"Unsere Lust an totaler Kontrolle"

1. November 2008, 10:13
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Datenschützer Hans Zeger appelliert in neuem Buch an Selbstverantwortung beim Umgang mit Daten

Österreichs bekanntester Datenschützer, Hans Zeger, hat seine Erfahrungen in einem Buch zusammengetragen. "Mensch. Nummer. Datensatz. Unsere Lust an totaler Kontrolle" (Residenz Verlag), ist weniger eine weitere Hommage an den "gläsernen Menschen" als ein Appell an mündige Bürger, Selbstverantwortung zu tragen, was die Weitergabe eigener Informationen betrifft. Der Obmann der ARGE Daten zeigt sich dabei umso erstaunter, wie viel der mündige Bürger für subjektives Sicherheitsgefühl in Kauf nimmt.

"Individualität ist etwas Mühsames"

"Stellen Sie sich vor, Sie wollen einen Handyvertrag abschließen und werden abgewiesen, weil Sie Ihren Müll falsch entsorgt haben", zeichnet Zeger schon am Buchdeckel ein mögliches Szenario, das fehlgeleitete Datensammelwut verursachen kann. Im Gespräch beschreibt der Verfasser, unter anderem Vorsitzender der ARGE Daten, seine Motivation: "Mir geht es darum, den Leuten zu signalisieren: Individualität ist etwas Mühsames. Man muss auch im Privatleben Verantwortung übernehmen."

Bürokratie bestraft Verwechslungen

Zeger veranschaulicht anhand mehrere Fallbeispiele, wie im Zeitalter der Identifikation - nicht immer beabsichtigte - Vorgangsweisen zu Problemen ausufern können. Etwa im Falle jener spanischen Unternehmerin, bei der der Computer beim Anmelden eines Autos einen falschen Namen aufgrund der Nummer ihres Ausweises ausspuckte. Die Geschichte endete mit mehreren unterschiedlichen Identitäten, die Bürokratie "bestrafte" die Verwechslung mit Problemen bei Finanz- und Arbeitsamt - und schließlich mit der Beschlagnahmung von Häusern. Selbst ihre Ehe ging zu Bruch.

"Brauchen Stützsystem"

Der Autor will den Staat dort sehen, wo es darum geht, die Bürger vor derartigem zu schützen. "Wir brauchen Rückhalt, ein Stützsystem, dass denen, die scheitern, geholfen wird. So habe man bei diversen Kundenkarten und Services freie Wahl, im Gesundheitssystem etwa gehe das nicht. "Der Patient ist ein Hilfesuchender", meint Zeger, der Kunde einer Kaufhauskette könne frei entscheiden. Selbst besitzt der prominente Datenschützer übrigens auch Kundenkarten, "aber ich überlege jedes Mal, ob ich es tu". Zusatz: "Ich entscheide mich auch, ob ich in der Nacht durch den dunklen Wald gehe, oder nicht."

"Kein Österreicher interessant genug für Überwachung durch CIA"

Zeger zeigt sich vor allem davon verwundert, wie viel der Citoyen an Überwachung in Kauf zu nehmen bereits ist. Der Grund dafür ist, dass sich nur wenige selbst als Verdächtige sehen, die Überwachung geschehe nur zum eigenen Schutz ist der Common Sense. Eine Befürchtung mancher Verschwörungstheoretiker zerstreut er: "Ich gehe davon aus, dass es keinen Österreicher gibt, der so interessant wäre - außer vielleicht zwei oder drei -, dass sie von der NSA oder der CIA systematisch überwacht würden."

Kreativ wird Zeger, wenn es darum geht, die Dokumentation und Analyse unseres Umgangs mit Daten aufzulockern. Er tritt in einen fiktiven Dialog mit einem "Avatar" - also einem virtuellen Charakter, bekannt aus der ebenso virtuellen Welt von "Second Life". "Mytube", so der Name des Avatars, nennt den Autor übrigens "Chief". (APA)

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