Mafiaprozess: Ein Mord als "Feuerprobe"

27. Februar 2003, 19:36
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Zeuge belastete mutmaßlichen Paten schwer - aus Angst wird erst im Zeugenstand die Wollmütze abgenommen

Wien - "Meine Arbeit war: Anordnungen erfüllen, vollkommen zur Verfügung stehen." Jacek war 21, als er zu den "Leuten in der Stadt", wie die Unterwelt in Polen genannt wird, kam. Heute ist er 29 und im österreichischen Zeugenschutzprogramm. Das hat er vor allem seinem letzten Chef, Jeremiasz Baranski (57), zu verdanken, von dem behauptet wird, er sei ein Pate, der weder Mord noch Polizeispitzeldienste abgelehnt habe. Beim Mafiaprozess im schwer bewachten Wiener Landesgericht kreuzten sich am Donnerstag wieder ihre Wege.

Zu Gesicht bekommt Baranski, der sich selbst als unschuldigen Geschäftsmann aus Gramatneusiedl sieht, den ehemaligen "Soldaten" allerdings nicht. Jacek besteht darauf, seine Aussage unter Ausschluss des Angeklagten zu machen. "Angst", lautet die von einer Dolmetscherin übersetzte Begründung. Deshalb nimmt Jacek auch erst im Zeugenstand die übers Gesicht gezogene Wollmütze ab.

Rauchverbot

Angeheuert sei er im November 1998 worden, ein Monat nach einer Haftentlassung, erzählt Jacek. Die Arbeitsbedingungen: unauffällig bleiben, körperlich fit bleiben, Rauchverbot. Letzteres durchbrach Jacek heimlich. Dafür habe es monatlich 400 US-Dollar (umgerechnet 372 Euro) gegeben. "Wofür sollten Sie fit bleiben", will die vorsitzende Richterin Michaela Röggla-Weiss wissen. "Für Aufträge", antwortet der 29-Jährige. Er tut sich noch schwer, das früher fürs Überleben so wichtige Schweigegebot zu überwinden. "Bitte, kommen Sie zur Sache", ermahnt die Richterin.

Was Jacek schließlich auch macht: Gemeinsam mit seinem "Vorgesetzten" Adam sei er hauptsächlich für Botenfahrten und Aufpasserdienste eingeteilt worden. Und Mordaufträge. Zoltan hieß der erste auf der Liste. Baranski habe beschlossen, dass Zoltan sterben müsse, aus Rache dafür, weil er den Tod eines anderen verschuldet habe. Dieser Auftrag sei direkt von Baranski gekommen, betont der Kronzeuge. Doch aus dem Attentat wurde nichts, Zoltan war nämlich gerade im Gefängnis.

Nervöses Verhältnis

Der nächste Auftrag war als "Feuerprobe" für Jacek gedacht. Warum er einen Wechselstubenbesitzer in Warschau erschießen sollte, weiß Jacek nicht. Er tat es schließlich auch nicht. Denn als die Gelegenheit günstig war, habe ihn der Mut verlassen, Kollege Adam habe den Auftrag ausgeführt, doch das Opfer überlebte. Als Baranski davon erfahren habe, sei er "gereizt" gewesen. Ab dann sei das Verhältnis überhaupt "nervös" geworden. Mitte 1999 stieg Jacek schließlich aus. Und stellte sein Wissen fortan der Gegenseite zur Verfügung.

Baranski zeigte sich später erbost darüber, dass er den Zeugen nicht persönlich befragen durfte: "Das ist kein faires Verfahren." Mitte März geht es weiter. (Michael Simoner, DER STANDARD Printausgabe 28.2.2003)

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