35 Minuten lang Applaus nach Stalins Rede

28. Februar 2003, 20:56
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Ein Zeitzeuge erzählt

Wien - "Ich bin heute noch dankbar, dass uns die Russen aufgenommen haben." Karl Münichreiter, Sohn des ehemaligen Schutzbundkommandanten Karl Münichreiter, erklärt sich als dankbar, weil seine Familie nach der Hinrichtung des Vaters im Februar 1934 in der Sowjetunion des Diktators Josef Stalin untergekommen war. "Hier wären wir ziemlich bedrängt worden, weil wir Angehörige eines Mannes waren, der gegen das Regime gekämpft hat."

700 bis 800 Mitglieder des 1933 von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß verbotenen sozialdemokratischen, paramilitärischen Schutzbunds und Angehörige flüchteten nach den blutigen Februar-Kämpfen 1934 in die Sowjetunion. Die Russen feierten sie als "Freiheitskämpfer". Zu dem Zeitpunkt war Münichreiter neun Jahre alt, er blieb bis zum 16. Lebensjahr in der Sowjetunion.

Kinderheim

Die drei Geschwister Münichreiter lebten zunächst in einem Kinderheim in Moskau, in dem etwa 120 Schutzbündler-Kinder untergebracht waren. Dort gab es eine deutsche Schule und "alle Möglichkeiten, Sport zu machen, Musik, Theater, Ausflüge. Uns ist es sehr, sehr gut gegangen." Heute kann er sich denken warum: "Um uns später verwenden zu können." Wenn es anders gekommen wäre, die Kommunisten ihr Ziel in Österreich erreicht hätten, wären die Kinder als "Kader" womöglich nützlich gewesen.

"Stalin ist überall gehangen", erzählt Münichreiter. In jeder Institution, in Klassenzimmern, Ämtern, Zeitungen, immer und überall Bilder der "Führers". An einen Vorfall erinnert sich der Zeitzeuge besonders: "Stalin hat bei einem Kongress gesprochen. Das wurde über das Radio übertragen. Nach der Rede applaudierten die Zuhörer 35 Minuten lang. Ich bin da gesessen vor dem Radioapparat - 35 Minuten lang." Ein Beispiel für den Personenkult um Stalin, der von allen aufrechterhalten wurde. "Man hat schon gewusst, dass der Stalin ein Wüterich war. Aber nicht das Ausmaß. Wir haben uns gehütet, allzu viel zu reden, weil das gefährlich war."

"Nicht geredet"

Manchmal ist doch etwas durchgedrungen: "Fallweise hat man gehört, dass ganz früh, um halb fünf oder fünf der grüne Heinrich (eine Polizeistreife) gekommen ist - und einmal wurde der geholt, einmal der." Aber: "Man hat über diese Dinge nicht geredet." Obwohl man sich freilich gewundert hat: "Ist das denn möglich, dass der ein Staatsfeind ist?" habe er sich gefragt, sich aber dann keine weiteren Gedanken gemacht.

Die Privilegien der Schutzbündler-Kinder nahmen mit dem sowjetisch-deutschen Nichtangriffspakt von 1939 langsam ein Ende. Das Kinderheim wurde schon 1938 aufgelöst. Die Kinder zogen zu ihren Eltern. Münichreiters wohnten in einer Drei-Zimmer-Wohnung mit zwei weiteren Familien. Zu viert lebten sie auf 20 Quadratmetern - "verhältnismäßig gut". Im Juni 1941 kam Münichreiter gemeinsam mit seiner zehnjährigen Schwester in ein Ferienlager in Weißrussland. Wenige Tage später, am 22. Juni 1941, griffen die Deutschen die Sowjetunion an. "Dann sind wir unter deutsche Besetzung gewesen. Zwei Jahre hat das gedauert, bis wir wegfahren konnten." Zusammen mit seiner Schwester nahm er 1943 den Zug nach Wien.

In Wien arbeitete der gelernte Uhrmacher die meiste Zeit als Kassier. Da habe Münichreiter auch erst vom Ausmaß des stalinistischen Terror erfahren. "Natürlich sehe ich das heute mit anderen Augen." (APA)

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