Verstörende Genialität

2. November 2008, 18:27
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Ivo Pogorelichs Klavierabend im Konzerthaus

Wien - Es gibt ein Sprichwort, demzufolge die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut. Wenn man Ivo Pogorelich, der im Konzerthaus wieder einmal zu einem seiner ebenso extravaganten wie radikalen Klavierabende eingekehrt ist, zuhört, könnte man meinen, diese Maxime sei einzig auf das genialisch manierierte Spiel dieses launischen Virtuosen gemünzt. Vor allem, wenn er schon an das einleitende Es-Dur-Nocturne von Chopin (op. 55/2) so herangeht, als ginge es um eine stilgerechte Aufführung einer Bach-Invention.

Nicht dass sich Pogorelich bei der Programmstruktur nicht auch etwas gedacht hätte: In der auf das Nocturne folgenden Sonate in h-Moll (op. 58) hat sich Chopin tatsächlich merklich von Bachs polyfonen Strukturen beflügeln lassen. Zu deren Realisierung kommt ihm die verblüffende Autonomie seiner Hände sehr zugute. Auch wenn er diese - bei allem Respekt - bisweilen doch zu weit treibt. Obwohl er die von einer Assistentin Blatt für Blatt taktgenau gewendeten Noten stets vor sich hat, bleibt der Rhythmus für Pogorelich überwiegend Privatsache. Und da kann es schon einmal vorkommen, dass eine Hand in der Hitze der Expression etwas zu spät kommt und die Unsitte des "Nachschlagens" sogar zur interpretatorischen Tugend adelt.

Was an diesem Spiel fasziniert und, wie man den Reaktionen entnahm, auch stört oder verstört, ist, dass jeder Ton, den er anschlägt, das Energiepotenzial des ganzen Werkes in sich birgt: die wirbelnde Brillanz auch in den stilleren Passagen von Liszts erstem Mephisto-Walzer, und, sogar in den Pausen, die Trauer der Valse triste von Sibelius. Als Pogorelich dann zum Schluss mit Ravels Gaspard de la nuit den Parnass des Virtuosentums erklomm, wurde der Wunsch wach, von diesem zur interpretatorischen Ausschweifung Neigenden einmal die Etüden von Ligeti zu hören. (Peter Vujica, DER STANDARD/Printausgabe, 03.11.2008)

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