"Sie haben nicht gelöscht"

2. November 2008, 14:14
70 Postings

Eine Wiener Büro­ge­mein­schaft machte sich auf die Suche nach Spuren der einst florierenden jüdischen Gemeinde im 15. Bezirk – Die Ergebnisse sind bis Ende November zu sehen

„Wien ist wie eine Bonbonniere für die Ausländer", sagt Alisa Waksenbaum. Mit den „Ausländern" meint sie die Touristen. Dass das Wort heute einen negativen Beigeschmack hat, kann die 81-Jährige nicht wissen. Solange sie hier lebte, war eine andere Gruppe Zielscheibe der Wiener Ressentiments: die Juden. Alisa Waksenbaum ist eine jener, welchen die Flucht gelang. Vor der Abreise führten ihre Eltern sie noch in die Oper, um die Zauberflöte zu sehen. „Sie wussten ja nicht, ob wir jemals wieder nach Wien kommen würden. Diesen Eindruck wollten sie mir noch einbläuen", erinnert sich Waksenbaum.

Erste Einladung

Heute ist sie wieder hier. Zum ersten Mal, seit sie mit ihrer Familie zum Auswandern gezwungen wurde, hat man sie und andere jüdische Überlebende aus dem 15. Bezirk nach Wien eingeladen, damit sie aus ihren Erinnerungen erzählen. Der Anlass: Eine Ausstellung über die jüdische Gemeinde Sechshaus, die damals die Bezirke 12 bis 15 umfasste. Nichts erinnert heute an die einflussreiche Gemeinde, die 830 Sitzplätze umfassende Synagoge in der Turnergasse, das Waisenhaus in der Goldschlagstraße, das Bethaus in der Storchengasse den jüdischen Kindergarten und den Turnverein in der Herklotzgasse 21, wo die Ausstellung noch bis Ende November zu sehen ist. Deren Initiatoren, die im Herklotzgassen-Haus eingemietete Bürogemeinschaft dieloop.at, wollten das ändern und gruben sich immer tiefer in die teils nur mündlich überlieferte Geschichte der Gemeinde ein.

"Such a Zufall"

Einer, der dabei mithalf, ist Zwi Preminger. Es war im Frühjahr 2007, als der in Florida lebende Ex-Unternehmer auf dem Weg nach Israel in Wien einen Zwischenstopp einlegte, um den erwachsenen Kindern sein Geburtshaus zu zeigen. Da die Haustür offen stand, sei er einfach hineingegangen, erzählt der 80-Jährige, der trotz des langen Exils perfekt Deutsch spricht und nur hin und wieder englische Vokabeln einstreut. „It was such a Zufall", so Preminger, dass er im Haus den Ausstellungskurator Georg Traska traf, der gerade die Geschichte des Hauses Herklotzgasse 21 recherchierte.

Preminger hatte Fotos, Geschichten und Kontakte zu weiteren Überlebenden beizusteuern. Und erhielt im Gegenzug Einblick in die weitere finstere Entwicklung, die das Viertel seiner Kindheit nahm, als er schon in Palästina angekommen war. „Eine Wienerin hat mir gestern erzählt, dass sie dabei war, als der Turnertempel brannte. Die Feuerwehren sind gekomen", erzählt Preminger. „Und sie haben nicht gelöscht." Wo einst der prachtvolle Tempel stand, in dessen Kinderchor Preminger mitsang, ist heute ein Hundeklo.

Kinderkleider, Postkarten

Wer historische Fakten sucht, ist mit Geschichtsbüchern und Archiven gut bedient. Wer Geschichte in all ihren Facetten verstehen will, braucht dazu mehr: den Alltag, die Emotionen, die Widersprüchlichkeiten der Biografien. Die Ausstellung „Das Dreieck meiner Kindheit - Eine jüdische Vorstadtgemeinde in Wien" bietet genau das: Wenig Text, viel Schaumaterial. Aufgezeichnete Zeitzeugen-Gespräche, Kinderkleider, Postkarten, Fotos, Briefe, ein Poesiealbum.

„Ertragen lässt sich alles in der Welt. Du musst es nur nicht für ein Unglück halten." Was hier ein Mädchen seiner jüdischen Mitschülerin ins Stammbuch schrieb, wäre nicht weiter bedeutend, stünde hier nicht auch das Datum des Eintrags: 13. März 1939. „Die plötzlichen Umbrüche vom fröhlichen Alltag in die Grausamkeit des Holocaust" ließen sich in einer kleinen Ausstellung mit einem speziellen geografischen Fokus besser nachvollziehen als in großen, umfassenden Schauen, meint Kurator Traska.

Zeugnis aus dem Fenster geworfen

„Ich habe gute Erinnerungen an Wien", sagt Preminger. „Ich war ja ein Kind." Im Gespräch schimmert auch das Schmerzhafte durch. Sein letztes Schulzeugnis musste der neunjährige Zwi von der Straße aufklauben. Juden durften nicht mehr in die Schule, ihre Zeugnisse wurden aus dem Fenster geworfen. Im September sollte er in einem jüdischen Gymnasium anfangen. Doch da lebte er schon längst nicht mehr hier.

Wien sei eine Bonbonniere, wiederholt Waksenbaum. „Aber nicht alle Bonbons sind süß." Den Antisemitismus der Wiener hat sie in drastischer, zusgepitzter Erinnerung, sie sieht ihn als Gewehrlauf vor ihrem Gesicht. Ihm ist die Familie entkommen. Was aus dem Vermögen der Eltern, die Großunternehmer waren, geworden ist, weiß sie nicht genau.  „Wenn man jung ist, hat man kein Interesse zu fragen. Und wenn man dann fragen will, ist niemand mehr da, der antworten kann." (Maria Sterkl, 2.11.2008)

„Das Dreieck meiner Kindheit" ist noch bis 28. November in der Herklotzgasse 21, nahe der U6-Station Gumpendorfer Straße, zu sehen. Ein Veranstaltungsprogramm begleitet die Dauer der Ausstellung. Schulklassen sind ausdrücklich eingeladen. Das gleichnamige Buch zur Ausstellung ist im Mandelbaum Verlag erschienen.

Wissen:

1934 lebten rund 6000 Juden in Sechshaus, das entspricht einem Bevölkerungsanteil von 4,5 Prozent. Einige Fabriksgründungen im traditionellen Arbeiterbezirk gingen auf jüdische Zuwanderer aus Mähren zurück, damals die einzige Möglichkeit für Juden, sich legal in den Vororten Wiens niederzulassen. Ab dem späten 19. Jahrhundert wanderten jedoch vermehrt ärmere jüdische Familien zu, sodass im 20. Jahrhundert, die Einkommensverhältnisse der jüdischen Familien in etwa jenen der Durchschnittsbevölkerung im Arbeiterbezirk entsprachen.

Link

herklotzgasse21.at

  • Alisa Waksenbaum neben ihrem Porträtfoto in der Ausstellung. Was ihr zur österreichischen Innenpolitik einfällt? "Haiders Begräbnis. Ich war wirklich entsetzt, wie groß das war."
    Foto: derStandard.at/Sterkl

    Alisa Waksenbaum neben ihrem Porträtfoto in der Ausstellung. Was ihr zur österreichischen Innenpolitik einfällt? "Haiders Begräbnis. Ich war wirklich entsetzt, wie groß das war."

  • Zwi Preminger wollte mit der Turnhalle des jüdischen Sportvereins Makkabi XV, in der er als Kind zwei Mal wöchentlich trainierte, aufs Bild
    Foto: derStandard.at/Sterkl

    Zwi Preminger wollte mit der Turnhalle des jüdischen Sportvereins Makkabi XV, in der er als Kind zwei Mal wöchentlich trainierte, aufs Bild

Share if you care.