Musikrundschau mit Rabiatperlen und Gratwanderern

30. Oktober 2008, 16:40
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Neue Alben von den Crystal Antlers, Stephanie McKay, Charlie Haden und Matthew Dear, dazu eine neue Folge von Bob-Dylan-Bootlegs

CRYSTAL ANTLERS
(Touch & Go / Trost)
Nicht ganz unblutig verlaufen die Operationen am offenen Gehörgang, die die US-Band Crystal Antlers auf ihrem Fast-LP-Debüt den Konsumenten zumutet. Die fünf Rabiatperlen aus Kalifornien zählen zu Vertretern eines seit Jahren angekündigten Noise-Rock-Revivals. Angeblich ist das jetzt da. Wobei heute offenbar schon als Noise durchgeht, was eigentlich Ö3-tauglich ist. Dennoch: Die Antlers toben hier beherzt-besessen durch sechs Songs, denen eine Quengelorgel ein etwas labbriges Unterfutter verpasst. Produziert hat Ikey Owens von Mars Volta, noch eine Rabiatperle. Insgesamt erfrischend. Andererseits: Gegen echten Noise-Rock wie von, sagen wir, Killdozer, sind die Crystal Antlers ein Kinderwind im Märchenwald.

BOB DYLAN
Tell Tale Signs - Rare and Unreleased 1989-2006
(Sony)
Die Freaks haben die hier zusammengetragenen Songs, natürlich längst über geheime Versorgungswege beschafft, zu Hause im Safe liegen. Oder haben sich zumindest die gut 100 Euro teure Super-duper-Spezialversion dieser achten Veröffentlichung aus den Bootleg-Series von Bob Dylan zugelegt. Aber auch die zwei CDs und ein dickes Booklet umfassende Arme-Leute-Version tut es, zumal ein Gutteil des hier erstmals legal zugänglich gemachten Materials aus den Sessions von Oh Mercy und Time Out Of Mind stammt. Gerade Letztes ragt in seiner düsteren Brillanz (Dylan war schwer liebeskrank) aus dem üppigen Lebenswerk dieses Enigmas heraus. Zwar kommt hier kaum einmal etwas an die Qualität der damals veröffentlichten Songs heran - Can't Wait zum Beispiel -, schlecht ist hier allerdings auch nichts. Vor allem macht es wieder einmal Lust auf die Originalalben.

STEPHANIE McKAY
Tell It Like It Is
(Hoanzl)
Benannt nach einem Soul-Klassiker von Aaron Neville weist Tell It Like It Is in jene Richtung, die Stephanie McKay auf ihrem zweiten Album einschlägt: Scharfen Southern Soul, den die New Yorkerin mit einer Vergangenheit im Umfeld von Namen wie Amp Fidler, Mos Def, Talib Kweli oder Tricky in Old-School-Manier eingespielt hat. Von fiebrigen Stücken wie Money bis zu cool abgefederten Swingern wie Kinky kreuzt McKay souverän durch den Soul und Funk der frühen 70er-Jahre. Wäre früher wohl ein Klassiker geworden, ist heute mindestens super - obwohl ihre Stimme eher ein Stimmchen ist.

CHARLIE HADEN
Rambling Boy
(Universal)
Soll noch einer sagen, Jazzer wären nicht lernfähig. Charlie Haden, legendärer Bassist des anstrengenden Genres, hat sich für Rambling Boy die Großfamilie eingeladen und ein Album im Einzugsgebiet von Country und Folk eingespielt. Elvis Costello schaut auf einen Hank-Williams-Song vorbei, Sohn Josh Haden intoniert die Jahrhundertnummer Spiritual, und auch Hollywood-Schauspieler Jack Black ist mit dabei. Der ist nämlich Angetrauter einer der drei Töchter Hadens - allesamt Musikerinnen etwa bei den Indie-Folk-Lieblingen Decemberists. "It's a family affair."

MATTHEW DEAR
Body Language Vol. 7
(Physical/Hoanzl)
Wenige bewerkstelligen die Gratwanderung zwischen Elektronik und Indie-Pop so souverän wie der US-amerikanische Produzent und Musiker Matthew Dear, der mit Asa Breed eines der definitiven Alben des Vorjahres ablieferte: voll minimalistischer, nerdig-menschelnder Elektronic mit Pop-Idiom. Ähnlich legt er nun die siebte Ausgabe der Mix-Album-Serie Body Language an. Auf sein Skelett abgemagerter Funk, wie man ihn seit den frühen Talking-Heads-Alben kennt, wird mit Party-Wumme oder Soul aus den Schaltkreisen zusammengeschraubt. Das funktioniert in seiner Ästhetik fast so gut wie ein tatsächliches Matthew-Dear-Werk. Funky und spätnächtlich hypnotisch. (Karl Fluch  / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.10./1.11./2.11.2008)

  • "Tell It Like It Is"
    foto: hoanzl

    "Tell It Like It Is"

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