Im "Krieg der Worte" agiert Frankreich mit Gelassenheit

30. Jänner 2004, 13:42
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Medien schreiben gegen einen Angriff auf den Irak - Politiker müssen sich so manchen Hüftschuss angelsächsischer Blätter gefallen lassen

Verkehrte Medienwelt: Die sonst so polemischen Pariser Blätter reagieren sehr nüchtern auf die Hüftschüsse angelsächsischer Medien. Wenn das Boulevardblatt "New York Post" gegen die "feigen" Franzosen vom Leder zieht und sie bei ihrer empfindlichen Ader - dem Nationalstolz - zu treffen sucht, oder wenn die Londoner "Sun" Präsident Chirac als "Wurm" hinstellt, bleibt das in Paris natürlich nicht unbemerkt. Kann es auch nicht: "The Sun" fabrizierte sogar eine französische Miniausgabe, um sie in Paris verteilen zu können.

Doch die Franzosen reagieren schulterzuckend. Zudem merken sie auch, dass die Anfeindungen zu weiten Teilen "gemacht" sind. Sowohl die "New York Post" wie "The Sun" gehören schließlich zum Medienmagnaten Murdoch, der mit Frankreich noch nie konnte; Pariser Zeitungen können nur Vermutungen anstellen, warum der vor allem in London politisch einflussreiche "Citizen Kane" eine solche Hasskampagne zulässt oder - wahrscheinlicher - orchestriert. Klarer ist die ideologische Nähe der Bush-Administration zum "Wall Street Journal (WSJ)", in dem ein Kolumnist Chirac als "Ratte" beschimpfen durfte.

Das Fairplay ist einmal eher auf französischer Seite: Statt mit gleichem Schrot zurückzuschießen, publizierte der Chirac nahe stehende "Figaro" diese Woche ein Interview, in dem sich die "WSJ"-Herausgeberin über ihre Frankreich-Schelte ausbreiten konnte.

Franzosen-Klopfen

Eher verblüfft als erbost, hinterfragen französische Medien das jenseits des Atlantiks aufgekommene "French-Bashing" (etwa: "Franzosen-Klopfen"). Der Radiosender France-Info erkundigte sich ausführlich beim "Time"-Korrespondenten in Paris; dem schienen die antifranzösischen Tiraden seiner Kollegen eher peinlich - und den US-Präsidenten Bush stellte er gar in eine Linie mit dem französischen Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen. In seiner eigenen Zeitschrift hätte er eine solche Einschätzung kaum riskiert.

Dass sich die französischen Medien von dem angelsächsischen "Krieg der Worte" nicht ins Bockshorn jagen lassen und gelassen reagieren, ist umso erstaunlicher, als sie samt und sonders gegen einen militärischen Irakangriff anschreiben. Einzelne Pressetitel wie die linksliberale "Libération" mahnen zwar, dass sich ein Abseitsstehen Frankreichs bei einer späteren Machtverteilung im Irak rächen könnte; das konservative Wochenmagazin "le point" äußert zumindest Verständnis für die amerikanische Position. Aber bisher hat sich keine einzige Zeitung in Paris offen für einen Militärschlag im Irak ausgesprochen.

Nachdem sie bei den Präsidentschaftswahlen 2002 bereits Chirac unterstützen mussten, um einen Wahlsieg Le Pens zu verhindern, finden sie sich heute erneut hinter dem gaullistischen Staatschef vereint, der den USA die Stirn bietet.

Vehement pazifistisch sind die Pariser Medien allerdings auch nicht eingestellt. Sollte Chirac bei einem Militärschlag doch mitmachen, um nationale Interessen zu wahren, würde ihm von ihrer Seite kaum ein Entrüstungssturm entgegenbranden. Sie sind zwar gegen den Krieg - würden aber auch nicht dagegen auf die Barrikaden gehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.2.2003)

Stefan Brändle aus Paris
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    "The Sun" vom 20. Februar 2003

  • Teil 2 der Serie
    grafik: der standard

    Teil 2 der Serie

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