Die Legende namens Stalin

28. Februar 2003, 20:27
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Er schien das Höchste zu verkörpern, was das Menschengeschlecht je hervorgebracht hat ... Analyse einer Faszination

März 1953. Ich stehe im Prager Schriftstellerklub Schlange vor dem Podium. Fast alle Dichter des Landes sind da, von den großen Barden bis zu uns Anfängern. Wir haben uns freiwillig darauf eingeschworen, den ganzen Tag unsere Trauergedichte zu lesen, für den Mann, der soeben in Moskau in das Mausoleum getragen wird. Ein Unsterblicher ist uns gestorben, und wir wollen ihn zu ewigem Leben erwecken.

Heute, nach elf Romanen und fast fünfzig Theaterstücken, darf ich auf einen gewissen IQ verweisen. Doch damals muss ich von der Psyche eines Pyramidenerbauers befangen gewesen sein, dem sein Pharao verblichen ist, was er als das Ende der Zivilisation verstand. Ja: Unsere Gehirnwäsche erfolgte nicht durch Hass, sondern durch abgöttische Liebe. Und deren leibliche Verkörperung hieß Stalin.

Die Stalin-Legende ist die vollkommenste Mischung, mit der die Alchimisten der Macht eine moderne Gottheit geschaffen haben, die ihre Gläubigen auf dem gesamten Planeten fand. Während der zweite Metzger des 20. Jahrhunderts, Adolf Hitler, von Anfang an von allen klügeren Menschen als Verbrecher erkannt wurde, schien Stalin auch für Hochgebildete das Beste zu verkörpern, was das Menschengeschlecht je erdacht und hervorgebracht hat. Nicht zufällig wurde er in den Werken zeitgenössischer Maler wie der Höchste Schöpfer auf barocken Bildern komponiert.

Der rote Papst

Der wichtigste Bestandteil jenes betäubenden Cocktails, der Emotionen hoch peitschte und den Verstand lahm legte, waren zwei Modelle, die der sowjetische ideologische Apparat von den alten Religionen übernahm, der katholischen und der jüdischen: Auch die kommunistische Revolution musste zur dauerhaften Verwurzelung unter den Massen ihren Papst erhalten, ebenfalls als den Einzigen, Allwissenden und deswegen Unfehlbaren. Und auch sie musste ihre treue Diaspora ins Leben rufen, damit diese auf allen Kontinenten ihren Vormarsch moralisch und materiell unterstützte.

Zum Papst ließ sich nach dem Tode des Gründers Lenin blitzschnell Stalin selbst wählen, in der Konklave seiner Getreuen. Und zu opferbereiten Glaubensgenossen wurden in fast allen Ländern der von Krisen gebeutelten Welt die Sympathisanten der dafür gegründeten "Dritten Internationale", von namenlosen Proletariern bis zu namhaften Künstlern und Wissenschaftern. Zu ihrer Bibel wurde Das Kapital von Karl Marx erkoren, ein ökonomisches Fachbuch, das im Unterschied zu Mein Kampf auch nicht entfernt auf Gewaltorgien deuten ließ. Die Täuschung konnte nicht perfekter sein!

Der rote Pontifex im Kreml verwehrte sich gegen eine mögliche Machtspaltung, wie sie fast jede Kirche erlebte, dadurch, dass er seine größten Konkurrenten unter seinen Getreuen zügig liquidierte. Er tat es in Monsterprozessen, welche die mittelalterlichen Hexenjagden auf den modernsten Stand brachten, indem sich die Opfer nicht in unterirdischen Folterkammern, sondern vor den Mikrofonen und Kameras in den Gerichtssälen zu den vermeintlichen Verbrechen gegen ihr sozialistisches Vaterland bekannten. Und führende Persönlichkeiten in der kommunistischen Diaspora auf der ganzen Welt mit all ihrer Autorität erklärten jene Kritiker, die die Schuldbekenntnisse bezweifelten, für käufliche Handlanger imperialistischer Propaganda, die das Heilige Land der sozialen Gerechtigkeit und ihren Schutzpatron Stalin beschmutzen wollten.

Theater mit echtem Henker

Leider gehörte ich zu jenen, die diesem Chor und deswegen auch den Folgeprozessen, die in den 50er-Jahren in der Tschechoslowakei stattfanden, Glauben schenkten, weil mir, obwohl damals bereits Dramatiker, nicht im Traum einfiel, dass Ankläger, Richter, Zeugen, ja sogar selbst die Angeklagten perfekt einstudierte Theaterstücke spielen könnten, wo nur ganz am Ende eine einzige Figur echt agierte - der Henker!

Dem heutigen Leser, der über ein solches Maß an Indolenz nur den Kopf schüttelt, soll erklärt werden, dass die Welt damals von dem "Eisernen Vorhang" fast hermetisch geteilt wurde, sodass sich gleich nach dem Informationsloch des Zweiten Weltkrieges die totale Informationskluft des Kalten Krieges öffnete. Dazu wurde die Stalin-Legende frisch bestärkt, da es zweifellos die Sowjetunion war, welche die Hauptlast des Krieges trug. Mit meinem Vater, der tagtäglich nach BBC heimlich auch dem Moskauer Radio lauschte, hörte ich fast jeden Abend die dramatische Stimme des berühmten Ansagers Levitan, die man mit der Stalinschen identifizierte, weil er seine Befehle verlas. Die Meldungen deutscher Niederlagen, gefolgt von der Hymne und den Artilleriesalven - das war auch für mich der Vorgesang der Freiheit, den ich nach der Befreiung in volles Vertrauen ummünzte. So, wie es vorher das ganze Sowjetland tat, das sich vom bloßen Klang dieses Namens zum heroischen Abwehrkampf bis zur Eroberung Berlins beflügeln ließ.

Schrecklich, wenn man jetzt bedenkt, dass der Name, der fast verlorene Posten zu halten half, wie die Front vor Moskau, das belagerte Leningrad, in dem eine Million Bewohner starb, und die letzten Ruinen von Stalingrad, einem Massenmörder gehörte.

Ein Schriftsteller kann vergessen oder lügen, sein Werk nicht. Ich darf also über mich selbst aufatmen, wenn ich mein erstes regimekritisches Stück lese, bereits 1955 aufgeführt. Als wäre auch der böse Geist gleich gestorben, der vorher die gesamte Atmosphäre durchdrang. Drei Jahre nach dem pompösen Begräbnis beschuldigte Nikita Chruschtschow die Ikone Stalin sogar genozidartiger Verbrechen. So, als dieser einige Millionen ukrainischer Bauern einfach verhungern hatte lassen. So, als ihm die Tschetschenen, Wolga-Deutschen oder Krim-Tataren verdächtig vorgekommen waren und er ganze Nationen in Güterzüge pferchen hatte lassen; wer Glück hatte, fiel mit den Toten in einem der sibirischen Arbeitslager aus dem Wagon.

Nachträglich kann man sagen, dass Chruschtschows Rede ähnlich gravierende Folgen hatte wie später der Ausbruch von Tschernobyl.

Rosen für den Mörder

Fünfzig Jahre nach Stalins Tod würde man glauben, dass er der Vergangenheit angehört. Doch meine letzte Erkenntnis ist keine drei Monate alt. Am 21. Dezember vorigen Jahres erlebte ich eine Rückkehr: Das Moskauer "Burgtheater" MCHAT führte mein neues Stück auf - 35 Jahre nach dem Verbot eines früheren, als ich nach dem "Prager Frühling" zum Feind des Sozialismus erklärt worden war. Die jetzige Premiere fand rein zufällig an Stalins Geburtstag statt, und ich besuchte in der Früh aus Neugier den berühmten Friedhof an der Kreml-Mauer. Neu waren viele Grabtafeln von Stalins Opfern. Ihr Mörder lag direkt vor ihnen, und auf dem Neuschnee unter seiner bronzernen Büste - wie eine Blutlache - eine riesige Wechte aus roten Rosen. Vor mir legte soeben eine Gruppe junger Leute neue nieder. Angesichts kommunistischer Wahlerfolge der letzten Zeit, von Protestwählern ermöglicht, hat mich erschreckt, dass sich seine Strahlung in keinen Sarkophag einbetonieren lässt und immer weitere naive Enthusiasten zu betäuben droht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1./2. 3. 2003)

Der tschechische Schriftsteller Pavel Kohout bekennt, als junger Dichter auch von Stalin begeistert gewesen zu sein, und versucht, die Faszination rückwirkend zu verstehen. Für das ALBUM analysiert Kohout seinen Werdegang in Zeiten des Kalten Krieges.

Der Schriftsteller und Dramatiker Pavel Kohout lebt in Prag und Wien.
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