Verleihung an Josef Winkler: Lau­da­tio über Verdrängung in Kärnten

1. November 2008, 08:49
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"Josef Winkler hat sich in die Literatur und durch sie gerettet" - Laudator: "Dröhnendes Schweigen" nach Haiders Tod über dessen Biografie

Wien/Darmstadt - Die Verdrängung in Österreich und insbesondere in Kärnten stand am Samstagnachmittag im Zentrum der Verleihung des Georg-Büchner-Preises an den österreichischen Autor Josef Winkler (55). Laudator Ulrich Weinzierl thematisierte das "buchstäblich dröhnende Schweigen", das sich nach dem Tod Jörg Haiders über das Land gesenkt habe: "Unangefochten regieren Verdrängung und Lüge." Winkler selbst hat in seiner Dankesrede den Kampf erläutert, den er in Kärnten für sein Lesen und Schreiben führen musste, und ebenso den Kampf, den er mit diesem Lesen und Schreiben gegen den Tod geführt hat.

"Schonungslos und mit unerhörter Radikalität"

Winkler habe "schonungslos und mit unerhörter Radikalität die Katastrophen seiner katholischen Dorf-Kindheit und die seines Ausgesetztseins in einer mörderischen Welt in barock-expressive, rhythmische Prosa von dunkler Schönheit verwandelt", heißt es auf der Preisurkunde, die Winkler in Darmstadt überreicht wurde. Der von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vergebene Preis gilt als die wichtigste deutsche Literaturauszeichnung und ist mit 40.000 Euro dotiert.

"Schreiben als disziplinierte Raserei, als Luftschöpfen eines vom Ertrinken Bedrohten, Schreiben als mühsam gebändigte Bilderflut - das war das Merkmal des Autors Josef Winkler", sagte Weinzierl, der in seiner Rede auf den tödlichen Unfall des Kärntner Landeshauptmanns Jörg Haider Bezug nahm: "Tränenselig trauert die vaterlose Gesellschaft dem entschwundenen, mit 58 immer noch relativ jugendlichen Patriarchen nach." Und weiter: "Alles, was bei Haiders Wesen und Erfolg in Zusammenhang mit homoerotischen Signalen und ebensolchen biographischen Fakten steht, wird in Österreichs Öffentlichkeit radikal ausgeblendet."

"Homosexuellen Neigungen nie ausgeklammert"

Winkler habe hingegen bereits 1979, in "Menschenkind", "die Rebellion gegen übermächtige patriarchalische Gewalt, gegen die katholische Kirche als deren transzendentale Fortsetzung ins Irdische, gegen die brutale Unterdrückung einer der Norm widersprechenden Liebe - der zwischen jungen Männern - ohne Umschweife ausgesprochen." Der Autor hat dies in einer "barock metaphernverbuhlten, blut-, sperma- und todgetränkten Sprache kunstvoll und fortissimo zugleich hinausgeschrien." Winkler, Vater zweier Kinder, habe auch "seinerzeit seine homosexuellen Neigungen nie ausgeklammert, sie im Gegenteil stets in den Mittelpunkt gerückt".

Winklers Auseinandersetzung mit seiner Kärntner Heimat war "nicht bekömmlich" - "derlei schreibt man nicht, weil man eben gerne schreibt, schon gar nicht aus Jux und Tollerei. Es ist ein innerer Zwang als Antwort auf einen äußeren, es ist reine Notwehr. Josef Winkler hat sich in die Literatur und durch sie gerettet", so Weinzierl im Vorab-Manuskript. Der Autor habe dabei Genregrenzen unterwandert: "Herkömmliches, an einer sorgsam gestrickten Handlung orientiertes Erzählen ist Josef Winklers Sache nicht und wird es nimmer sein." Sein Schreibduktus sei "keine Masche oder Manier, eher Sprache gewordener Furor".

Zuletzt habe Winkler auch die Auseinandersetzung mit seinem übermächtigen Vater literarisch zu Ende geführt, so Weinzierl. "Alle offenen Rechnungen scheinen beglichen, die Schwarze Magie, die als Schwarze Pädagogik auf seiner Existenz lastete, hat sich endgültig verflüchtigt. Ich vermute, man darf den berühmten Schlusspunkt aus Camus' 'Der Mythos des Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde' getrost auch auf ihn anwenden: Wir müssen uns Josef Winkler als einen glücklichen Menschen vorstellen."

Großer Österreichischer Staatspreis 2007

Der Bauernsohn Josef Winkler aus dem Kärntner Kamering wurde am 3. März 1953 geboren. Sein 1979 erschienenes Romandebüt "Menschenkind" wurde damals von Martin Walser empfohlen, mit den folgenden Büchern "Der Ackermann aus Kärnten" und "Muttersprache" - als Trilogie "Das wilde Kärnten" genannt - gelang Winkler eine bemerkenswerte literarische Auseinandersetzung mit den Schrecken seiner Kindheit, die bis zum bisher letzten Buch "Roppongi. Requiem für einen Vater" fortdauerte. Winkler wurde Anfang Oktober mit dem Großen Österreichischen Staatspreis 2007 ausgezeichnet.

Der Georg-Büchner-Preis gilt als renommierteste Auszeichnung für deutschsprachige Literatur. Mit dem Preis ehrt die Akademie Schriftsteller und Dichter, "die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten, und die an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben". Namensgeber ist der Dramatiker und Revolutionär Georg Büchner, der 1813 im Großherzogtum Hessen geboren wurde und 1837 in Zürich starb. Im vergangenen Jahr ging der Georg-Büchner-Preis an den Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach. Frühere Preisträger sind unter anderem Friedrich Dürrenmatt, Heinrich Böll, Erich Kästner, Günter Grass, Elfriede Jelinek, Wilhelm Genazino und Brigitte Kronauer. (APA)

 

 

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