Fünfzig Vereinigte Staaten - Gregor Hens

30. Oktober 2008, 17:28
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Liebe Mama, sagte ich, ich sitze mit Todd am Strand und esse Kentucky Fried Chicken. Die Luft hier am Golf ist so klar und frisch, ich glaube fast, ich kann in der Ferne die Küste von Louisiana sehen

Wir waren gerade mit dem Essen fertig, als Max an den Tisch kam, sich neben Brenda stellte und sagte, ich muss bis Montag alle fünfzig Staaten können. Er legte ein aufgeschlagenes Arbeitsbuch auf den Tisch. Auswendig?, fragte Brenda erstaunt. Ja, auswendig und alphabetisch. Das schaffe ich nie! Das ist ganz einfach, sagte ich, du musst dir nur eine Geschichte ausdenken, in der alle Staaten der Reihe nach vorkommen. Zeig mal her. Der Junge schob mir das Buch hin. Was fällt dir zu Alabama ein?, fragte ich. Weiß nicht, Sümpfe und Alligatoren, sagte er. Gut.

Dreißigtausend Alligatoren leben in Alabama, und einen hält sich Randy Mathis in einem Teich hinter seiner sumpfigen Wiese. Alle paar Tage füttert er ihn mit tiefgefrorenen Fischköpfen aus Alaska. Oder vielleicht aus Arizona ...? Nein!, rief der Junge, Arizona ist eine Wüste. Genau, sagte ich. Brenda nickte zufrieden und summte Moon of Alabama. Randys Frau Milly hatte Angst vor dem Tier und machte, wenn sie zum Einkaufen ging, einen großen Bogen um den Teich. Aber einkaufen musste sie. Also fuhr sie mit dem Bus zu Wal-Mart, einem riesigen Warenhaus am Rande der Stadt, das alle anderen Geschäfte schon vor Jahren verdrängt hatte. Am Eingang, wo die Einkaufswagen standen, hing ein großes Bild des Firmengründers Sam Walton, der seinen ersten Laden 1962 in Rogers eröffnet hatte und schnell zum reichsten Mann von Arkansas geworden war. Milly schob ihren Wagen durch die breiten Gänge und dachte an das furchtbare, hässliche Tier in ihrem Garten. Lustlos warf sie ein Netz Orangen aus Orange County, California, in den Einkaufswagen und kaufte eine Eistorte, die Colorado Swirl hieß und wie die Rocky Mountains aus mehreren Lagen Schoko und Erdbeere bestand. Was ist das nur für eine Welt, dachte Milly, was ist aus unseren kleinen Läden auf der Main Street geworden? Wo sind die Leute hin, die damals hinter den Ladentheken standen, ihre Kunden noch mit Namen ansprachen und den Kindern Lutscher herunterreichten? Wahrscheinlich sind sie ... in Connecticut, rief Max begeistert. Er hatte Gefallen an unserem Spiel gefunden.

Dieser Laden hier, fuhr ich fort, dieser Laden, dachte Milly, ist größer als so mancher Bundesstaat, größer als Delaware auf jeden Fall. War Delaware nicht der kleinste Staat von Amerika? Als sie mit ihren schweren Tüten nach Hause kam, den großen Bogen um den Teich machte, fand sie im Briefkasten eine Postkarte aus Tampa, Florida, wo ihr Sohn Randy Junior in einer Strandbar arbeitete. Das läuft ganz gut, sagte Max, als Brenda aufstand und auf ihrem iPod herumdrückte. Plötzlich erklang Ray Charles' Georgia on my Mind. Danke, sagte ich lachend, du hast uns gerettet. Und ich erzählte von Randy Junior, der sich, bevor er mit seinem Partner Todd die Strandbar eröffnet hatte, ein paar Jahre auf Hawaii herumgetrieben hatte. Todd, wie Randy ein leidenschaftlicher Surfer, hatte am College of Arts and Design in Honolulu studiert und war aus dem Regie-Lehrgang geflogen, weil er es gewagt hatte, Gus van Sants My Own Private Idaho mit Shakespeares Der Sturm zu vergleichen. Er hatte sich bei der in Chicago, Illinois, ansässigen Bank One, einer der größten Banken des Landes, einen günstigen Kredit besorgt und hatte Randy Junior, der bereits einige Gastronomieerfahrung gesammelt hatte, mit ins Boot geholt. Wenn sie nicht arbeiteten, saßen sie am Strand neben ihrer Hütte, stellten einen kleinen Fernseher auf einen wackligen Stuhl und schauten Todds Lieblingsfilme.

Wir haben Michigan vergessen

Hast du mal Breaking Away gesehen?, fragte ich. Max schüttelte den Kopf. Brendas Augen leuchteten. Ein Film über einen Jungen in Bloomington, Indiana, sagte sie, tatsächlich einer der schönsten Filme aller Zeiten. Der Junge bekommt ein Rennrad geschenkt. Schnell stellt sich heraus, dass ... Übrigens war Todd in Iowa aufgewachsen, unterbrach ich mit einem Augenzwinkern, auf einem Bauernhof, wo sie Mais anbauten, der an die riesigen Rinderherden in Kansas verfüttert wurde. Was stand eigentlich auf Millys Postkarte?, fragte Brenda, als ich kurz zögerte. Liebe Mama, sagte ich, ich sitze mit Todd am Strand und esse Kentucky Fried Chicken aus einem großen Pappeimer. Die Luft hier am Golf ist so klar und frisch, ich glaube fast, ich kann in der Ferne die Küste von Louisiana sehen. Milly schüttelte den Kopf, räumte die Einkäufe weg und schlug die Zeitung auf. Bei Portland, Maine, waren zwölftausend Fahrrad-reifen angeschwemmt worden. Sie waren zwei Monate vorher im Sturm von einem Frachter namens Maryland gerutscht. Ted Kennedy, der Senator aus Massachusetts,lag nach einem Hirnschlag im Krankenhaus und sollte noch am selben Tag in die berühmte Mayo Clinic in Minnesota überführt werden.

Hör mal, wir haben Michigan vergessen, sagte Brenda und tippte auf die Liste. Weil wir doch selbst in Michigan wohnen, sagte Max. Das leuchtet mir irgendwie ein, sagte ich, aber vergiss deine Mutter nicht, wenn du am Montag die Klassenarbeit schreibst. Milly, erzählte ich weiter, sah aus dem Fenster. Im Westen ging die Sonne unter, hing rot und schwer über dem flachen Land. Milly war noch nie am Mississippi gewesen, obwohl der Fluss nur drei oder vier Autostunden von Selma entfernt war. Natürlich hatte sie in ihrer Kindheit Mark Twain gelesen, hatte wie jedes Kind davon geträumt, in St. Petersburg, Missouri, ein Floß zu bauen, den breiten Fluss hinunterzutreiben und Pirat zu spielen. Am Abend kam Randy nach Hause. Er hatte Montana Jackson im Schlepptau und einen Typen, Wes, der behauptete, in seiner Jugend einmal quer durch Nebraska gelaufen zu sein, auf der Suche nach einem Mädchen. Zum Glück nicht durch Nevada, sagte Brenda, das hätte er nicht überlebt. Milly ging in die Küche und kam mit kühlen Bierflaschen zurück, die sie den Männern in die Hand drückte. Jackson untersuchte das Etikett. Warum gibt es eigentlich unterschiedliche Pfandpreise in den verschiedenen Staaten?, fragte er. Hier, schau mal. New Hampshire, fünf Cent. New Jersey, zehn.

Jetzt pfuschst du, sagte der Junge. New Mexico, fünf Cent. Hey, hör auf, rief Brenda, wie soll er sich das merken? Na gut, sagte ich und lachte. Immerhin interessant, die Sache mit dem Pfand. Früher habe ich immer gedacht, man könnte die leeren Flaschen von einem Staat in den anderen fahren, von New York nach North Carolina oder umgekehrt, und eine Menge Geld damit verdienen. Jackson, sagte Brenda und legte ihre Hand auf meine, machte es sich auf dem Sofa bequem und legte die Füße auf einen Schemel. Wo hast du denn die tollen Stiefel her?, fragte Randy. Von der North Dakota Trading Company, erklärte Jackson stolz. Dann erzählte er, dass sie einen japanischen Austauschschüler aufgenommen hätten. Er kommt jeden Morgen zum Frühstück runter, erzählte Jackson, und sagt Ohio. Es hat eine Weile gedauert, bis wir verstanden haben, dass das Guten Morgen auf Japanisch heißt. Eigentlich sollte der Junge nach Oklahoma geschickt werden, aber die Gastfamilie, die zugesagt hatte, ist Hals über Kopf nach Oregon umgezogen, weil ihnen ein Kredithai aus Scranton, Pennsylvania, auf den Fersen war.

Milly hatte keine Lust auf die immer selben Geschichten, die sich die Männer erzählten, ging wieder in die Küche und schaltete das Radio ein. She came from Providence, the one in Rhode Island, sangen die Eagles. Sie überflog noch einmal die Postkarte von ihrem Sohn, der gerade dabei war, eine Gruppe randalierender Studenten aus South Carolina aus der Strandbar zu verjagen. Oder war es South Dakota? Was ist nur aus dem Jungen geworden?, dachte sie. Er hat doch so viel vorgehabt. Hat nach der High School sogar zwei Jahre am College in Selma studiert. Er hat alles von Tennessee Williams gelesen und eine anthropologische Arbeit über das Texas Chain Saw Massacre vorgelegt, die mit vierzehn von fünfzehn möglichen Punkten bewertet wurde. Sein Professor, der seine erste Stelle an der Utah State University verloren hatte, weil er gegen das strenge Alkoholverbot auf dem Campus verstoßen hatte, schrieb an einem Langgedicht mit dem Titel The Vermont Trilogy und lud Randy ein, ihm beim Lektorat zu assistieren.

Aber Randy lernte Virginia, ein rothaariges Mädchen aus Ridgefield, Washington, kennen und folgte ihr nach Honolulu, um dieses Surferleben zu führen. Milly hörte, wie sich die Männer draußen verabschiedeten, und sah aus dem Fenster. Randys Freunde stiegen in einen Pick-up-Truck, auf dessen Stoßstange ein Aufkleber prangte: West Virginia is Bush Country. Sag mal, wie heißt eigentlich dein Alligator?, fragte Jackson, als er die Scheibe heruntergedreht hatte. Madison, sagte Randy. Da wollte er hin. Aber nach Wisconsin ist es ein weiter Weg, und nach zwei Kilometern, kurz hinter Selma, taten ihm schon die Füße weh. Da habe ich ihn eingefangen. Why-oh why-Wyoming, summte Milly und rollte mit den Augen. Sie faltete eine Wal-Mart-Tüte zusammen und setzte sich erschöpft auf einen Stuhl. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.10./1.11./2.11.2008)

 

 

Über den Autor
Gregor Hens, geb. 1965 in Köln, studierte Anglistik und Germanistik in Bonn und Berkeley. Hens, der seit 2001 Professor an der Ohio State University ist, lebt heute in Columbus und in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm die Romane Matta verlässt seine Kinder (2004) und In diesem neuen Licht (2006) bei S. Fischer.

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