Plaza de los Héroes – Heldenplatz

30. Oktober 2008, 18:53
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In Buenos Aires sorgt Thomas Bernhards literarische Abrechnung mit Österreich 20 Jahre nach der Uraufführung am Wiener Burgtheater vor allem unter jüdischen Emigranten für Diskussionen

"Thomas Bernhard wirkt in Österreich, aber das Auffallende ist natürlich, dass diese Texte auch überall anders rezipiert wurden, wo die Österreich-Problematik als solche kaum von Bedeutung sein konnte" , schrieb der kürzlich verstorbene Germanist Wendelin Schmidt-Dengler über den 1989 verstorbenen Dichter und nennt als Beispiel die frühe Bernhard-Rezeption in Frankreich. Buenos Aires im Jahres 2008 liegt vom Epizentrum Bernhard'scher Erregung noch weiter entfernt als Paris, doch auch hier sorgt der "Übertreibungskünstler" (Schmidt-Dengler) derzeit für Furore.

Im Hauptstadttheater San Martín steht derzeit Bernhards Heldenplatz auf dem Programm: sein letztes und in Bezug auf die "Österreich-Problematik" schärfstes Stück. Regisseur Emilio Garcia Wehbi ist in Argentinien für mutige Inszenierungen zeitgenössischer Autoren bekannt, beispielsweise für Elfriede Jelineks Bambiland (2005). Als Textgrundlage für Heldenplatz dient ihm die Übersetzung des Spaniers Miguel Sáenz. Dass eine von so hoher Künstlichkeit geprägte Theatersprache wie jene Bernhards so manche Nuance, etwa den Sprachrhythmus, einbüßt, lässt sich nicht leugnen. Doch die Produktion stößt weitgehend auf Zustimmung bei Publikum und Kritik.

Um den argentinischen Zuschauern den historischen Kontext von Heldenplatz einzuschärfen, legt García Wehbi die Inszenierung "im Großformat" an, wie es eine Zeitung formulierte. Auf einer Bühnenleinwand zeigt er Adolf Hitler bei seinem Heldenplatz-Auftritt am 15. März 1938. Naturgemäß verpufft die Wirkung des Bernhard'schen Stilmittels der Provokation ein wenig, wenn sich diese nicht unmittelbar - wie im Gedenkjahr 1988 bei der Peymann-Inszenierung am Burgtheater - an seine (österreichischen) Adressaten richtet und diese auch zur Selbstentlarvung nötigen möchte.

Die Distanz versucht der Regisseur produktiv zu nutzen, indem er, wie er sagt, mit "Brecht'scher Praxis" an das Stück herangeht: unter Verzicht auf die emotionale Involviertheit des Zuschauers.

Tiefenblick

Viele argentinische Besucher sehen einen kontinuierlichen Zusammenhang zwischen Bernhards Befund 1988 und dem Ergebnis der letzten Nationalratswahl. "Warum hört dieser Dämon bei euch nie auf zu existieren?" , lautet die am häufigsten gestellte Frage.

Auf besonderes Interesse stößt die Produktion bei jüdischen Emigranten und ihren Nachkommen. Viele österreichische Juden flüchteten nach dem Anschluss ins damals wohlhabende Argentinien. Schätzungen zufolge waren es bis etwa 1950 zwischen 4000 und 5000 Juden, heute leben von ihnen nur noch ein paar Hundert in Buenos Aires. Eine von ihnen ist Julia Hahn, 1938 in Wien geboren und engagiert in einer jüdischen Organisation in Buenos Aires. Sie bedauert, dass Heldenplatz nichts an Aktualität eingebüßt habe: "Bernhard demaskiert seine Landsleute auf unglaubliche Weise."

Für den Psychologen Alfredo Schwarcz, dessen Eltern vor den Nazis flüchten mussten, ist die Relevanz von Heldenplatz jedoch nicht nur auf Österreich beschränkt: "Der Tiefenblick dieses Werks auf die Gewalt in den menschlichen Beziehungen, den Provinzialismus und das Infragestellen von kulturellen Konzepten sind von universaler Bedeutung und somit auch für Argentinien und die Argentinier." (Markus Leiter aus Buenos Aires / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.10./1.11./2.11.2008)

 

  • Thomas Bernhards "Heldenplatz" : Österreich-Kritik in der Stadt am Río de la Plata.
    foto: teatro san martín

    Thomas Bernhards "Heldenplatz" : Österreich-Kritik in der Stadt am Río de la Plata.

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