"Passivhaus mit Abstrichen"

31. Oktober 2008, 17:42
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Passivwohnbauten seien bei den derzeitigen Förderrichtlinien kaum zu bewältigen, klagen viele Genossenschaften. Doch, es geht, sagt Architekt Georg Reinberg im STANDARD-Interview

STANDARD: Die Wohnbaukosten sind höher denn je. Unter welchen Bedingungen lassen sich heute noch Passivhäuser realisieren?

Georg Reinberg: Zunächst ist es wichtig, dass man mit einem engagierten Bauträger zusammenarbeitet und dass die Planung entsprechend optimiert ist. Gemeinsam mit der Gesiba haben wir in Wien-Liesing heuer im Frühjahr ein Wohnhaus mit insgesamt 22 Wohnungen fertiggestellt. Obwohl das Projekt recht klein und damit verhältnismäßig teuer ist, liegen die Netto-Baukosten bei etwa 1400 Euro pro Quadratmeter Nutzfläche. Das Gebäude hat nicht nur Passivhausqualität, sondern ist auch mit einer vertikalen thermischen Solaranlage für Warmwasseraufbereitung und Heizung ausgestattet. Auf dem Dach haben wir außerdem eine Fotovoltaikanlage zur Stromerzeugung eingebaut.

STANDARD: Wie viel kann so eine Solaranlage abdecken?

Reinberg: Bei dem Wohnhaus in Wien-Liesing - um nur ein Beispiel zu nennen - haben wir auf der Südfassade 100 Quadratmeter thermische Kollektoren für Warmwasser und Heizung mit einem 4000-Liter-Tank errichtet. Wir gehen davon aus, dass im Winter je nach Witterung zusätzlich Erdgas eingesetzt werden muss. Die Fotovoltaikanlage auf dem Dach umfasst zudem 96 Quadratmeter Kollektorfläche und liefert praktisch den gesamten elektrischen Strom, der für Lüftungsgeräte, Pumpen, Stiegenhausbeleuchtung, Garage und Außenanlagen benötigt wird. Der Output ist also sehr groß.

STANDARD: Welche Auswirkungen hat diese Bauweise auf die Baukosten?

Reinberg: Die Kosten für das Dämmmaterial betragen aufgrund der benötigten größeren Menge fast das Doppelte. Die Kostensteigerung betrifft aber nur das Material, denn die Arbeits- und Gerüstkosten für die Dämmung ändern sich ja dadurch nicht. Durch eine Optimierung auf der Planungsseite sowie durch Abstriche bei Verzichtbarem kann man die Mehrkosten wieder wettmachen.

STANDARD: Mehrkosten entstehen ja nicht nur bei der Wärmedämmung. Was ist mit der Haustechnik?

Reinberg: Die Mehrkosten für Erdwärmenutzung und kontrollierte Wohnraumbelüftung sind meines Erachtens ziemlich vernachlässigbar. Und sogar hier kann man sparen. Bei der kontrollierten Wohnraumbelüftung kann man beispielsweise eine zentrale Anlage einsetzen statt eines Geräts pro Wohnung. Das ist wesentlich kostengünstiger.

STANDARD: Ohne Einsparungen in der Qualität geht es also nicht?

Reinberg: Nein, man muss schon Abstriche machen. Dass bei aller Sympathie fürs Passivhaus eine Konzentration aufs Wesentliche nötig ist, ist aber verständlich. Ich denke, wir können stolz darauf sein, dass es uns heute schon gelingt, soziale Wohnbauten in Passivhausqualität zu realisieren.

STANDARD: Was erspart sich eine durchschnittliche Familie unterm Strich?

Reinberg: Im Vergleich zum konventionellen Wohnbau - etwa aus den Sechzigerjahren - erspart sich ein Haushalt grob geschätzte 500 bis 700 Euro im Jahr. Im Vergleich zu einem Niedrigenergiehaus sind das immer noch an die 400 Euro Ersparnis, von der wir hier sprechen. (Gerhard Rodler, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.10./1./2.11.2008)

Hinweis

An den "Tagen des Passivhauses" von 7.-9. November 2008 gibt es wieder bundesweit Führungen und Besichtigungen von Passivhäuser. Details siehe www.igpassivhaus.at.

  • Architekt Georg Reinberg: "Dass bei aller Sympathie fürs Passivhaus eine Konzentration aufs Wesentliche nötig ist, ist verständlich. Doch sogar beim Passivhaus kann man sparen."
    foto: reinberg

    Architekt Georg Reinberg: "Dass bei aller Sympathie fürs Passivhaus eine Konzentration aufs Wesentliche nötig ist, ist verständlich. Doch sogar beim Passivhaus kann man sparen."

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