Geiseldrama: "Es ist Geld geflossen" – trotz aller Dementis

2. November 2008, 08:54
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Am Tag nach der Rückkehr suchten die Sahara-Geiseln Ruhe - Es gehe ihnen überraschend gut, verlautbarten ihre Verwandten - Befreites Paar hat Heimkehr "noch nicht realisiert" - Mit Video

Salzburg/Wien - Ja, es seien auch Tränen geflossen, "das gehört dazu". Bernhard Ebner, Sohn des am Wochenende nach 252 Tagen Geiselhaft aus Mali zurückgekehrten Halleiner Steuerberaters Wolfgang Ebner, hat seinen Vater bereits wiedergesehen. Er besuchte diesen im Militärkrankenhaus Wien-Stammersdorf. Dort sind Wolfgang Ebner und Andrea Kloiber nach ihrer Ankunft in Österreich zu medizinischen Untersuchungen untergebracht. Die Mutter von Andrea Kloiber, Christine Lenz, ist ebenfalls nach Stammersdorf gekommen.

Wie lange Kloiber und Ebner noch im Heeresspital bleiben werden, stand am Sonntag noch nicht fest. Der Sprecher von Verteidigungsminister Norbert Darabos bestätigte: die Entführungsopfer können bleiben, so lange sie es für richtig halten. Im Heeresspital können sie nicht nur gut abgeschirmt werden, dort hat man auch viel Erfahrung mit Tropenkrankheiten.

Auf den einen oder anderen Tag auf oder ab dürfte es aber nicht mehr ankommen. Wichtiger ist aus Sicht der Familien natürlich, dass es den beiden gesundheitlich gutgeht. Sein Vater und dessen Lebensgefährtin würden den Umständen entsprechend gut aussehen. Auch ihr körperlicher Zustand sei "sehr gut", so Bernhard Ebner. Der Kommandant des Heeresspitals Wien, Primar Michael Aichmair, bestätigt Ebners Eindruck: "Andrea Kloiber und Wolfgang Ebner befinden sich in überraschend guter Verfassung."

Auch psychisch dürften die zwei Wüstentouristen ihre Gefangenschaft relativ gut überstanden haben. Ebner schildert seinen Vater voller Tatendrang: "Es zieht ihn zur Arbeit", er wolle rasch wieder in seine Steuerberatungskanzlei. Die Aufarbeitung der Entführung werde aber sicher für die Entführten wie für die Angehörigen noch eine Weile brauchen. Ebners Sohn Bernhard, der während der vergangenen Monate die Kanzlei seines Vaters geführt hatte, meint, auch er selbst habe die geglückte Heimkehr "noch nicht hundertprozentig realisiert".

Wasser und Brot

Aus den ersten Erzählungen seines Vaters schließt Bernhard Ebner, dass dieser und Andrea Kloiber von den Kidnappern einigermaßen anständig behandelt worden sind. Von Misshandlungen sei jedenfalls keine Rede gewesen, berichtet Sohn Bernhard. Allerdings sei das Überleben in der Wüste sehr hart gewesen.

Streckenweise hätten sich Entführte wie Entführer nur von Wasser und Brot ernährt. Dazu seien Hitze, Sonne, Sandstürme und Gewitter gekommen: "Das nimmt einen Mitteleuropäer ziemlich her."

Der Tagesablauf sei im Wesentlichen vom Lageraufbau und -abbau strukturiert gewesen, hat Wolfgang Ebner seinem Sohn erzählt. Vieles andere - etwa die Entführung oder die Befreiung - habe man in der kurzen Zeit noch nicht besprechen können. Auch ob es sich bei der Gruppe tatsächlich um einen Ableger der Al-Kaida handelte oder einfach nur um eine Räuberbande, habe ihm sein Vater noch nicht erzählt.

Diese und viele weitere Details könnten natürlich Wolfgang Ebner und Andrea Kloiber selbst am allerbesten schildern. Der - ehrenamtlich agierende - Pressesprecher der Angehörigen, Mike Vogl, hat am Sonntag jedenfalls angekündigt, dass die zwei von sich aus an Öffentlichkeit und Medien herantreten werden. Vorerst bräuchten sie aber noch Ruhe, "um wirklich anzukommen".

Völlig unklar ist vorerst auch, ob die beiden Touristen ein Mitverschulden trifft. Unmittelbar nach der Entführung waren ja Gerüchte laut geworden, die beiden hätten von der als sicher geltenden tunesischen Seite der Sahara nach Algerien gewechselt. "Es wird noch viel Zeit für uns bleiben, herauszufiltern, wie viel Eigenverschulden da ist", so Bernhard Ebner.

Der Bruder des entführten Halleiners, Walter Antosch, ergänzt: "Was die Kosten betrifft, gibt es bei Selbstverschuldung ja ein gewisses Rückforderungsrecht." (Bettina Fernsebner-Kokert und Thomas Neuhold/DER STANDARD, Printausgabe, 03.11.2008)

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    Die Strapazen von mehr als acht Monaten Gefangenschaft sind Andrea Kloiber - hier mit Mutter Christine Lenz - ins Gesicht geschrieben.

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    "Braungebrannt, etwas ergraut und abgemagert" - Bernhard Ebner war vom körperlichen Zustand seines Vaters Wolfgang positiv überrascht.

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