Rückkehr zu "archaischen Mitteln der Organisierten Kriminalität"

    31. Oktober 2008, 16:26
    18 Postings

    Ex-Europol-Beamter und Insider Uwe Kranz im derStandard.at-Interview über Organisierte Kriminalität am Balkan, Lippen­bekenntnisse und verschwendete EU-Gelder

    Uwe Krainz beschäftigt sich professionell seit zehn Jahren mit der Bekämpfung des Organisierten Verbrechens. Jahrelang war er bei Europol für Südosteuropa zuständig, nun berät er Regierungen und Firmen. Die großen, homogenen und hierarchisch gegliederten Strukturen existieren kaum noch, erklärt Kranz im derStandard.at-Interview, allerdings sind die Querverbindungen am Balkan immer noch die gleichen, wie im alten Jugoslawien.

    Kranz ist ein Skeptiker der EU-Erweiterung und kritisiert die Union, Fortschritte nur auf dem Papier zu kontrollieren und die Realität lieber zu verdrängen. Damit tue man weder dem Land selbst noch der EU im Gesamten einen Gefallen. Um die Organisierte Kriminalität wirklich wirkungsvoll bekämpfen zu können, müssten die verschiedenen Anstrengungen endlich sinnvoll gebündelt werden.

    derStandard.at: In der letzten Zeitscheinen die mafiosen Machenschaften und Racheakte in Kroatien zuzunehmen.Täuscht der Eindruck und wenn nein, was könnte dahinter stecken?

    Kranz: Kroatien galt in der Vergangenheit immer als ein Vorzeigeland der Balkanstaaten. Allerdings ist in Kroatien die organisierte Kriminalität besser verdeckt worden, als in anderen Ländern. Auf dem Papier hat alles sehr gut ausgeschaut. Die Lebenswirklichkeit hat meist anders ausgesehen. Das ganze Jahr 2008 und 2007 wurden deutlich mehr über Überfälle oder Racheakte berichtet. Die haben nur eines zum Ziel: Unbequeme zum Schweigen zu bringen. Das sind die klassischen, fast archaischen Mittel der Organisierten Kriminalität, die wir bisher eigentlich in Reinform von der osteuropäischen oder der italienischen OK kannten. Hitman werden angeworben, eingeflogen, tun ihren Job und fahren wieder weg. Ähnlich ist die Entwicklung auch in Bulgarien, wo in letzter Zeit ebenfalls viel passiert ist. Hier sehe ich, was die jüngsten Morde betrifft, eher eine Verbindungen zur bulgarischen OK, als mit der serbischen Kriminalität.

    derStandard.at: Kann man in Kroatien auch von verschiedenen "Clans" sprechen?

    Kranz: Die großen, homogenen und hierarchisch gegliederten Strukturen existieren kaum noch. Heute ist alles sehr fluid, sehr international und flexibel. Nicht mehr eine Mannschaft sondern verschiedene Gruppierungen sind am Werk, die sich bedarfsorientiert engagieren. Das erstreckt sich über ganz Europa. Auf dem Balkan isst das vor allem in den letzten Jahren klar geworden: die albanischen, die serbischen, und kroatischen OK Gruppen vernetzten sich vor allem mit italienischen und griechischen organisierten Kriminellen. Das FBI nennt seit langem die Organisierte Kriminalität am Balkan"BOC", "Balkan Organized Crime".

    derStandard.at: Gibt es auch politische Komponenten der Organisierten Kriminalität, die Kriegsverbrechen vertuschen etc.?

    Kranz: Das zu verfolgen war nie mein Job. Aber Querverbindungen sind natürlich feststellbar. Das ist ja nichts Neues, auch im ehemaligen Jugoslawien war Organisierte Kriminalität vorhanden. Und auch nach dem Zerfall Jugoslawiens existieren nach wie vor die gleichen Querverbindungen.

    derStandard.at: Wie schwerwiegend ist die Unterwanderung der kroatischen Gesellschaft, bei Politik, Richtern, Polizei,Zöllner, Ärzte etc.?

    Kranz: Das ist natürlich schwer durchschaubar. In allen Berichten existieren Hinweise darauf, dass Querverbindungen in die allgemeine Verwaltung, in Justiz, Polizei und Politik existieren. Was in Kroatien jetzt wieder verstärkt zu bemerken ist, ist die Wirtschaftskriminalität. Und zwar über die Geldwäsche hinaus, Firmen werden aufgekauft, Luftrechungen werden geschrieben, Karusselle aufgebaut. Ein ständiges Hin und Her von Firmengründungen und Löschungen verbunden mit kriminellen Aktivitäten. Die Verwirtschaftlichung des Verbrechens ist ein schleichender Prozess, der sich in alle staatlichen und nicht staatlichen Instanzen hineinzieht. Ich nenne das gerne die 'Russifizierung des Organisierten Verbrechens' – business as usual.

    Aber auch in der Gesellschaft ist die Korruption tief verwurzelt. Wenn der kleine Bürger sieht, dass die Großen nicht fallen, wird er sich fragen, waruml er der Blöde sein soll. Außerdem existiert in Kroatien ja keine Beamtenschaft wie in Deutschland, deren ethischer Ansatz über mehr als Hundert Jahre tief verwurzelt ist.

    derStandard.at: An einer neuen Gesetzgebung wird jetzt in Kroatien gefeilt. Personen auf zentralen Posten werden ausgetauscht. Mehr als Lippenbekenntnisse?

    Kranz: Sie hören mein Gelächter. Die Bekenntnisse zu "more efforts" und so weiter kann ich nicht mehr hören. Ich bin seit über 10 Jahren in dem internationalen Geschäft und höre immer das Gleiche. Jeder neue Minister schmeißt seine Parolen in die Luft. Natürlich muss man mehr tun. Aber wo waren diese Aktivitäten in der letzten Zeit? Einige Zahlen aus meinem letzten Bericht: In Kroatien hat man seit 2001 minimale Mengen an Rauschgift sicher gestellt. Da hatte man in Serbien oder Montenegro die dreifachen und vierfachen Mengen. Im Rauschgiftbereich dürften die Anstrengungen nicht sehr erfolgreich sein. Die klassische Balkanroute muss durch Kroatien gehen. Mir kann also keiner erzählen, das hier genug getan wurde. Beispiel Menschenhandel. Da werden in den letzten Jahren einmal zwei bis vier Fälle ausgewiesen. Kein einziger Fall von OrganisierterWirtschaftskriminalität scheint auf. Diese Zahlen konnten einfach nicht stimmen.

    derStandard.at: Der EU-Fortschrittsbericht verlangt im neuen Bericht, der nächste Woche erscheint, dezidiert, Kroatien müsse die Bekämpfung von Korruption und organisierter Kriminalität verbessern.Könnte es einen Beitritt verzögern, gelingt das nicht?

    Kranz: 2000 bis 2006 hat die EU 5,4 Milliarden Euro und zwei weitere von der Europäischen Investmentbank in den Western Balkan gesteckt. es werden nochmal 6 bis 8 Milliarden in den Jahren 2008 bis 2010. Dafür sollte man was erwarten können. Wie ich damals in diesem Bereich angefangen hatte, hatte ich noch Verständnis gehabt und mir gesagt: "Man muss mit den Squaws tanzen, die im Wigwam sitzen. Das geht nicht von heute auf morgen, man muss hier in Dekaden denken". Aber 15 Jahre später sollte hierlangsam mehr Stabilität rein kommen und mittlerweile was aufgebaut worden sein mit dem vielen Geld. Auf dem Papier machen man enorm viel, aber es hapert an der Umsetzung, der Transparenz und vor allem der Evaluierung. Es wird viel zu selten der Finger in diese Wunde gelegt.

    derStandard.at: Trotzdem wird Kroatien 2010der EU beitreten.

    Kranz: Keine Frage. Aber meiner Meinung nach hat das mit der Realität nichts zu tun. In einer Art virtueller Politik arbeitet man im Vorfeld die verschiedenen Kapitel ab, wenn am Papier alles stimmt, dann ist das in Ordnung. Aber das ist ja das Problem, auch was den Demokratisierungsprozess betrifft. Der Bürger, zum Beispiel in Bulgarien, merkt keinen Unterschied zu der Zeit vor dem Beitritt und wendet sich von der EU ab. Nach dem Motto: "Eh alles gleich beschissen wie vorher". Gleichzeitig wird aber mehr bekannt, weil die Medien unabhängiger berichten und das ganze System doch transparenter wird als in den Jahren davor. Die Leute sehen aber nicht, dass die Drahtzieher bestraft werden und das Ganze geht von vorne los.

    derStandard.at: Was würden Sie der kroatischen Regierung raten, um diese Spirale zu stoppen?

    Kranz: Man müsste autarke und entsprechend gut geschulte Ermittlungseinheiten einrichten. Was ich gut finde, ist der Plan,die Sicherstellung illegaler Vermögen zu forcieren. Wenn man der Organisierten Kriminalität Geld und Kommunikationsmittel wegnimmt, kann man sie zerschlagen. Man könnte auch spielend Schmuggelstrecken in Kroatien besser überwachen. Es gibt eine Küstenstraße und eine Überlandstraße. Am Balkan müsste man sich aber auch mehr zusammentun.

    derStandard.at: Das klingt alles eherso, als würden Sie nicht daran glauben,dass die EU-Projekte bzw. die Anstrengungen zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität sinnvoll sind?

    Kranz: Natürlich sind sie sinnvoll. Ich möchte nicht wissen, wie Situation ohne diese Anstrengungen aussehen würden. Man muss aber dafür Sorge tragen, dass nicht nur das die Unterstützungsgelder abgerufen werden. Und die vielen verschiedenen Projekte der OECD, der UN, der EU etc- müssten endlich besser koordiniert werden. Das müsste man alles unter einen Hut bringen. So macht jeder, was er glaubt und überall wird das Geld rausgeschmissen. Die EU fragt ja auch gar nicht richtig nach der Effizienz der vielen Milliarden. Da ist der Hund begraben.(Manuela Honsig-Erlenburg, derStandard.at, 31.10.2008)

    Zur Person: Uwe Kranz arbeitete bis 2007 bei Europol und war dort zuständig für Osteuropa und Südosteuropa. Seit zwei Jahren berät er Regierungen und die Privatwirtschaft zum Thema Organisierte Kriminalität. Zuletzt hat Kranz ein Gutachten zum Thema "Internationale Polizeiarbeit" in Serbien abgefasst.

    • In den letzten Wochen wurde Zagreb Schauplatz mehrerer, vermutlich politischer Morde.
      foto: videostill/dnevnic

      In den letzten Wochen wurde Zagreb Schauplatz mehrerer, vermutlich politischer Morde.

    Share if you care.