Alles für die Iraker

27. Februar 2003, 19:05
6 Postings

Zum US-Kriegsziel Sicherheit kommt jetzt die Demokratisierung der Region - von Gudrun Harrer

Die Akzentverschiebung werden wahrscheinlich nur jene honorieren, die ohnehin schon von der Causa überzeugt sind. George W. Bush legte am Mittwochabend in seiner Rede dar, wofür die amerikanischen Soldaten kämpfen werden, und zwar in dieser Reihenfolge: Freiheit für ein unterdrücktes und Sicherheit für das amerikanische Volk.

Gemessen an der verbalen Obsorge, die der US-Präsident den Irakern angedeihen ließ, war es quasi die friedlichste Kriegsrede, die die Menschheit je vernommen hat - gerade der von Bush ebenfalls angesprochene Vergleich mit Japan und Deutschland, für deren Bevölkerungen nach dem Zweiten Weltkrieg eine kollektive Bestrafung noch durchaus zu den möglichen Szenarien gehörte und die vor allem durch den heraufziehenden Kalten Krieg davor gerettet wurden, gestattet diese Aussage.

Gleichzeitig erschauert man angesichts des unleugbaren Zynismus: Den fürsorglichen Worten werden nämlich die Bomben folgen. Viele der von Bush freundlicherweise für demokratiefähig erklärten Iraker und Irakerinnen werden nicht mehr in den Genuss der drei Millionen Lebensmittelnotrationen, die die USA laut Bush vorbereiten, kommen. Weil sie tot sein werden.

Dass die Befreiung von Saddam Hussein den Irakern diesen zu bezahlenden Preis - den man nicht genau kennt - wert ist, wird von außen bestimmt. Immerhin stellt ihnen Bush ein historisches Verdienst in Aussicht: für die Demokratisierung der ganzen Region. Der Schritt, der zwischen dem Irakkrieg und diesem Zustand liegt, wurde in Bushs Rede - wieder einmal - ausgelassen beziehungsweise so dargestellt, dass die arabischen Regierungen in der Folge des Kriegs den "Mangel an Freiheit" selbst in Angriff nehmen. Na dann toi, toi, toi, hoffentlich kommen nicht ein paar radikale Islamisten ebenfalls auf diese Idee.

Auch im Nahostkonflikt tritt eine allgemeine Läuterung ein: Mit Saddam verschwindet zuerst der palästinensische Terrorismus, dann unterstützt Israel die Schaffung eines "lebensfähigen" palästinensischen Staates - die 40-Prozent-Bantustan-Lösung, von der Israels Premier Ariel Sharon bisher spricht, kann Bush also nicht gemeint haben -, wobei es auf dem Weg dorthin die "Siedlungsaktivitäten in den besetzten Gebieten" einstellt. Also wird wohl Sharon in der Folge eines Krieges auch auf wunderbare Weise den der Siedlerbewegung nahe stehenden nationalreligiösen Wohnbauminister Effi Eitam wieder loswerden, natürlich ohne dass die Regierung kracht.

Für viele Israelis ist diese Aussicht allerdings alles andere als erheiternd - der Gedanke, dass auch sie einen Preis für die Befreiung von Saddam Hussein zahlen werden, liegt nahe. "Israel und Palästina", Seite an Seite, verkündete Bush als seine "persönliche Verpflichtung": Das Stakkato der Mahnungen aus aller Welt an die Bush-Regierung, dass über das Schicksal der Region nicht nur im Irak entschieden wird, hat also etwas gefruchtet, wenn auch vorerst nur verbal.

Vielleicht wird später auch nicht so heiß gegessen wie gekocht, die Adressaten der Bush-Rede saßen nämlich eher nicht in Jerusalem, sondern in den arabischen Hauptstädten, wie an der von Bush in Aussicht gestellten sanften Demokratisierungsvariante für die Region und an der Verbeugung vor der Demokratiefähigkeit der Palästinenser und Iraker leicht zu erkennen ist. In das Bild passt auch, dass die USA soeben eine von Israel erbetene zusätzliche Vier-Milliarden-Dollar-Militärhilfe nicht so ohne weiteres herausrücken wollen.

Natürlich auch, weil so ein Krieg eine teure Sache ist, und auch, dass die Amerikaner im Irak bleiben werden "so lange wie nötig und keinen Tag mehr". Damit sich die Iraker das leisten können, wird man "Iraks natürliche Ressourcen vor einer Sabotage durch ein sterbendes Regime" zu schützen wissen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt, natürlich haben diese Ressourcen nichts mit der Sympathie der USA für die Iraker zu tun.(DER STANDARD, Printausgabe, 28.2.2003)

Share if you care.