Dankesrede Winklers: "Lesen und schreiben" statt "leben und sterben"

1. November 2008, 18:42
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Österreichischer Autor bei Büchner-Preis-Verleihung: "Nacht für Nacht mit eigenen und fremden Sätzen Zeile für Zeile meinen Selbstmord aufgeschoben"

Wien/Darmstadt - Mit dem Kampf um das Lesen in der Kärntner Provinz und dem Anschreiben gegen den Selbstmord setzte sich der Autor Josef Winkler in seiner Dankesrede zum Georg-Büchner-Preis auseinander. Den Auslöser zum Schreiben fand Winkler im Selbstmord zweier junger Dorfbewohner. "Ich schrieb, immer wieder die im Heustadel pendelnden Füße der beiden leblosen Buben vor Augen, Nacht für Nacht ein tausend Seiten langes Tagebuch. Es war noch kein literarischer Ehrgeiz, es waren Wortanfälle, ich wollte mich schreibend dazuhängen zu den beiden Buben", heißt es im Vorab-Manuskript seiner Dankesrede.

Der Autor bezeichnet sich als "eifersüchtig" auf die Toten - "ich konnte nicht leben und nicht sterben, ich musste und konnte nur lesen und schreiben", so Winkler, der in seiner Dankesrede Autoren wie Camus, Genet, Canetti zitiert, darunter "Ich trage einen Schlachthof in mir, auf den die Poesie wird antworten müssen" (Genet). Aus dem Tagebuch entstanden "die ersten Sätze zu meinem ersten Romanmanuskript", die "es wert waren umformuliert und zerstört zu werden". Die Fotos der beiden erhängten Buben begleiteten Winkler, als er "zwischen Klagenfurt und Venedig hin- und herpendelnd" sein erstes Manuskript verfasste. "In dieser Zeit, in der ich Nacht für Nacht mit eigenen und fremden Sätzen Zeile für Zeile meinen Selbstmord aufschob, las ich vor allem Bücher von Dichtern, die früh gestorben waren oder die sich das Leben genommen hatten", darunter Büchner.

"Wenn ich beim Lesen nicht spürte, dass die Sprache ununterbrochen, Satz für Satz, auf die goldene Waage gelegt, Leben und Tod auspendelt, interessierte mich das Buch nicht", so Winkler. Denn "früh schon hatte ich von Julien Green erfahren, dass der erbauliche Roman vom Teufel geschrieben wird." Die Verbindung zu Green war beständig - auch während der Niederschrift der Dankesrede hat Winkler Greens Grab in Klagenfurt besucht. Und auch ein anderer Schriftsteller hat Winkler begleitet: Die Preisrede hat der Autor im Sommer an der holländischen Nordsee bei der Lektüre von Büchners "Über den Selbstmord" "zu simulieren begonnen".

In seiner Kindheit im Kärntner Kamering hatte sich Winkler das Recht auf Lesen erkämpfen müssen, gegen viele Widerstände. "Für Bücher haben wir kein Geld", habe seine Mutter gesagt, und es hat nichts zum Lesen gegeben außer "Gebetsbücher mit Litaneien". Doch den Verdienst von ersten Jobs investierte der junge Winkler in Karl May-Bücher - heimlich von der Pfarrerköchin erworben: "Niemand im Dorf sollte sehen, dass sie mir Bücher schenkte." In die Atmosphäre der Sprachlosigkeit im großelterlichen Bauernhof mietete sich eine Lehrerin ein - und mit ihr kamen weitere Bücher, wie "Die Pest" von Camus, dessen Lektüre von der gemeinsamen Rattenjagd mit dem Vater unterbrochen wurde.

Später nahm Winkler heimlich Geld aus der Börse seines Vaters, um sich in Villach Bücher kaufen zu können: "Jahrelang konnte ich unbemerkt dem Vater Geld stehlen, weit über hundert Bücher standen schließlich auf dem selbstgebastelten Bücherregal." Insbesondere die französischen Existenzialisten hatten es ihm angetan. Insgesamt sei es über drei Jahre so viel Geld gewesen, dass sich der Vater "mindestens den Stier davon hätte kaufen können", den dieser gerne gehabt hätte. Statt in die Schule zu gehen, saß Winkler im Cafe und las, und ging dann in Kinofilme mit Jugendverbot.

Über ein Kirchenplakat heftete Winkler damals einen Solschenizyn-Satz: "Eine Literatur, die nicht den Schmerz und die Unrast der Gesellschaft wiedergeben kann, die nicht rechtzeitig vor den moralischen und sozialen Gefahren warnen kann, verdient den Namen Literatur nicht." Und "kein Mensch im Dorf entfernte dieses Plakat, über ein Jahr lang blieb es dort hängen", bevor es von einem "großen Zirkusplakat" überhängt wurde. (APA)

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