Österreichische Rollenverteilung

1. November 2008, 09:00
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Gastkommentar zur gesellschaftlich immer noch gängigen Position und Alltagssituation alleinerziehender Mütter - von Siglinde Lang

Die österreichische Gleichberechtigung - auf Basis mathematisch-logischer Prinzipien:

Das Baby ist da.

Nun nehmen wir an, Mann und Frau, wenn auch kein Paar, freuen sich auf ihre neue Aufgabe als Vater und Mutter. Beide sind AbsolventInnen eines bzw. mehrerer akademischer Studien, haben bereits jedeR eine ihrem/seinem Alter entsprechende erfolgreiche Berufslaufbahn hinter sich und verfügen aufgrund ihres Ausbildungs- und Persönlichkeitsprofil über ein analoges Karriere- und Selbstverwirklichungspotential. So kann der gleichberechtigten Erziehung des Kindes nichts im Wege stehen.

Nehmen wir nun an, der Mann würde in etwa 2000 Euro netto monatlich verdienen, das macht inkl. 13. +14. Gehalt in etwa 2500 Euro monatlich. Prämien und Sonderleistungen werden als eben solche gehandhabt und gelten daher nicht zum monatlichen Grundeinkommen. Der Mann zahlt 500 Euro Alimente, d.h. er gibt freiwillig 4 Prozent mehr als gesetzlich vorgesehen für das Baby an die Mutter ab. Bleiben ihm für seinen Einpersonen-Haushalt etwa 2000 Euro monatlich.

Die Frau bekommt für Kinderbetreuung ein staatliches Honorar im Ausmaß von 800 Euro. Dazu kommen 156 Euro an sogenannter Familienbeihilfe. Macht 956 Euro, sie erhält 500 Euro an Alimenten, sodass gesamt 1456 Euro als Monatsbudget zur Verfügung stehen. Davon begleicht sie die entstehenden direkten Kosten für das Kind: 240 Euro für den zusätzliche Wohnraum (20 qm zu je 12 Euro inkl.), 120 Euro für Nahrung, Windeln & Co. Etwa 100 Euro versteckte erhöhte Kosten (wie Still-BHs, vermehrte Menge an Putzmitteln und Haushaltsbedarf, Apothekerkosten, usw.) fallen zusätzlich an. Bleiben ihr für ihre Eigenversorgung etwa 996 Euro monatlich.

Nehmen wir nun an, diese Frau wäre so egoistisch und hätte das Bedürfnis, sich in einen Fitnesscenter einzuschreiben, um - nachdem sie einen Ballon in sich gedeihen und wieder ausgeworfen und in etwa 18200 ml Milch durch ihr Brüste gepresst hat - wieder ihren Körper zu spüren und ihre Figur wiederzuerlangen. Dafür würde sie in etwa 70 Euro monatlich einkalkulieren müssen. Würde diese Frau gar das absurde Verlangen haben, sich für den plötzlich doch erstaunlichen Mehraufwand im Haushalt einmal in der Woche eine Putzfrau als Mithilfe anzuheuern, müsste sie dafür nochmals etwa 90 Euro monatlich einplanen. Ja, und käme diese Frau gar auf die wahnwitzige Idee, ab und an nur Zeit für sich haben zu wollen und ihr Kind stundenweise einem Babysitter überlassen zu wollen, wären das nochmals in etwa 100 Euro monatlich, die sie von ihrem Monatsbudget abziehen müsste. Dann blieben ihr 736 Euro für sich selbst und die Gestaltung ihres selbstbestimmten Lebens.

Das erste Jahr verläuft rasch und zu beidseitiger Ruhe und Zufriedenheit. Während der Mann unter der Woche seine Zeit für die Entwicklung seiner beruflichen Karriere, bzw. seine freien Abenden für das Knüpfen und den Ausbau von Kontakten aber auch für seine gesellschaftliche Sozialisation als stolzer Vater nutzt, schwelgt die Frau in ihrem Mutterglück, das ihr in ihrer stetigen Präsenz für das Kind, frohlockender Haushaltsführung und selbstverwirklichenden Gesprächen am Spielplatz die ganze Erfüllung bedeutet. Die Wochenenden teilen sich die beiden in ihrer geteilten Verantwortung für das gemeinsame Kind.

Nach dem ersten Jahr beschliesst die Frau nun wieder arbeiten zu gehen, da ihr Einkommen als Kinderbetreuerin eingestellt wird. Ihre Verwunderung darüber, dass Personalgespräche stets um die Frage kreisen, wie sie es sich denn vorstellen könne, neben ihrer Berufstätigkeit ihr Kind zu umsorgen, mündet bald in selbstreflektierenden Fragen nach der richtigen Entscheidung. So sieht sie rasch ein, dass eine leitende Position in Vollzeit in dieser wichtigen Phase ihres Kindes wirklich nur als egoistischer Beschluss einer Rabenmutter angesehen werden kann. Doch mit Gück ergattert sie eine der wenigen Teilzeitstellen, die nicht unmittelbar mit dem Begriff des Sekretariats oder der Assistenz verbunden sind.

Nehmen wir nun an diese Frau übernimmt daher einen etwa 30-Stunden Job, der zwar nicht so ganz ihren Qualifikationen entspricht und schon gar nicht einen weiteren Schritt auf der Karriereleiter bedeutet, aber dafür Kind und Beruf vereinbaren lässt - denn das Kind möchte zum Kindergarten gebracht und wieder abgeholt, möchte nachmittags auf dem Spielplatz im seinem Bewegungsdrang unterstützt und mit Freunden zum Spielen verabredet werden. Der Haushaltsaufwand wird in diesen Jahren nicht geringer, die Wäsche will täglich gereinigt und verstaut, der angekleckste Boden geschrubbt und das Essen aus hochwertigen Bioprodukten zubereitet sein. Ihre monatliche Teilzeitstelle verschafft ihr nun ein stattliches Einkommen von 1300 Euro, inkl. 13. und 14. Gehalt, bedeuten das reale 1400 Eruo. Da sie sich damit jedoch weit über die Armutsgrenze alleinerziehender Mütter hinauslehnt, zahlt sie nun - zusätzlich zu den auf etwa 500-550 Euro angestiegenen Lebenskosten für das Kind - 279 Euro für einen Kindergartenplatz. Eine private Unterbringung, die das Kind durch englische Früherziehung, Pädagogik nach Montesorri oder familäre Kleingruppen-Atmospähre fördern, jedoch zwischen 300 und 400 Euro bei reduzierten Öffnungszeiten ausmachen würde, erscheint ihr dann doch zu abgehoben, ja wenn nicht gar elitär. In diesen frühen Jahren des Kindes bleiben ihr nun 1227 Euro. Diese großzügige Summe erlaubt ihr, nun sogar wieder zum Friseur zu gehen und im Ausverkauf Kleidung für sich selbst zu ergattern. Die Abende erscheinen ihr zwar manchmal noch etwas einsam, weil der Babysitter sich noch immer nicht gefunden hat. Da ihre Tage jedoch minutiös geplant sind und nie vor 21.00 Uhr enden, geniesst sie die geschenkte Ruhe und die Möglichkeit früh - und alleine - ins Bett zu gehen.

Nehmen wir nun an, der Mann hat diese Jahre ebenso für seine persönliche wie berufliche Entwicklung genutzt. Mit der Versetzung hat´s geklappt, mit der Gehaltserhöhung ebenso, und die zusätzliche berufliche Verantwortung lässt sich mit der jungen, schlanken und stets gut gelaunten neuen Freundin auch ertragen. Die Veranlagung der in den Jahren angehäuften Ersparnisse trägt langsam Früchte, sodass nun endlich eine größere Wohnung und ein neues Auto erstanden werden können. Kurzreisen in bisher unbekannte Städte helfen den Alltag aufzulockern. Die gemeinsamen Wochenenden mit dem Kind verlaufen harmonisch. Mann verbringt dieses Tage gemeinsam mit Oma und Opa, geniesst Ausflüge und kleine Tagestouren und freut sich, mit großzügigen Geschenken das Kinderherz zu erwärmen.

So verlaufen die Jahre, das Kind wächst und gedeiht. Die Frau - nun zwar wieder in Vollzeit tätig - stellt fest, dass die beruflich doch etwas im Abseits verbrachten Jahre für die ersehnte Laufbahn in verantwortungsbewusster und gut dotierter Stellung leider doch nicht so förderlich waren. Auch wird sie von nun an den Gürtel etwas enger schnallen müssen, da es langsam Zeit ist, sich - nach den bisher nicht gerade üppigen Beitragszahlungen - endlich über eine Altersvorsorge Gedanken zu machen. Denn sie will nicht das Schicksal von nicht ganz 80 Prozent aller MindestpensionsbezieherInnen bzw. sogenannter KleinpensionsbezieherInnen erleiden, mit denen sie vor allem eines gemein hat: dass sie eine Frau ist. (Siglinde Lang, dieStandard.at, 1.11.2008)

Die Lebensgeschichte dieser Frau ist ein Konglomerat aus persönlichen Erfahrungen, Beobachtungen im Bekanntenkreis, Erfahrungsberichten anderer Alleinerzieherenden sowie Gesetztexten, Statistiken und Literatur zum Thema, so die Autorin Siglinde Lang.

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    Foto: Der Standard
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