"Ein bisschen mehr Hard Power würde Europa nicht schaden"

2. November 2008, 18:10
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Charles S. Maier vom Center for European Studies im STANDARD-Gespräch: Transatlantisches Verhältnis bessert sich

Boston - In einem Land, in dem bereits psychologische Betreuung für diejenigen angeboten wird, die unter Wahl-Suchtverhalten leiden - etwa alle paar Minuten neue Umfragewerte abrufen wollen -, ist die Universitätsstadt Cambridge ein Ort der Rationalität, der aber so kurz vor den Wahlen durchaus nervös unterlegt ist. Hier würde Barack Obama eine Zweidrittelmehrheit einfahren, zumindest höre man von den anderen nicht viel, bestätigt auch Charles S. Maier vom Center for European Studies im STANDARD-Gespräch die Stimmung in der "People's Republic of Cambridge" .

Hier erzählt man sich in akademischen Zirkeln immer wieder, wie brillant bereits der Student Obama gewesen sei. Er ist einer der ihren. Nur, dass er nach seinem Studium nicht eines der hunderten Jobangebote angenommen hat, sondern erst einmal Sozialarbeiter geworden ist, was ihn auf ein weiteres Podest stellt. Viele machen sich jedoch Sorgen über Umfragen, die sich am Wahltag als falsch herausstellen, wieder andere über breit angelegte Versuche von Wahlfälschung.

Auch Charles Maier hält Obama für einen, der "vielleicht ein großer Präsident werden könnte" . Auf die Frage, wie er die politische Positionierung Obamas einem Europäer erklären würde, antwortet Maier im deutschen Kontext: links in der FDP, rechts bei den Grünen, und nichtgewerkschaftlich bei der SPD. "Pragmatisch und offen" , sagt Maier, "kein Mensch mit Formeln, sozial gesinnt, mit Fingerspitzengefühl, kein Populist." Die Europäer, die Obama so liebten, sollten sich aber von ihm nicht erwarten, dass er "tut, was Europa glaubt, dass getan werden soll" . Obama sei auch keineswegs ein Europakenner oder an Europa übermäßig interessiert, aber er habe gute Leute, Experten für transatlantische Beziehungen, in seiner Entourage, und diese werden mehr Bedeutung haben als die Transatlantiker von George W. Bush. Umso mehr als sich "in diesen nicht heiteren" Zeiten die Einsicht "Wir schaffen die Weltpolitik nicht allein, wir brauchen Unterstützung" längst durchgesetzt habe.

Eine langsame Wende in den US-Beziehungen zu Europa sieht Maier jedoch schon seit den Midterm-Wahlen von 2006, unter dem Einfluss von Außenministerin Condoleezza Rice. Wobei, so Maier, "ein bisschen mehr ,hard power‘ Europa auch nicht schaden würde" . Andererseits sei es gerade in den USA die einzige positive Begleiterscheinung der Finanzkrise, dass man "von den Sicherheitsleuten nichts mehr hört" . Die Kriegs- und Kreuzzugsrhetorik sei unerträglich gewesen, und es sei gut, dass das durch die anderen Herausforderungen verschwinde.

Auch die Frage nach der "Farbe" Obamas sieht Maier durch die Krise als Thema überwunden, die US-Gesellschaft habe jetzt eben echte Probleme. "Obama ist schwarz genug, um schwarz zu sein." Aber die Rassenfrage sei in den USA heute eine der sozialen Ungleichheit und nicht eine der Zugehörigkeit des Präsidentschaftskandidaten. (DER STANDARD, Printausgabe, 03.11.2008)

  • Charles Maier: von Obama nicht zu viel erwarten.
    foto: der standard/fischer

    Charles Maier: von Obama nicht zu viel erwarten.

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