"Weil ein Pferd kein Mensch ist"

2. November 2008, 23:13
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Thomas Frühmann reitet in Wien nicht nur mit, er gibt auch den sportlichen Leiter - Im STANDARD-Interview nimmt er sich auch beim Thema Doping kein Blatt vor den Mund

Wien - Donnerstag wird in der Wiener Stadthalle wieder das Fest der Pferde gegeben. Thomas Frühmann reitet nicht nur mit, sondern gibt auch den sportlichen Leiter. Als solcher lobt er die Besetzung. Als Szene-Routinier macht er im Gespräch mit Sigi Lützow zum Thema Doping im Springreiten aus seinem Herzen keine Mördergrube.

Standard: Das Fest der Pferde findet zum 23. Mal statt. Das wievielte Mal sind Sie mit dabei?

Frühmann: Mein Gott, ich war bei allen dabei. Da sieht man, wie alt man ist, wie die Zeit vergeht.

Standard: Sie reiten nicht nur, Sie machen dem Fest auch den sportlichen Leiter. Was kann der den Besuchern versprechen?

Frühmann: Trotz der Konkurrenz durch den gleichzeitigen Weltcup in Verona guten Sport, auch wenn nicht die ersten 20 der Weltrangliste da sein werden. Aber diese Rangliste ist ohnehin verwässert.

Standard: Inwiefern?

Frühmann: Weil es darauf ankommt, mit wie vielen Pferden man herumreitet. Natürlich stehen jene Reiter vorne, die das ganze Jahr mit drei, vier, fünf Klassepferden unterwegs sein können. Ganz anders sieht es aus, wenn nur das beste Pferd zählt. So gesehen hätte ich vor zwei Jahre mit The Sixth Sense die Nummer eins sein müssen. War ich aber nicht. Wir sind jedenfalls sehr gut besetzt. Leute wie John und Robert Whitaker, Beat Mändli, Willi Melliger, Franke Sloothaak und natürlich Hugo Simon garantieren für großen Sport.

Standard: Und Sie selbst?

Frühmann: Na ja, meine Saison war unheimlich mühsam, irgendwie verkorkst. Ich habe zwei verletzte Pferde, ein junges und Limited Edition, der sich vor Hamburg eine Sehnenverletzung zugezogen hat und nach wie vor nur Schritt gehen kann. Aber ich will mich nicht beschweren, ich habe ja The Sixth Sense, dem der Sieg in der Stadthalle noch fehlt.

Standard: Sie haben bei Olympia gefehlt. Sind Sie nach dem Doping-Theater in Hongkong froh darüber?

Frühmann: Ich bin wegen der Strapazen für meine Pferde froh. Für mich weniger, weil ich zu keinen Spielen mehr kommen werde.

Standard: 2012 ist kein Thema?

Frühmann: Nein, sicher nicht. Ich will nicht Hugo Simon nacheifern.

Standard: Es ist aber auch möglich, dass sich nach den Dopingfällen in Hongkong und auch vier Jahre davor in Athen die olympische Reiterei überhaupt bald erledigt hat. Das Springreiten wird da und dort schon mit dem Radsport verglichen.

Frühmann: Es schaut so aus, als habe man für dieses Doping-Theater auf Olympia gewartet. Es sollte dort passieren. Also hat man fünf Leute erwischt. Die werden als die größten Verbrecher hingestellt.

Standard: Die fünf haben ihre Pferde mit Capsaicin-hältigen Salben behandelt. Wenn man die auf die Vorderbeine eines Pferdes aufträgt, werden sie schmerzempfindlicher. Das Pferd bemüht sich besonders, keine Stange zu berühren. Ist das nicht schlicht Tierquälerei?

Frühmann: Ich will nicht sagen, dass es nicht so gewesen sein kann. Aber ich habe eine eigene Meinung dazu. Es ist in keinem einzigen Fall nachgewiesen worden, dass etwas auf die Vorderbeine aufgetragen wurde. Das Zeug haben bestimmt viele andere auch verwendet. Das Mittel fördert die Durchblutung, damit werden Verspannungen, etwa der Rückenmuskulatur, behandelt. Ich glaube, das trifft in den meisten Fällen zu. Ich würde das nicht als Doping bezeichnen.

Standard: Die erwischten Reiter wurden daher wegen unerlaubter Medikation und nicht wegen Dopings jeweils nur für wenige Monate gesperrt. Dazu gab's Geldstrafen.

Frühmann: Der eine wurde für zweieinhalb, der andere für vier Monate gesperrt. Da ist doch keine Linie drinnen. Da liegt vieles im Argen. Ich selbst habe zweieinhalb Jahre gewartet, bis ich verwarnt wurde, weil ich vergessen hatte, ein Blutdruckmittel für mich anzugeben.

Standard: Es gibt Forderungen, die Reiterei komplett der Welt-Antidoping-Agentur zu unterstellen. Mit Trainingskontrollen und allem Drum und Dran, wie alle anderen olympischen Sportarten auch. Was halten Sie davon?

Frühmann: Nichts, weil ein Pferd kein Mensch ist. Unser Problem ist, dass man sich vor sechs, sieben Jahren für die Nulllösung entschieden hat. Da hätte man sich wehren müssen. Ich darf dem Pferd unangemeldet nichts mehr geben. Wenn doch, und ich werde erwischt, dann ist es Doping oder eben eine unerlaubte Medikation. Andererseits muss ich zum Beispiel mein Pferd für Hallenturniere scheren, sonst darf ich da nicht antreten. Viele Pferde brauchen vor dem Scheren Beruhigungsmittel, weil sie vor der Schermaschine Angst haben. Gebe ich die, kann ich zwei, drei Wochen nicht zu Turnieren. Aus dieser Situation kommt man nicht heraus. Über das ganze Problemfeld muss dringend diskutiert werden. (DER STANDARD PRINTAUSGABE - 3.11. 2008)

 

Zur Person:
Der Wiener Thomas Frühmann (57) zählt seit fast 30 Jahren zur Elite der Springreiter. 1990 siegte er als erster Österreicher inAachen. 1992 gewann er dasWeltcup-Finale in Del-Mar (USA) und holte mit der Mannschaft olympisches Silber in Barcelona. Der Vater dreier Kinder, der in Oberösterreich lebt, hat insgesamt 42 internationale Turniere für sich entschieden. Je dreimal gewann er das Derby in Hamburg und den GP in der Wiener Stadthalle.Sein aktuelles Spitzenpferd ist der Westfale The Sixth Sense (12). Dessen berühmteste Vorgänger: Grandeur und Genius.

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    Im Vorjahr wollte The Sixth Sense im Stechen des Grand Prix inder Wiener Stadthalle nicht ganz so, wie Thomas Frühmann wollte. Heuer winkt ihnen die nächste gute Chanceauf einen Mercedes.

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