Ein Stachel samt Grube

8. September 2003, 22:31
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Ob Libeskinds siegreiches WTC-Projekt so realisiert wird, bleibt höchst fraglich

Daniel Libeskind wurde als Gewinner des Wettbewerbs um die Neugestaltung von Ground Zero bekannt gegeben. Ob sein nadelartiger Turm auch realisiert wird, bleibt fraglich: Larry Silverstein, Pächter des ehemaligen World Trade Centers, sprach sich gegen das Projekt aus.


New York - Auch wenn die New York Times den Entwurf als "kitschig" abtat, hatte sich eine Entscheidung zugunsten von Daniel Libeskind - und damit gegen die Gruppe Think - bereits abgezeichnet: Der aus Lodz gebürtige US-Architekt, Philosoph des Dekonstruktivismus, entschied das Stechen um die Bebauung von Ground Zero für sich. Das Ergebnis des Gestaltungswettbewerbs, zu dem 407 Projekte eingereicht worden waren, wurde am Donnerstag offiziell in New York bekannt gegeben.

Dort also, wo einst, bis zum 11. September 2001, die Twin Towers des World Trade Centers standen, soll das höchste Gebäude der Welt hochgezogen werden: Der Vorschlag von Daniel Libeskind, der mit Museumsbauten Berühmtheit erlangte (Jüdisches Museum Berlin, Imperial War Museum Manchester), sieht einen 530 Meter hohen Skyscraper vor, um den sich fünf niedrigere Türme sowie mehrere Einzelgebäude gruppieren. (Auch das Team Think hätte mit seinem 500 Meter hohen World Cultural Center die Petronas- Zwillingstürme in Malaysia in den Schatten gestellt.)

In einer ersten Reaktion sagte Libeskind, die Entscheidung werde sein Leben verändern. Ob die 6,4 Hektar große Fläche aber tatsächlich nach seinem Entwurf bebaut wird, ist indes fraglich. Denn Larry Silverstein, der wenige Wochen vor dem Terroranschlag das WTC für 99 Jahre gepachtet hat, dürfte ein gewichtiges Wörtchen mitreden: Dem 71- jährigen Immobilienspekulanten geht es mehr um das Preis-Leistungs-Verhältnis denn um architektonische Eleganz. Und Silverstein ist nicht verpflichtet, sich an den Siegerentwurf zu halten. Er sprach sich z. B. gegen die "Gedenkgrube", die Libeskind vorschlägt, aus: Niemand miete Büroräume, aus deren Fenstern man in "so ein gruseliges Loch" schauen könne. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.2.2003)

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