Jung, jüdisch und pro Obama

30. Oktober 2008, 18:33
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Die Mehrheit der amerikanischen Juden dürfte auch diesmal demokratisch wählen

"Please vote for the Shvartzeh", diese freundliche Aufforderung ist unter dem Hinweisschild zur Beth Sholom Synagoge angebracht. Matti Bunzl, Direktor des "Programms für jüdische Kultur und Gesellschaft" an der Universität von Pennsylvania ist im Gespräch mit dem Standard erfreut über den positiven Gebrauch des im Jiddischen sonst eher abschätzig gemeinten Begriffs, mit dem natürlich der schwarze US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama gemeint ist.

Und auch wenn das Schild nur im Internet elektronisch erstellt wurde erinnert es den Anthropologen und Historiker an den Grundkontext: Amerikanische Juden sind die "demokratischsten" US-Wähler überhaupt, wegen ihrer progressiven und liberalen Grundhaltung in innenpolitischen und sozialen Angelegenheiten.

Wählten zu gewissen Zeiten 80 Prozent der US-Juden demokratisch, so ist in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren eine Wegbewegung festzustellen, wobei Obama unter den Juden noch immer eine satte Mehrheit zu erwarten hat. Die Republikaner versuchen, Wähler über das Thema Israelpolitik abzuwerben, wobei jedoch, so Bunzl, in Verhalten und Diskurs zwischen Demokraten und Republikanern kein wesentlicher Unterschied festzustellen sei. Die Republikaner seien, so formuliert es Bunzl, "rabiat proisraelisch" , die Demokraten "nur extrem proisraelisch".

Jimmy Carter war derjenige demokratische Präsidentschaftskandidat, der am wenigsten jüdische Wählerstimmen bekam, auch deswegen, weil seine christliche Religiosität, anders als bei den Republikanern heute, nicht mit einer bedingungslosen Unterstützung für die israelische Politik gepaart war.

Obama könnte derjenige werden, der am zweitschlechtesten abschneidet, sagt Bunzl: Die Gerüchte, dass er muslimisch oder den Muslimen nahestehend sei, hätten bei manchen doch gegriffen. Die andere große Frage sei die nach dem Rassismus unter den Juden, den es sehr wohl gebe, aber in geringerem Ausmaß als in anderen weißen Bevölkerungsschichten.

Wie bei den anderen Weißen ist auch das Generationsgefälle unter den Juden enorm, je jünger desto mehr pro Obama: In ihrem Video "The Great Schlep" fordert die erfolgreiche Satirikerin Sarah Silverman die jungen Juden auf, doch auch ihre Altvorderen in Florida dazu zu bringen, Obama zu wählen. Es gebe noch andere Pro-Obama-Initiativen, etwa die der
"Jewish Studies Scholars" für Obama, bei der Bunzl selbst unterschrieben hat.

Er beobachtet aber auch Begeisterung für Obama in eher traditionellen, bei der Israelpolitik rechtsstehenden Gruppen, etwa der mächtigen Jewish Federation in Chicago. Die Israel-Lobby-Gruppen wie AIPAC geben keine Empfehlungen ab, sie seien auf die Kooperation mit jedem Präsidenten angewiesen.

Die Diskussion darüber, ob Obama mit dem Iran reden würde oder nicht - was die Republikaner als Gefährdung der israelischen Interessen darstellen - , nennt Bunzl "banal" . Es gehe nie um echte Politik, sondern nur um Argumente des Schlagabtausches willen. Und außer für Juden - und für fundamentalistische Christen - sei die Außenpolitik der Vereinigten Staaten im US-Wahlkampf überhaupt völlig irrelevant. (Gudrun Harrer aus Boston/DER STANDARD, Printausgabe, 31.10.2008)

  • Das Schild existiert nur elektronisch im Internet, Juden werden den Rat aber mehrheitlich befolgen.
    foto: churchsigngenerator.com

    Das Schild existiert nur elektronisch im Internet, Juden werden den Rat aber mehrheitlich befolgen.

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