Einschreiten, wieder einmal

22. Oktober 2008, 20:02
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Der Mann stand mit einem Sweatshirt in der Hand da - und ein Junge mit nacktem Oberkörper verschwand im Dunkeln

Es war am Dienstag. Irgendwo im dritten Bezirk. Und erst als D. sich danach in jeder Gasse zweimal umsah, fiel uns auf, dass der Polizist vielleicht doch nicht nur blöd dahergeredet hatte.

Wir waren am Heimweg. Denn da die Performance im Arenberg-Flakturm uns nicht wirklich vom Hocker geworfen hatte, waren wir ein bisserl viel früher wieder im Freien, als geplant. Und weil da Rad- und Öffifahrer gemeinsam unterwegs waren, spazierten wir. Einige waren in dem Grätzel groß geworden. Andere in der Umgebung in die Schule gegangen: Ein Kleine-Seitengassen-Erinnerungsspaziergang also.

Tumult

Irgendwo zwischen Rochusmarkt und Wittgensteinhaus sahen wir dann einen kleinen Tumult auf der Straße. Genauer: Wir hörten ihn. "Aufhören!" -"Loslassen" - "Stehenbleiben" - "Loslassen" - "Bleib stehen!" Und als wir um die Ecke bogen, sahen wir einen Mann, der mitten auf der Straße zwischen drei Jugendlichen hin und her sprang. Einen schien er am Arm fest zu halten.

Als wir näher kamen - die Radfahrerinnen waren, aber das sah ich erst später, stehen geblieben -, kamen aus dem Nachbarhaus auch zwei Personen. Sie blieben am Gehsteig stehen. Die Jugendlichen auf der Straße sahen sie - und liefen davon. "Festhalten", rief der Mann - aber die Männer am Gehsteig reagierten nicht. Oder waren zu langsam. Das konnten wir aus der Entfernung nicht sehen.

Nackt

Der dritte Jugendliche, den der Mann auf der Straße noch immer am Arm oder sonst wo hielt, wand sich wie eine Schlange, stand plötzlich mit nacktem Oberkörper da - und flitzte seinen Freunden nach.

Der Mann stand schwer atmend mit einem Sweatshirt und einer Jacke in der Hand zwischen den parkenden Autos: "Die erwischen wir nicht mehr", sagte er als ich bei ihm angekommen war. Auch die anderen Passanten traten jetzt vom Gehsteig herunter. Ja, sagten sie, sie hätten alles gesehen. So wie die anderen Nachbarn auch - dabei zeigten sie auf ein paar Fenster in der Gasse. Die Fenster waren offen. Menschen sahen zu uns herunter.

Licht aus

Der Mann sah leicht irritiert in die Runde. Die Zuschauer traten zurück. Einige drehten das Licht ab. Die meisten schlossen die Fenster. Ich fragte, was geschehen sei: "Die drei Kids haben einen Jugendlichen ausgeraubt. Hier in der Gasse. Direkt vor meinem Fenster. Die haben ihn geschlagen und ihm das Handy weggenommen. Ich hab das gesehen und habe zuerst an die Scheibe geklopft. Aber sie haben nicht aufgehört. Dann hab ich die Polizei angerufen und bin raus", erzählte der Mann.

Einen der drei habe er zu fassen bekommen - und der Beraubte sei verschwunden. Den Rest hätten wir dann ohnehin gesehen. Ob wir noch etwas für ihn tun könnten, fragte ich, aber der Mann winkte ab: Die Kids wären längst über alle Berge. Er warte jetzt hier auf die Polizei - und die Nachbarn wären ja auch hier.

Streifenwagen

Wir schlenderten weiter. Wir waren die einzigen Menschen auf der Straße. Ein paar Minuten später blieb ein Streifenwagen neben uns stehen: Ob wir einen Jugendlichen mit nacktem Oberkörper gesehen hätten, fragte ein Beamter. Nicht wirklich, sagte ich - und sagte wo wir den Flitzer in welche Richtung abhauen gesehen hatten. Und dass der Mann mit der Bekleidung des Knaben sicher mehr wüsste.

Der Polizist nickte und stieg wieder in seinen Wagen. Beim Einsteigen murmelte er etwas darüber, dass es zwar mutig, aber nicht sehr vernünftig sei, sich in der Nacht in einer menschenleeren Gasse mit drei Leuten anzulegen, die die Zuschlag-Hemmschwelle bereits überschritten hätten.

Als wir weiter gingen, begann B. sich über diesen Satz in Rage zu reden. Hätte der Anrainer so feig sein sollen, wie alle anderen? Hätte er den Vorhang zuziehen und durch einen Spalt zusehen sollen, wie das Opfer verprügelt wurde? B. wurde richtig sauer.

Bis D. dann fragte, ob wir nicht doch auf die breiteren Straßen zurück könnten. Sie wisse zwar, dass es vollkommen irrational sei, sich jetzt und hier und in der Gruppe zu fürchten. Aber seit ihr vor ein paar Monaten in einer belebten Zone die Handtasche geraubt worden war und der eine Passant, der ihr helfen wollte, seine Courage mit einem Nasenbeinbruch "belohnt" bekommen hatte, könne sie dem, was der Polizist da gesagt habe, nicht mehr wirklich widersprechen. Auch wenn das feige klänge. (Thomas Rottenberg, derStandard.at,. 30.Oktober 2008)

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