Die Wetterfahne für die Präsidentschaftswahlen

2. November 2008, 17:23
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Battleground-State Ohio: Für McCain ein Muss

Washington - Alle vier Jahre findet sich der Columbus Dispatch in einer Rolle wieder, um die ihn manche in der Pressebranche beneiden. Einmal schrieb das Magazin Time, die Wahlempfehlung, die der Dispatch abgebe, wie jedes andere Blatt auch, sei die wichtigste der Vereinigten Staaten von Amerika. Wohlgemerkt, die Rede ist von einer Regionalzeitung, aber einer Regionalzeitung, die in der Hauptstadt Ohios erscheint.

"As Ohio goes, so goes the nation" , sagen die Amerikaner. Ohio ist ein zuverlässiges Barometer, eine Art Wetterfahne. Seit 1960 hat es in allen Präsidentschaftswahlen für den Kandidaten gestimmt, der dann auch tatsächlich ins Weiße Haus zog. 2004 gewann Bush mit 118.600 Stimmen Vorsprung gegen John Kerry. Hätten sechzigtausend Bewohner des Bundesstaats anders gestimmt, wäre der Demokrat Kerry der Sieger gewesen.

Mikrokosmos Amerikas

Dass Ohio so repräsentativ ist, liegt daran, dass es einem Mikrokosmos Amerikas gleicht. Im "Rust Belt" des Nordostens verrosten die alten Zentren der Schwerindustrie, traditionell Hochburgen der Demokraten, aber nur noch Schatten einstiger Größe: Cleveland hatte 1950 rund 900.000 Einwohner, heute hat es nur noch halb so viele. In der Mitte liegt Columbus, mit seinen Dienstleistungsbetrieben die einzige Stadt Ohios, die wächst. Den Westen dominieren konservativ geprägte Bauern. Im Südosten, in der Armutsregion der Appalachen, leben Zornige, Enttäuschte, die amtierende Regierungen gern ihre Wut spüren lassen. Läuft es dort wirtschaftlich einmal etwas besser, drängen sich Themen wie Abtreibung und Waffenbesitz in den Vordergrund. Vor acht Jahren stellte sich "Appalachia" gegen Al Gore, weil die Waffenlobby geschickt das Gerücht verbreitete, Gore wolle den Leuten ihre Flinten wegnehmen.

230.000 Jobs verloren

In Bushs Amtszeit hat Ohio mehr als 230.000 Industriejobs verloren, seine Arbeitslosenquote ist mit 7,2 Prozent eine der höchsten des Landes. Ein Drittel aller Schüler bekommt freies oder kostenreduziertes Schulessen, ein Indiz für die Armut, die in vielen Familien grassiert. Mit der wirtschaftlichen Misere scheint die Demokratische Partei wieder im Aufwind zu segeln. 2006 löste ein demokratischer Gouverneur (Ted Strickland) seinen republikanischen Amtsvorgänger ab. Die Grundstimmung spricht also für Barack Obama.

Allerdings weiß niemand, wie viele weiße Arbeiter ihn allein wegen seiner Hautfarbe nicht wählen. Die Primaries im Frühjahr hatte Hillary Clinton mit klarem Vorteil gegen Obama entschieden - auch wegen rassistischer Ressentiments. Wie viele von Hillarys Anhängern nun ins Lager John McCains wechseln, ist die entscheidende Frage.

John McCain, glauben die Demoskopen einstimmig, kann nur Präsident werden, wenn er Ohio gewinnt. Barack Obama dagegen könnte den Verlust Ohios durch Zugewinne in anderen Bundesstaaten ausgleichen. (fh/DER STANDARD, Printausgabe, 03.11.2008)

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