Die Schrammen eines Gehetzten: "Ein Quantum Trost"

30. Oktober 2008, 17:46
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Zum zweiten Mal verkörpert Daniel Craig einen zeitgemäßeren James Bond: einen traumatisierten Einzelkämpfer, der wortkarg neuartige Konflikte bewältigt

Wien - An den Wandlungen des James-Bond-Franchise lässt sich ablesen, wie die Zeit vergeht. Mit Casino Royal, dem smarten (und erfolgreichen) Relaunch der Doppelnull im Jahr 2006, ist die populäre Agentenfigur endgültig in die neue Weltordnung eingetreten. Der Kalte Krieg ist Geschichte: Keine größenwahnsinnigen Kriminellen mit Weltbeherrschungsplänen machen Bond mehr das Leben schwer, sondern ein wendiges Verbrechertum, das sich aus Privatiers zusammensetzt. Quantum nennt sich die Organisation kryptisch, die wie ein Unternehmen agiert.

Sie gibt dem 22. Bond-Abenteuer auch den zum schiefen Sprachbild verzogenen Titel: Ein Quantum Trost (Quantum of Solace ). In einer der besten Szenen des Films bekommt die Gruppierung, von der selbst das MI6 wenig weiß, ein Gesicht. Schauplatz ist die Bregenzer Seebühne, auf der die Oper Tosca aufgeführt wird. Ins Publikum haben sich auch die zentralen Köpfe von Quantum - Ex-Generäle, Politiker, Unternehmer - gemischt, die nun mit unsichtbaren Headphones konferieren: Das Bild könnte einem Verschwörungsthriller entstammen, der Paranoia schürt, indem er dem Feind eine wandelbare Gestalt verleiht. Böse ist, wer sein Wissen für sinistre Zwecke am freien Markt verhökert.

James Bond, das zweite Mal von Daniel Craig verkörpert, sieht sich angesichts dieses flexiblen Gegners vor allem körperlich gefordert. Der Agent der Gegenwart hat keine Zeit für Späße. Er steht unter Druck, ist immer schon zu spät, seine Aktionen sind dementsprechend auf Effizienz ausgerichtet. Bond tötet, weil das in der Regel schnell geht. Selbst Sex wird da zur Nebensache. Der Männerkörper mit den dekorativen Schrammen braucht kein Gegenüber mehr, das ihn bestätigt. Der Agent überwindet nur noch Hindernisse - und wenn er einen ganzen Lift voller Hünen bekämpfen muss.

Der Schweizer Regisseur Marc Forster, der seine Anpassungsfähigkeit schon in ganz unterschiedlichen Genres (zuletzt Drachenläufer/ The Kite Runner) unter Beweis gestellt hat, fährt von Beginn an mit hohem Tempo los. Kaum ist eine Autoverfolgungsjagd ohne Totalcrash überstanden, hetzt Bond bereits durch unterirdische Schächte und durchquert ein Pferderennen in Siena. Gleichzeitigkeit ist die Devise der Montage, die andauernd parallele Verknüpfungen sucht. Die hyperenergetische Bourne-Serie stand dafür genauso Pate wie für den Einsatz moderner Überwachungstechnologien. Am eindringlichsten bleiben dennoch hübsch choreografierte Auflösungen, die dem körperlichen Ballett des Hongkong-Kinos eines John Woo entlehnt scheinen: Wie zwei Pendel schaukeln Bond und sein Gegner einmal auf zwei Seilen auf einem Baugerüst hin und her.

Die Dichte an Action-Schaustücken hat aber auch ihren Preis, weil sie den erzählerischen Zusammenhalt lockert. Mit Dominic Greene, verkörpert vom französischen Charaktermimen Mathieu Amalric, gibt es zwar den ersten getarnten Grünen als Bösewicht, sein Wirkungsfeld bleibt allerdings zu eingeschränkt. Mit "dem Lächeln von Blair und dem Irrsinn von Sarkozy" , so Amalric über seinen Part, fädelt er in Bolivien einen Deal ein, der scheinbar ökologischen Interessen dient. Er verschafft einem General die Staatsführung, im Austausch verlangt er eine Wüstenlandschaft. Seine kriminelle Energie ist die eines Wirtschaftsbetrügers. Gewalt wird von ihm an andere delegiert: Erst im Showdown bekämpft er Bond mit weibischen Gesten.

Rache als Antrieb

Das Drehbuch, an dem auch Paul Haggis (L. A. Crash) gefeilt hat, gibt sich redlich Mühe, geopolitische Verhältnisse abzubilden, verfängt sich dann aber in Ungereimtheiten. Warum weiß eigentlich niemand, auf welche Bodenschätze Greene aus ist? Bond wird in dieser Konstellation zum Außenseiter, der umso mehr Verdacht weckt, je eigensinniger er agiert. Angetrieben durch Rachegelüste - die Ermordung seiner geliebten Vesper in Casino Royal ließ ihn noch härter werden - stürzt, würgt und schießt er sich stur seinem Ziel entgegen. Selbst das Bond-Girl Camille (Olga Kurylenko) hat eine ähnliche Motivation. So viel Verlust und Trauma wie in Ein Quantum Trost gab es noch nie.

Die Neudeutung Bonds kommt zwar Ian Flemings ursprünglicher Auffassung der Figur näher. Doch der staatlich kontrollierte Killer war ein Kind seiner Zeit. Forsters Ansatz, einem zeitgenössischen Konflikt einen so zähen wie wortkargen (und letztlich anachronistischen) Einzelkämpfer gegenüberzustellen, geht dann auch nur zur Hälfte auf: Zu sehr bleibt Bond in seinen eigenen Widersprüchen verfangen, um als universeller Held einer Zeit zu genügen, in der es anderer Waffen als körperlicher bedarf, um eine unübersichtliche Welt zu befrieden. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.10./1.11./2.11.2008)

 

Ab 7. November im Kino

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Der zeitgenössische James Bond hat keine Zeit für Ruhepausen: Daniel Craig legt in "Ein Quantum Trost"  viele Meter zurück.  
 
 
    foto: sony

     

    Der zeitgenössische James Bond hat keine Zeit für Ruhepausen: Daniel Craig legt in "Ein Quantum Trost"  viele Meter zurück. 

     

     

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    Der Schweizer Regisseur Marc Forster forciert merklich Action und Tempo.

     

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