The world in Absam is too small

1. November 2008, 12:43
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Am 4. November werden auch neue Sheriffs gewählt - Der Tiroler Christian Meister führt in Südflorida einen einsamen Kampf gegen den angeblich korrupten Amtsinhaber

Keine zehn Minuten braucht Christian Meister zu seinem, wie er hofft, zukünftigen Arbeitsplatz im Stadtzentrum von Fort Myers, Südflorida. Der alte Toyota Corolla, mit dem er seit Monaten durch die Lande tingelt, ist über und über mit "Meister for Sheriff"-Aufklebern bedeckt. Damit auch jeder weiß, wohin die Reise für den alleinstehenden 40-Jährigen am 4. November gehen soll. Nicht nur Barack Obama, der Demokrat aus Chicago, erhofft sich an diesem Tag Change. Während die Welt auf die Präsidentschaftswahl blickt, wählen Floridas Bürger auch gleich ihre lokalen Sheriffs. "Es geht mir um Veränderung", sagt auch Christian Meister im Brustton der Überzeugung. Und mit unüberhörbar tirolerischem Akzent.

Der Mann, der optisch so gar nicht dem Wildwest-Klischee eines Sheriffs entspricht, hat große Pläne. Der Weg, das weiß Christian Meister genau, ist das Ziel. Jener des Zöllnersohns aus Absam im Karwendelgebirge, der seit 1987 in den USA lebt, verlief alles andere als gerade. Nach der HAK-Matura und einem kurzen Versuch, Musik zu studieren, wurde ihm Tirol schnell zu eng. Er suchte das Neue, das Abenteuer, wollte raus aus seinem "ehrlich gesagt ziemlich langweiligen Leben". Es war die amerikanische Popkultur, Musik, Mode, Hollywoodfilme, die ihn faszinierten. Und die ihm ein anderes, besseres Leben vor Augen führten. Also ging der damals 19-Jährige zum örtlichen Reisebüro und kaufte sich ein Ticket in die USA, one-way.

"Richtig große Stars"

Und weil Christian Meister zu jener Sorte Mensch gehört, die sich in ihren Vorhaben verbeißen wie Spikes auf Tiroler Glatteis, heuerte er kurz nach seiner Ankunft in the land of the free bei der US-Küstenwache an. Es war die Zeit des zweiten Golfkriegs, der "Operation Desert Storm", und Meister diente seiner neuen Heimat. Zwar nicht im Irak, wie seine Website auf den ersten Blick glauben macht, sondern als Elektrotechniker im Maschinenraum eines Kriegsschiffs, das vor der Küste Südfloridas Drogenschmuggler jagte und Flüchtlinge aufspürte. "Das war schon ein großes Abenteuer damals." Mehrere Orden zeugen vom Einsatz des Tirolers auf hoher See. 1995 übersiedelte Meister nach Los Angeles, wo er als Immobilienmakler und Chauffeur der örtlichen Filmszene ("Ich habe einige richtig große Stars gefahren") arbeitete und sich nebenbei als Model verdingte. Vor vier Jahren schloss er sein Journalismus-Studium an der California State University ab. Heute widmet er sich voll und ganz dem Wahlkampf, als Hobby gibt er an, am liebsten Bücher über Verfassungsrecht zu lesen.

Der Bezirk Lee County, in dem Meister seit seiner Rückkehr aus Kalifornien lebt, liegt an der Westküste des US-Bundesstaats Florida, hat knapp eine halbe Million Einwohner und ist ein wenig kleiner als Vorarlberg. Acht Polizeireviere decken die fünf Städte und drei Dutzend Ortschaften der ländlichen Gegend am Golf von Mexiko ab. Der Sheriff hat als Chef dieser Reviere weit mehr Macht als ein Polizist in Österreich. Er verhaftet Straftäter, verhängt Untersuchungshaft und ist auch für die Gerichte in seinem Bezirk zuständig. Darum wird er in 45 der 50 US-Bundesstaaten vom Volk gewählt, Tendenz steigend. "Wählen ist die beste Option", macht sich die National Sheriff Association (NSA) für die Beibehaltung der alten, dem mittelalterlichen England entlehnten Tradition stark. 

Meist setzen sich die beiden großen Parteien, also die Republikaner und die Demokraten, für einen der Kandidaten ein. Christian Meister, der Tiroler in Florida, geht als unabhängiger Kandidat ins Rennen, wie er betont. Ganz im Gegensatz zu Amtsinhaber Mike Scott, der laut Meister im Oktober in seiner grünen Sheriffuniform auf einer Wahlveranstaltung für die Republikanerin Sarah Palin gesprochen haben soll. Meister findet derlei Einsatz gar nicht gut. Auch sonst lässt der umtriebige Wahlamerikaner an Sheriff Scott, dessen Mitarbeiter er ein halbes Jahr lang war, kein gutes Haar. "Ich habe damals gemerkt, wie sehr er in Korruption verstrickt ist und fühle mich stark genug, das zu verändern." Scott beschäftige einen Beamten, der wegen Gewalt an Frauen verurteilt sein soll, erklärt Meister in einem eigens angefertigten Youtube-Video. Und, fast noch schlimmer, Sheriff Scott habe ihn, den "Veteranen", wegen seines österreichischen Akzents diskriminiert. Vielleicht ein Grund, warum sich in Christian Meisters Wahlprogramm an mehreren Stellen Absagen an jegliche Form von Rassismus finden.

Kick it like Arnold

Von falscher Bescheidenheit hält Meister jedenfalls nichts. Schließlich will er der Enge seiner Tiroler Heimat nicht umsonst entflohen sein. 2003, Meister war gerade einmal 35 Jahre alt, trat er zur Wahl des kalifornischen Gouverneurs an. Sein Gegner damals: Arnold Schwarzenegger. Auch wenn aus den hohen Weihen zumindest vorerst nichts wurde, Groll gegen den übermächtigen Steirer hegt der Tiroler nicht. "So wie viele Österreicher hat Arnold verstanden, dass die Welt nicht nur schwarz-weiß ist. Es ist wichtig, dass ein Politiker seine Ideologie hinter sich lässt und die Menschen mit Lösungen zusammenbringt, egal ob diese links oder rechts sind." Die Lösungen, wie Meister sie sieht, wirken wie ein Amalgam aus konservativen und liberalen Parteiprogrammen. Zuallererst, erklärt er, wolle er als Sheriff Lee Countys Verkehrssündern mehr Güte angedeihen lassen und sie "nicht mehr wie Kriminelle behandeln." Kinder will Meister, der sich nach eigenen Angaben täglich ein bis zwei Stunden ans Klavier setzt, mit Musikunterricht Zukunft bieten. Offensiv buhlt der 40-Jährige um Spenden. Die wolle er, ganz nach dem Gesetz, aber nicht in seinen Wahlkampf investieren, beteuert Meister. Seit er sich ganz dem Kampf um den Sheriffposten widmet, habe er große Schulden angehäuft. Deshalb, sagt er offen, suche er auch in Österreich nach Gönnern.

Seit 1999 ist Meister US-Staatsbürger, ganz kalt lässt ihn die alte Heimat trotzdem nicht. "Egal, wie lange ich schon in Amerika bin, das Blut in meinen Adern wird immer hundertprozentig österreichisch sein." Und gegen etwas mehr Österreich in seiner Umgebung hätte Christian Meister auch im fernen Südflorida nichts einzuwenden. "Eine reiche österreichische Frau", lacht er, "die könnte ich schon gut gebrauchen." (Florian Niederndorfer, derStandard.at, 31.10.2008)

  • "The Children of Lee County (tomorrow's adult county residents) are the main reason I am running to become YOUR Sheriff!", schreibt Christian Meister auf seiner Website.
    foto: privat

    "The Children of Lee County (tomorrow's adult county residents) are the main reason I am running to become YOUR Sheriff!", schreibt Christian Meister auf seiner Website.

  • Zuallererst, erklärt Meister, wolle er als Sheriff Lee Countys Verkehrssündern mehr Güte angedeihen lassen und sie "nicht mehr wie Kriminelle behandeln."
    foto: www.meisterforsheriff.com

    Zuallererst, erklärt Meister, wolle er als Sheriff Lee Countys Verkehrssündern mehr Güte angedeihen lassen und sie "nicht mehr wie Kriminelle behandeln."

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