Kündigungswelle bahnt sich an

2. November 2008, 18:21
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Bei Siemens Österreich läuft es derzeit unrund: Der Verkauf eines Finanzdienstleisters kommt nicht zustande, in der Softwaresparte werden Kündigungen befürchtet

Wien - Die Auswirkungen der Finanzkrise haben Siemens Österreich erreicht: Der geplante Abverkauf von Nicht-Kerngeschäft ist durch Börsentalfahrt, Bewertungsverluste und Kreditklemme ins Stocken gekommen. Wie der Standard erfuhr, ist der vom Aufsichtsrat im September beschlossene Verkauf des hauseigenen Dienstleisters Innovest Kapitalanlage AG an die niederösterreichische Hypo-Gruppe nicht zustande gekommen. Erlöse daraus können damit nicht im soeben beendeten Siemens-Geschäftsjahr 2008 (30. September) verbucht werden, das Finanzergebnis werde empfindlich kleiner ausfallen als erwartet, heißt es.

Offiziell bestätigen will man die Vollbremsung nicht. Der Deal, der 44,97 Mio. Euro eingebracht hätte (etwa jene Größenordnung, die Österreich-Chefin Brigitte Ederer im Zentral- und Osteuropageschäft an Verwaltungskosten einsparen muss), liege derzeit auf Eis, so die Sprachregelung.

Spekulationen über die Gründe

Über die Gründe kann nur spekuliert werden. Die zeitliche Koinzidenz mit Millionen-Veranlagungsverlusten bei niederösterreichischen Wohnbaugeldern und den Finanzproblemen in 90 niederösterreichischen Gemeinden ist auffällig, wird aber vehement in Abrede gestellt. Man stehe nicht unter Zeitdruck. Weit drängender sind dagegen die Probleme beim konzerneigenen Softwarehaus Programm- und Systementwicklung (PSE) mit seinen weltweit gut 5000 Beschäftigten. PSE leide massiv unter Auftragsmangel, erfuhr der Standard. Hunderte Arbeitsplätze stünden zur Disposition.

Ausgetrocknet ist nicht der Softwaremarkt im Allgemeinen, sondern es sind ausgerechnet die vier Konzernsparten Energie, Industrie, Verkehrs- und Medizintechnik, die mit Aufträgen an die (dem Konzernbereich SIS, Siemens IT Solutions und Services, eingegliederte) PSE geizen. "Die Stammhausbereiche hungern die PSE aus", formuliert ein Beobachter.

Das trifft insbesondere PSE in Österreich - mit rund 2400 Beschäftigten der mit Abstand größte SIS-PSE-Teilbereich. Der PSE in Wien sind mit dem Verkauf des Telekom- und Telefonanlagengeschäfts zuletzt bereits ihre lukrativsten Bereiche weggebrochen. Nach heftigen Protesten wurden Sozialpläne verhandelt, um mehr als tausend Softwareprogrammierer den Aus- und Umstieg aus dem Siemens-Reich zu ermöglichen, hunderte Mitarbeiter wurden ausgegliedert.

Aderlass könnte folgen

Nun könnte der nächste Aderlass folgen. In der PSE-Belegschaft in Wien und Graz geht die Angst vor Personalabbau um, es wurden Betriebsversammlungen abgehalten. Dem Vernehmen nach gab es bereits Gespräche zwischen Firmenleitung und PSE-Betriebsrat, morgen, Dienstag, sollen weitere folgen. Laut Insidern soll die PSE völlig neu aufgestellt werden, die Rede ist von einer Forschungsabteilung, in die Teile eingebracht werden sollen. Und: dass es bereits eine Kündigungsliste mit 500 Namen gebe. Das bestreitet man bei Siemens. Umstrukturierungen, Redimensionierung der PSE, Kündigungen oder eine Zerschlagung seien derzeit kein Thema, so Sprecher Harald Stockbauer.

PSE-Betriebsratschef Ataollah Samadani befürchtet freilich genau das. Er bestätigt, wonach es Versammlungen an allen Standorten gegeben hat. Die Belegschaft fordert eine nachhaltige Sicherung des Geschäfts, die Erhaltung der PSE und ihre Einbettung als Dienstleister für den Konzern. Laut der Gewerkschaft der Privatangestellten sollen am Donnerstag in Floridsdorf Protestaktionen abgehalten werden. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 3.11.2008)

 

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    In Griechenland ist Siemens mit Protest konfrontiert, in Wien könnte es bald so weit sein.

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