesetze übertreten oder ein Verbrechen begangen. "In Mali halten sie sich an Regeln und werden von der Bevölkerung in gewisser Hinsicht getragen." Ein Überzeugungsprozess, der, so sei von Anfang an klar gewesen, Zeit brauchte - und schwierig in einer Kultur, in der Gastfreundschaft eine große Rolle spielt.

"Die lokalen Gemeinden haben, auch auf Initiative der Regierung, den Geiselnehmern klargemacht, dass sie sie nicht auf ihrem Territorium akzeptieren", sagt auch ein lokaler Stammesführer. "Sie hatten also die Regierung und die Stämme gegen sich - das geht natürlich nicht." Die lokalen Stämme sind vor allem Tuareg und Mauren. Der Konflikt zwischen Tuareg-Rebellen und der Armee hatte den Norden des Landes, vor allem die Region Kidal, seit Monaten in Atem gehalten. Die Rebellen unter ihrem Führer Ibrahim Ag Bahanga verlangten mehr Autonomie und mehr Mittel für ihren lange vom Staat vernachlässigten Landesteil.

Seit rund drei Monaten hat sich der Konflikt entspannt, nach Friedensverhandlungen, der Freilassung von Gefangenen und dem Versprechen der malischen Regierung, dem Norden mehr Entwicklungsgelder zur Verfügung zu stellen, laut Medien unter anderem ein Zwei-Millionen-Dollar-Paket. "Die Lage hat sich sehr stabilisiert", sagt auch Yehia Ag Mohammed, bei der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) für das Programm Mali-Nord zuständig und selbst Tuareg-Vertreter.

Auch der Sprecher des Außenamts, Peter Launsky-Tieffenthal, verweist auf Sicherheitsaspekte. "Die Bemühungen um die Freilassung haben sich als weniger schwierig erwiesen als jene zur Schaffung eines sicheren Umfelds."

Mehrere Befreiungsversuche

Dem Ministerium zufolge wurden Ebner und Kloiber in der Region Gao - die nächste Stadt von dem Ort der Freilassung ist Bourem - den Vertretern der malischen Regierung und der Armee übergeben. Mehrere vorherige Versuche, die Geiseln freizubekommen, schlugen fehl. "Es gab eine ganze Reihe von Befreiungsversuchen", bestätigt Prohaska. "Oft" habe er in den acht Monaten zuvor gedacht, dass eine Freilassung anstünde, bis ihn schließlich irgendwann zwischen Mittwochabend und Donnerstag in der Früh vergangene Woche die Erfolgsnachricht erreicht habe.

Über "Anreize" habe man zuvor immer wieder versucht, eine Freilassung zu erreichen, sagt Prohaska. Dazu zählten nicht näher genannte Drohungen, aber auch Angebote. Ob den Entführern auch Geld geboten sei? "Man kann nur sagen, die Palette ist weit." Dass Lösegeld geflossen ist, wird vom Außenministerium dementiert. Auch Prohaska antwortet auf die entsprechende Frage mit einem deutlichen "Nein". "Die Lösegeldfrage hat von Anfang an eine Rolle gespielt. Es ist Geld gezahlt worden", heißt es dagegen vonseiten eines malischen Vertreters.

Allerdings, so sagen mehrere Beobachter, habe Österreich stets betont, die Verhandlungen zur Freilassung über die Regierung in Bamako zu führen. Wenn Geld über Vermittler an die Entführer weitergeben worden sei, das wiederum "über Umwege" aus Wien nach Mali gekommen sei, könne sich Österreich stets darauf berufen, nicht gezahlt zu haben. "Ein solches Vorgehen", meint einer, "ist in solchen Fällen nicht unüblich." (Julia Raabe/DER STANDARD, Printausgabe, 03.11.2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Wolfgang Ebner und Andrea Kloiber in der Gewalt der "Al-Kaida im Maghreb". Das Gesicht von Kloiber wurde auf dem Foto unkenntlich gemacht. Das Bild wurde von der Privatfirma IntelCenter veröffentlicht, die für Geheimdienste arbeitet.

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