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„Praktisch und billig“

30. Oktober 2008, 14:29

Der österreichische Künstler Franz West im Gespräch über seine Annäherung an die Skulpur.
Von Nicole Scheyerer

Insights: Als Marcel Duchamp Alltagsobjekte als Kunstwerke ausstellte, hat er Kunst und Leben gleichzeitig angenähert und weiter voneinander entfernt. Was war der Grundgedanke Ihrer ersten „Passstücke“ Anfang der 70er-Jahre, mit denen die Betrachter hantieren konnten?

West: Im Nachhinein habe ich mir oft gedacht, dass ich selbst der Skulptur näherkommen wollte. Ich sah Fotos von Hans Arp, wo er mit weißen Plastiken herumgeht. Im Umfeld des Wiener Aktionismus konnte man Skulpturen nicht mehr nur betrachten. Gleichzeitig herrschte in Amerika damals die Konzeptkunst vor, und das hat so verschwindend ausgesehen. Vielleicht entstand dadurch das Bedürfnis, sich der Skulptur haptisch anzunähern.

Insights: Die Passstücke werden oft als Prothesen bezeichnet. Passt diese Bezeichnung?

West: „Der Mensch ist ein Prothesengott“, habe ich bei Freud gelesen. Es geht um eine Prothese für etwas nicht Vorhandenes. Wenn man etwa einen Bogen sieht und wie man darauf reagiert. Das kann mental oder auch physisch geschehen. Das Spüren ist dabei das Wenigste, sondern dass man sich in eine Situation begibt und dadurch etwas veräußerlicht wird.

Insights: Für Duchamps Readymades existieren mehrere Ursprungsmythen. Gibt es bei Ihnen ein Intitialerlebnis?

West: Ich kann mich an eine Zeichnung von Cy Twombly erinnern, so etwas Ähnliches habe ich dann auch gemacht. Damals musste jeder die Schrift en von Ludwig Wittgenstein kennen. Ich habe dann ein bisschen in seinen „Philosophischen Untersuchungen“ herumgerudert, wo er Sprache mit Werkzeugen vergleicht. Das Bilden eines Satzes wäre dann so, wie mit einem Hammer einen Nagel einzuschlagen.

Insights: Bemerkenswert ist Ihre frühe Entscheidung für Gips und Pappmaché. Wie sind Sie dazu gekommen?

West: Es gab eine Welle des Japonismus, man sah viele Sachen aus Pappmaché, mit Lack überzogen. Mit dem Material kann man sehr gut autonom sein, es ist praktisch und billig.

Insights: Warum landeten die Passstücke wieder auf Sockeln?

West: Nur weil man sich nicht ständig bücken will. Man steigt sonst drauf, oder wenn mehrere Leute im Raum sind, sieht man die Dinge nicht mehr. Richard Serra hat gesagt, jetzt gibt es keine Sockel mehr, das ist bei seinen Formaten durchaus verständlich.

Insights: Die Präsentation, das Display, stellte also eine wesentliche Frage dar?

West: Ich habe sie anfangs an die Wände gelehnt, aber da fallen sie immer wieder um. Im Grunde handelt sich um ein Problem, das auf Kant zurückgeht. Der hatte den Gedanken, dass sich Kunst vom Nutzgegenstand absetzen soll. Das interesselose Wohlgefallen beschränkt sich auf die Betrachtung. Andererseits gibt es ja diese Brunnen und Außenskulpturen: Ich war als Knabe in Rom und dort sehr beeindruckt, weil man oft direkt in die Bildhauerei integriert wird. Es ist also in der Vergangenheit nicht immer alles unberührbar gewesen.

Insights: Dieses Jahr wurde viel über 1968 berichtet. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

West: Damals rechnete man als Künstler nicht mit Gewinn, sondern dass die Kunst in der Gesellschaft eine Rolle haben sollte. Es war allerdings sehr umstritten, ob sie überhaupt eine Daseinsberechtigung hätte oder ob sie nur ein bürgerliches Vergnügen wäre, ein Ersatz für „wahres Leben“.

Insights: Heute werden die Museen oft überrannt. Wie finden Sie diesen Wandel von der Bildungsstätte zum Entertainment Center?

West: Früher hätte man sich gewunschen, dass viele Leute kommen, da waren alle Ausstellungen leer, selbst das Kunsthistorische Museum – selbst bei freiem Eintritt. Ich finde es jetzt nicht so schlecht. Aber das ist nur ein Zustand, der wahrscheinlich nicht so bleiben wird.

Franz West wird am 20.11. an der Gesprächsreihe „Doing Things with Sculpture“ teilnehmen, zu der auch Robert Morris, Rachel Harrison, John Miller, Paulina Olowska und Christian Philipp Müller eingeladen sind.

  • Franz West
Foto: Didi Sattman
© Atelier Franz West

    Franz West
    Foto: Didi Sattman
    © Atelier Franz West

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