STANDARD-Interview: "Lieber wäre ich wieder unten"

2. November 2008, 18:36
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Es sei wichtig, dass die befreiten Geiseln von den Medien in Ruhe gelassen würden, sagt die ehemalige Geisel Harald Galler

STANDARD: Was dachten Sie, als Sie von der Befreiung gehört haben?

Galler: Ich habe mir gedacht: Die Armen, jetzt geht es ihnen so wie uns. Was mich so gestört hat, war, dass die Medien schreiben, was sie wollen, und nicht zuhören, was man zu sagen hat. Ich hoffe, dass die zwei von den Medien in Ruhe gelassen werden. Man hat ja mit gewissen Mechanismen überlebt, die die eigene Todesangst ausgeschalten haben. Und dann wird gleich geschrieben: Das ist das Stockholmsyndrom, was überhaupt nicht stimmt. Denn da ist nie von Freundschaft die Rede, sondern da müssen einige Personen in einem lebensgefährlichen Raum zusammenleben. Aber ich würde auch heute nicht losschimpfen gegen die Geiselnehmer, obwohl es aufs äußerste zu verurteilen ist, was die machen.

STANDARD: Weshalb war es nicht möglich, sich vor den Medien zu schützen?

Galler: Wir haben im Flugzeug ausgemacht: Wir reden nicht. Nur einer hatte Exklusivverträge in der Hand. Er hat das Geld kassiert und die Lawine ist losgerollt.

STANDARD: Wäre da professionelle Hilfe notwendig?

Galler: Professionelle Hilfe ist wieder das Gleiche: Da nimmt mir jemand etwas aus der Hand. Ich habe mir nach der Rückkehr gedacht: Lieber wäre ich wieder unten. Weil die Entführer waren klasser zu mir als die Leute daheim.

STANDARD: Weil Sie dieselbe Ohnmacht gespürt haben wie als Geisel?

Galler: Ja, die Ohnmacht ist ja das, was man erlebt hat. Und diese totale Ausgeliefertheit wiederholt sich. Ich hätte gern die Wahl gehabt, ob mich der Staat abholt oder nicht. Das war ja wie eine zweite Entführung, dass ich in den Flieger einsteigen musste. Man ist dann in der Gewalt des Staates, so wie zuvor in der Gewalt der Entführer. Und man möchte ja endlich Freiheit haben und das tun, was man selbst für richtig hält.

STANDARD: Aber denken Sie, dass Sie befreit worden wären, wenn Ihnen der Staat nicht geholfen hätte?

Galler: Nein, sicher nicht, aber vielleicht wären wir auch nicht entführt worden. Denn es ist ja üblich, dass der Westen einfach zahlt.

STANDARD: Und Sie sind dagegen?

Galler: Strikt dagegen.

STANDARD: Wie haben Sie sich nach der Befreiung gefühlt?

Galler: Ich habe das anfänglich extrem ausgedrückt und gesagt: Ich würde es jedem Menschen aus dem Westen wünschen, dass er so eine Erfahrung macht, weil einem die Augen aufgehen, was das Leben wert ist. Ich habe während meiner Entführung Abschiedsbriefe geschrieben. Ich habe damit meine Todesangst besiegt.

STANDARD: Wie hat Sie die Entführung verändert?

Galler: Ich nehme mehr Acht, auf meine Persönlichkeit. Es war eine großartige Lebensschule. Ich passe mich nicht mehr so leicht an - und merke, wie schwer das ist. Ich brauche keine Abenteuerreisen: Die Reise nach innen ist mehr wert.

STANDARD: Haben Sie die gesucht?

Galler: Ja. Ich wollte dort meditieren. Aber daraus wurde dann eine größere Meditation (lacht).

STANDARD: Sind Sie auch humorvoller seit der Entführung?

Galler: Ich bin näher bei mir, und da wird man wahrscheinlicher lustiger, weil das Leben viel mehr greift. (Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 03.11.2008)

Zur Person
Harald Galler (45) war 2003 zwei Monate in der Hand der Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC). Er leitet eine IT-Abteilung in Salzburg.

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    Harald Galler: Es sei negativ, wenn man sich nach der Befreiung noch einmal ausgeliefert fühlt.

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